"Stille Krankheiten": Der Kampf um bessere Früherkennung

Lebererkrankungen, die oft unbemerkt bleiben, bis es zu spät ist, sind in Europa auf dem Vormarsch. Um die Früherkennung zu verbessern, wollen die Verantwortlichen im Gesundheitssystem nun die Menschen stärker in ihrer eignen Lebenswelt abholen.

Euractiv.com
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„Sie werden ein Pulsieren spüren“, sagte Tatjana Reic zu einem Patienten, als sie das Scan-Gerät FibroScan gegen die Rippen der Person hielt und die Leber in einer mobilen Einheit – einem kleinen Lieferwagen – auf dem Internationalen Leberkongress der EASL am 23. Juni untersuchte. [[Giedre Peseckyte]]

Lebererkrankungen, die oft unbemerkt bleiben, bis es zu spät ist, sind in Europa auf dem Vormarsch. Um die Früherkennung zu verbessern, wollen die Verantwortlichen im Gesundheitssystem nun die Menschen stärker in ihrer eignen Lebenswelt abholen.

„Sie werden ein Pulsieren spüren“, sagt Tatjana Reic zu einem Patienten, als sie das Scan-Gerät FibroScan gegen seine Rippen hält und in einer sogenannten mobilen Einheit untersucht – einem kleinen Lieferwagen beim Internationalen Leberkongress der EASL am 23. Juni.

„Die Ultraschallwelle wird sich ausbreiten und die Steifigkeit der Leber messen, und dann können wir auch sehen, ob Fett vorhanden ist.“

Reic nutzt einen Scanner, der die Lebersteifigkeit misst, indem er die Geschwindigkeit einer Scherwelle auf ihrem Weg durch die Leber erfasst und berechnet. Wenn es Narben gibt, die auf eine Leberzirrhose hindeuten, die durch Virushepatitis, Alkohol oder eine Fettleber verursacht werden kann, zeigt das Gerät dies an.

Danach führt Reic einen Mundabstrich für den Hepatitis-C-Test durch.

„Sie müssen in 20 Minuten wiederkommen, um das Ergebnis des Abstrichs zu sehen“, erklärt sie dem Patienten.

Die Durchführung von Tests auf Nierenerkrankungen ist wichtig, da sich die Krankheit erst in späteren Stadien bemerkbar macht und deshalb als „stille Krankheit“ bezeichnet wird. Selbst wenn Symptome vorhanden sind, werden solche Krankheiten oft übersehen oder einem anderen Gesundheitsproblem zugeschrieben.

„Die Leber tut nicht weh“, erklärt Thomas Berg, Generalsekretär der European Association for the Study of the Liver (EASL), während einer Pressekonferenz bei dem Kongress.

Laut Berg sterben in Europa jährlich fast 300.000 Menschen an einer Lebererkrankung.

„Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die meisten von ihnen durch Früherkennung, frühe Behandlungszeiten und frühe Prävention hätten verhindert werden können“, betont er.

Die Verbesserung der Früherkennung ist der Grund, warum der für Lebertests ausgerüstete Transporter in Kroatien und über die Landesgrenzen hinaus im Einsatz ist, so auch beim EASL-Kongress in Wien.

Er wird von Tatjana Reic geleitet, der Leiterin und Gründerin von „Hepatos“, der kroatischen Vereinigung für Lebererkrankungen. Der Transporter wurde vor sieben Jahren in Betrieb genommen und leistet seitdem Pionierarbeit als mobile Klinik für Hepatitis-Tests, die später auch Leberscans anboten. Inzwischen wurden in Kroatien und anderen Ländern über 5.000 Scans durchgeführt.

„Wir waren in Ländern wie Albanien, Kosovo, Montenegro, Serbien, Bosnien und Nordmazedonien unterwegs. Also die gesamte Balkanregion“, sagte Ana Visic, Sekretärin von Hepatos, gegenüber EURACTIV.

Tatjana Reic, Präsidentin und Gründerin von „Hepatos“ im Transporter auf dem EASL-Kongress.

Näher an den Menschen, um Stigmatisierung zu verhindern

Die mobile Einheit erreicht auch abgelegene Orte, beispielsweise auf Inseln lebende Menschen, für die die Gesundheitsversorgung nicht so leicht zu erreichen ist, und bekämpft so auch sogenannte medizinische Wüsten – weiße Flecken auf der Landkarte der Gesundheitsversorgung.

„Wir waren an einigen der wundervollen Orte, bei denen sogar Google fragt: ‚Wo willst du hin?‘“ sagte Visic.

