Studie: Deutsche wollen nur hochqualifizierte Zuwanderer

Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich mehr ausländische Fachkräfte. Niedrigqualifizierte sind dagegen offenbar nicht willkommen. Das legt eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) nahe. Hochqualifizierte Arbeitskräfte werden künftig vorwiegend aus den muslimisch geprägten Ländern Nordafrikas kommen, prognostizieren die Migrationsexperten.

Die Politik muss aufhören, die Bürger beim Thema Zuwanderung wie Erwachsene im Kindergarten zu behandeln, die man vor ihren eigenen Ängsten beschützen muss, forderte Klaus Balde, SVR-Vorsitzender (3. von R). Foto: Amin Akhtar/SVR
Die Politik muss aufhören, die Bürger beim Thema Zuwanderung wie Erwachsene im Kindergarten zu behandeln, die man vor ihren eigenen Ängsten beschützen muss, forderte Klaus Balde, SVR-Vorsitzender (3. von R). Foto: Amin Akhtar/SVR

Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich mehr ausländische Fachkräfte. Niedrigqualifizierte sind dagegen offenbar nicht willkommen. Das legt eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) nahe. Hochqualifizierte Arbeitskräfte werden künftig vorwiegend aus den muslimisch geprägten Ländern Nordafrikas kommen, prognostizieren die Migrationsexperten.

Die Deutschen haben weniger Angst vor Ausländern, als die Politik unterstellt. Laut der Studie "Migrationsland 2011" des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) unterscheiden die Deutschen sehr genau zwischen Hochqualifizierten und Niedrigqualifizierten.

Knapp 60 Prozent der Deutschen befürworten eine stärkere Zuwanderung von hochqualifizierten Ausländern. Die Zuwanderung von Niedrigqualifizierten wird dagegen von der Mehrheit abgelehnt.

Etwa 70 Prozent der Befragten wünschen sich "viel weniger" oder "etwas weniger" niedrig qualifizierte Zuwanderer. Die bereits hier lebenden Migranten sind dabei besonders zuwanderungsskeptisch. "Die Ablehnung weiterer Zuwanderung, die Menschen mit Migrationshintergrund äußern, ist als rationale Angst vor weiterer Konkurrenz am Arbeitsmarkt sogar verständlich", heißt es im SVR-Jahresgutachten. Für diese Studie wurden im November und im Dezember 2010 insgesamt 2.450 Personen mit und ohne Migrationshintergrund befragt.

Die Migrationsexperten haben dabei festgestellt, dass die Zustimmungsraten für Zuwanderung mit dem Bildungsniveau und der sozialen Lage der Befragten steigen. "Diese Faktoren überlagern den Einfluss des Migrationshintergrunds vollständig", heißt es in der Studie.

"Die Politik muss damit aufhören, den eigenen Mangel an couragiertem Handeln mit den Ängsten der Bürger zu rechtfertigen", fordert der SVR-Vorsitzende Klaus Bade diese Woche in Berlin bei der Vorstellung der Studie. Deutschland habe sich lange Zeit geziert, sich als Einwanderungsland zu bekennen. Daher ziehe es zu wenige ausländische Fachkräfte nach Deutschland, während zunehmend deutsche Hochqualifizierte ins europäische Ausland abwandern.

Brain-Drain

Das düstere politische und publizistische Menetekel von gescheiteter Integration und der "trompetende Elefant im Porzellanladen Sarrazin" schade der Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland, sagte Bade. Deutschland sei heute ein Migrationsverlierer: Innerhalb der letzten 15 Jahre sind mehr als 500.000 deutsche  Staatsbürger ins Ausland abgewandert als zugewandert. "Das sind nicht etwa Rentner, sondern Menschen im erwerbsfähigen Alter. Der Brain-Drain läuft trotz aller politischer Schönrederei", so Bade.

