Strukturwandel in der Landwirtschaft hält an

Wie verändert die EU-Mitgliedschaft den Agrarsektor eines Landes? Das Beispiel Österreich zeigt: Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe geht zurück, dafür werden die einzelnen Betriebe größer. Die kleinen Betriebe setzen verstärkt auf Bio.

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Wie verändert die EU-Mitgliedschaft den Agrarsektor eines Landes? Das Beispiel Österreich zeigt: Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe geht zurück, dafür werden die einzelnen Betriebe größer. Die kleinen Betriebe setzen verstärkt auf Bio.

1994, im Zuge der Beitrittsverhandlungen zur EU, war die österreichische Landwirtschaft um ihre Zukunft besonders besorgt. Fürchtete man doch von den Großproduzenten in der Landwirtschaft, allen voran Frankreich und Deutschland, sprichwörtlich überrollt zu werden. Nach bald 20 Jahren EU-Mitgliedschaft stellt sich, so der ehemalige EU-Landwirtschaftskommissar Franz Fischler, heraus, dass Österreich die Chancen des großen Marktes und neuer Rahmenbedingungen für Produktion und Absatz besonders gut genutzt hat. Hand in Hand damit ging freilich auch eine Umstrukturierung des landwirtschaftlichen Sektors. Die Zahl der bäuerlichen Betriebe schrumpft, gleichzeitig aber steigt die Größe der Betriebe.

60 Prozent weniger Betriebe

Den gewaltigen Wandel zeigt die Statistik. Gab es noch 1951, als die erste statistische Erhebung in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg stattfand, 432.848 Betriebe so ist diese aufgrund der soeben publizierten Agrarstrukturerhebung innerhalb von knapp über 60 Jahren um zwei Drittel geschrumpft. 2013 gab es insgesamt rund 167.500 land- und forstwirtschaftliche Betriebe. Der Betriebsrückgang setzt sich noch immer weiter fort, hat sich jedoch etwas in den letzten Jahren verlangsamt. Wie sehr der EU-Beitritt allerdings zu Strukturveränderungen und Strukturanpassungen geführt hat, zeigen die nackten Zahlen. Wurden im Jahr 1995 noch 239.100 Betriebe ermittelt, so reduzierte sich diese Anzahl seitdem um rund 71.600 (-30 Prozent). In den letzten zehn Jahren gaben durchschnittlich rund 2.300 Landwirte pro Jahr ihren Hof auf beziehungsweise verkauften oder verpachteten ihre Betriebe.

Größere Betriebe – immer weniger Nebenerwerbsbauern

Versuchte man in den 70-er und 80-er Jahren dem Strukturwandel in der Landwirtschaft damit zu begegnen, die Nebenerwerbstätigkeit zu fördern und so den Erhalt kleinerer Betriebe zu sichern, so hat sich die Zahl der Nebenerwerbsbetriebe mittlerweile dramatisch reduziert und fiel von 150.000 im Jahre 1995 auf derzeit bereits weniger als 90.000. Wenngleich die land- und forstwirtschaftlichen Betriebe überwiegend als Familienbetriebe geführt werden, so hält dennoch auch der Trend zu immer größeren Betrieben ungebrochen an: Wurde 1995 von einem Betrieb im Durchschnitt eine Gesamtfläche von 31,8 Hektar bewirtschaftet, so waren es 2013 bereits 43,5 Hektar. Auch bei der Tierhaltung ist dieser Trend zu beobachten: Wurden im Jahr 1995 im Durchschnitt 20 Rinder in einem land- und forstwirtschaftlichen Betrieb gehalten, so nahm die Herdengröße seitdem kontinuierlich auf 29 Rinder pro Betrieb zu. Eine noch rasantere Entwicklung zeigt der Schweinesektor sowie die Schaf- und Ziegenhaltung. Und auch in der Weinwirtschaft, die bisher in Österreich von einer Vielzahl kleiner Winzerbetriebe geprägt war, ist der Umbau signifikant. Die Zahl der Betriebe mit mehr als fünf Hektar Anbaufläche steigt, die mit nur etwas mehr als einem Hektar befindet sich in einem steten Schrumpfungsprozess. Nicht zuletzt ist es gerade die internationale Nachfrage, vor allem nach dem „Grünen Veltliner“, die es erforderlich macht, größere Mengen zu produzieren, um so den Markterfordernissen gerecht zu werden.

Starker Trend in Richtung „Bio“

Interessant am österreichischen Landwirtschaftssektor ist zudem noch eine weitere Entwicklung. Während die Großbetriebe auf Massenproduktion setzen, konzentrieren sich die kleineren Landwirtschaften vornehmlich auf Qualitäts- und Bioprodukte. „Wir sind Weltspitze“ jubelt daher die Bauernschaft, die noch vor zwanzig Jahren um ihre Existenz fürchtete. So stieg die Bio-Fläche in den letzten fünf Jahren um fast 20 Prozent, in Bundesländern mit vielen Ackerbauern sogar um bis zu 50 Prozent. Fazit: Der Bio-Markt in Österreich gehört zu den führenden und höchst entwickelten der Welt. Der Landwirtschaftssektor in Österreich gilt, so Fischler, als ein klassisches Beispiel dafür, welche Chancen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union bietet, wenn man sie nur nützt.