Auch Gefängnisse, Menschen mit injizierendem Drogenkonsum (PWID), Obdachlose und Gemeinschaften Zugewanderter werden aufgesucht, um den Zugang zu Tests und Behandlungen zu gewährleisten und so die Stigmatisierung zu vermeiden.

„Leberkrankheiten sind mit einem großen Stigma behaftet“, betonte Reic, die selbst eine ehemalige Hepatitis-C-Patientin ist. Ihrer Meinung nach hilft es, dieses Stigma abzubauen, wenn man direkt vor Ort geht.

„Wir kommen in die Gemeinden, in denen die Menschen Drogen konsumieren – sie alle konsumieren Drogen, also stigmatisieren sie nicht“, sagte sie. Anders sieht es aus, wenn der Lieferwagen nur auf der Straße steht.

„Wenn jemand sieht, wie die Leute in den Lieferwagen gehen, können sie stigmatisiert werden: ‚Oh, sieh ihn dir an, er geht zum Lieferwagen, er muss ein Drogenkonsument sein.‘“

Behandlung hängt von Diagnose ab

Drogenabhängige haben ein höheres Risiko, an Hepatitis C zu erkranken, da die Krankheit durch Kontakt mit Blut übertragen wird. Nach den Daten des ECDC aus dem Jahr 2021 war der injizierende Drogenkonsum mit 80 Prozent die häufigste Art der Virusübertragung.

Laut Michael Gschwantler, Leiter der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie am Krankenhaus Ottakring in Wien, ist die Behandlung von Menschen mit Drogenproblemen in den meisten Fällen eine Herausforderung, da sie es vermeiden, ein Krankenhaus aufzusuchen, und sich im Falle einer Diagnose nicht auf eine acht- bis zwölfwöchige Behandlung einlassen.

Um diese Probleme zu lösen, wurde in einer niederschwelligen Einrichtung eine Ambulanz eingerichtet, in der Gschwantler jeden Dienstag Patienten behandelt und alle erforderlichen Untersuchungen durchführt, einschließlich Leberscans und Hepatitis-C-Tests.

Die Diagnose ist zwar der erste Schritt, aber es geht auch darum, die Fortführung der Behandlung zu gewährleisten. Hier kommen die Apotheken ins Spiel, zu denen die Drogenabhängigen jeden Tag kommen, um eine Opioid-Substitutionsbehandlung (OST) zu erhalten, eine Form der Gesundheitsversorgung für Heroin- und andere Opiatabhängige.

„Sie nehmen die Pillen direkt in der Apotheke ein, und bis jetzt konnten wir 740 Patienten behandeln. Das sind viele der schwer zu behandelnden Konsumenten intravenöser Drogen. Und die Erfolgsquote liegt bei über 99 Prozent, was wirklich großartig ist“, so Gschwantler.

Gschwantler hat zwar viele Patienten behandelt, aber nicht jede Schwelleneinrichtung hat einen Arzt, der Medikamente verschreiben kann.

„Natürlich kann jedes Zentrum diese Diagnose stellen, aber dann müssen sie den Patienten zur Behandlung in ein Krankenhaus schicken. Und dann ist die Anbindung an die Versorgung ein Problem. Denn dort tauchen sie vielleicht nicht auf“, so Gschwantler.

Derweil löst das Hepatos-Team dieses Problem, indem es mit einem lokalen Arzt reist.

„Die Patienten, die es brauchen, werden automatisch mit einem örtlichen Krankenhaus und einem Arzt verbunden, sodass sie ihre Behandlung und Medikamente rechtzeitig erhalten können“, sagte Visic und betonte, dass die Verbindung zur Versorgung sehr wichtig sei.

Dies wiederum trage nicht nur dazu bei, Patienten besser mit den notwendigen Behandlungen zu versorgen, sondern auch die Belastung der überlasteten Gesundheitssysteme zu verringern.

Innerhalb der EU investiert der Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) mit einem Budget von rund 7,2 Milliarden Euro unter geteilter Verwaltung für den Zeitraum 2021-2027 in Gesundheitsinfrastruktur und -ausrüstung.

Dazu gehören mobile und ferngesteuerte Gesundheitseinrichtungen sowie die Digitalisierung von Gesundheitsdiensten wie E-Health, mobile Gesundheit, Telegesundheitsdienste, öffentliche Informationssysteme und Telemedizin.

Mit diesen Investitionen will die EU-Kommission den gleichberechtigten Zugang zu qualitativ hochwertiger und nicht segregierter Gesundheitsversorgung und -diensten, insbesondere für gefährdete und Randgruppen, gewährleisten und verbessern und so zum Abbau sozioökonomischer und geografischer Ungleichheiten beitragen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]