Deutschland sei dabei, nicht nur die Integrations-, sondern auch die Zuwanderungsförderung zu verschlafen. Voraussichtlich werden 2015 drei Millionen Arbeitskräfte fehlen. Folglich müsse Schluss mit der Devise sein, "dass erst wenn der letzte Arbeitslose das Licht im Arbeitsamt ausmacht, die Einwanderer kommen können."

Attraktives Deutschland

Als Sofortmaßnahmen empfiehlt der SVR deshalb die Mindesteinkommensgrenze für ausländische Hochqualifizierte von derzeit 66.000 Euro auf ca. 40.000 Euro zu senken, eine forcierte "Bleibepolitik" gegenüber internationalen Studierenden als "ideale Zuwanderergruppe" zu betreiben und ein flexibles Punktesystem einzuführen.

Um langfristig zukunftsfähig zu sein, müsse Deutschland seine Migrationspolitik "runderneuern": Es gelte, die eigenen Spitzenkräfte und hochqualifizierte Zuwanderer im Land zu halten. Außerdem sollten Fachkräfte teils dauerhafte, teils befristete Zulassung erhalten und Arbeitswanderungen in niedrig qualifizierte Beschäftigungsbereiche mittels befristeter, saisonaler Zulassung erhalten bleiben.

Kulturpanik ist fehl am Platz

Der SVR geht davon aus, dass die Herkunftsländer der heutigen Zuwanderer künftig selbst zu Einwanderungsländern werden. Die Arbeitskräfte der Zukunft werden unter anderem aus den vorwiegend muslimisch geprägten Ländern Nordafrikas wie Tunesien, Marokko und Ägypten kommen. Deshalb sei die Kulturpanik gegenüber Muslimen kontraproduktiv.

"Das gesetzliche Burkaverbot in Frankreich ist eine Symbolpolitik, die ausgedient hat", meint SVR-Mitglied Yasemin Karaka?o?lu im Gespräch mit EURACTIV.de. Die Burka werde durch das Verbot zu einem Widerstandssymbol selbst von denjenigen, die die Burka bislang gar nicht in Erwägung gezogen haben. Es sei nicht förderlich, eine spezielle Zielgruppe in der Öffentlichkeit als gefährlich und unerwünscht zu stigmatisieren. Dies werde den Diskurs eher weiter polarisieren als entzerren. "Ein Burkaverbot wird es in Deutschland nicht geben", ergänzte SVR-Geschäftsführerin Gunilla Fincke gegenüber EURACTIV.de.

Differenzierter Blick auf Flüchtlinge

Soll Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen? Türkische Migranten mit niedrigem Bildungsniveau sind besonders skeptisch. Über die Hälfte wünscht künftig "viel weniger" (31,2 Prozent) oder "etwas weniger" (20,8 Prozent) Zuzug von Flüchtlingen.

Deutsche ohne Migrationshintergrund stehen der Aufnahme von Flüchtlingen deutlich offener gegenüber: Knapp die Hälfte meint, dass es mehr Zuwanderung von Flüchtlingen geben könne, während ein gutes Drittel weniger Flüchtlingszuwanderung fordert.

Neuer Denkansatz

Der SVR kritisiert die bisherige europäische Flüchtlingspolitik als ineffektiv: Qualifizierte Flüchtlinge werden zurückgeschickt, während erfolglos qualifizierte Zuwanderer gesucht werden. Der SVR fordert daher einen neuen Denkansatz, um Migrations-und Flüchtlingspolitik besser aufeinander abzustimmen.

Sabrina Schadwinkel, Michael Kaczmarek

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Dokumente

EU-Kommission: Eine Partnerschaft mit dem Südlichen Mittelmeerraum für Demokratie und gemeinsamen Wohlstand (8. März 2011)

Pro Asyl: Flüchtlingskrise in Lampedusa spitzt sich zu (30. März 2011)

Kommission: Joint statement by Stefan Füle and Cecilia Malmström on their trip to Tunisia (30. März 2011)

EVP:
Migrant landings in Southern Europe (29. März 2011)

Rat: Richtlinie 2001/55/EG über Mindestnormen im Falle eines Massenzustroms von Flüchtlingen (20. Juli 2001)

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