Statt Reformen: Italien will Krankenschwestern aus Indien importieren

Der steigende Bedarf an Gesundheitspersonal hat die Regierung dazu veranlasst, Personal aus Ländern wie Indien und Kuba zu "importieren", anstatt Maßnahmen zur Behebung der aktuellen Probleme im System vorzuschlagen.

EURACTIV.it
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Seit Jahren kämpft Italien mit einem Mangel an Krankenschwestern und -pflegern - ein Problem, das während der COVID-19-Pandemie ans Licht kam und sich verschlimmert hat, weil keine konkreten Maßnahmen dagegen ergriffen wurden. [Shutterstock/Dragon Images]

Der steigende Bedarf an Gesundheitspersonal hat die Regierung dazu veranlasst, Personal aus Ländern wie Indien und Kuba zu „importieren“, anstatt Maßnahmen zur Behebung der aktuellen Probleme im System vorzuschlagen.

Seit Jahren kämpft Italien mit einem Mangel an Krankenschwestern und -pflegern – ein Problem, das während der COVID-19-Pandemie besonders schmerzhaft ans Licht kam und sich verschlimmert hat, weil keine konkreten Maßnahmen dagegen ergriffen wurden.

Italienische Fachkräfte beklagen sich über niedrige Löhne und geringe Karriereperspektiven. Viele entscheiden sich für einen Umzug ins Ausland, häufig in die benachbarte Schweiz, während junge Menschen angesichts der Arbeitsbedingungen weniger dazu neigen, ein Studium im Gesundheitswesen zu absolvieren.

Obwohl drei migrationskritische Mitte-Rechts-Parteien an der Regierung sind, haben Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (Fratelli d’Italia/EKR), Vizepremier Matteo Salvini (Lega/ID) und Antonio Tajani (Forza Italia/EVP) eine Lösung gefunden, indem sie Fachkräfte aus dem Ausland „importieren.“

Die ersten Ärzte kamen aus Kuba. Bald werden Krankenschwestern aus Indien kommen, die höhere Löhne als in ihren Heimatländern erwartet. Die Regierung spricht von einer Übergangslösung.

„Es wäre nicht schlecht, wenn es in Italien mehr Ärzte gäbe, vor allem in bestimmten Fachbereichen, aber Krankenschwestern gibt es einfach nicht. Wir arbeiten also einerseits daran, den Beruf des Krankenpflegers attraktiver zu machen, aber kurzfristig müssen wir Vereinbarungen mit dem Ausland treffen, um eine ausreichende Zahl von Krankenpflegern zu bekommen“, sagte Gesundheitsminister Orazio Schillaci.

Der italienische Krankenpflegeorden spricht von einer „Pufferlösung“, die nur dann akzeptabel sei, wenn sie mit Garantien einhergehe. Hauptziel müsse es sein, dem Pflegeberuf sowohl in wirtschaftlicher als auch in beruflicher Hinsicht mehr Anerkennung zu verschaffen. Die Berufsverbände hingegen bezweifeln die sprachliche und berufliche Eignung der indischen Kollegen.

In Italien gibt es (verhältnismäßig) weniger Krankenschwestern und Krankenpfleger als in anderen europäischen Ländern. Der durchschnittliche Rückgang der Einschreibungen an der Fakultät für Pflegewissenschaft beträgt -10 Prozent im Vergleich zum letzten Studienjahr.

Der italienische Rechnungshof schätzt, dass etwa 65.000 Krankenschwestern und -pfleger fehlen, während zusätzlich 20.000 „Familien- und Gemeindeschwestern“ benötigt werden. In den letzten Jahren sind fast 30.000 italienische Krankenschwestern ins Ausland abgewandert; mehr als 3.000 verlassen jedes Jahr das Land.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Italiener eine zunehmend ältere Bevölkerung sind: fast 20 Prozent sind über 65 Jahre alt und benötigen daher zunehmend medizinische Versorgung. Schätzungen zufolge wird der Mangel an Krankenschwestern und -pflegern aufgrund des Ungleichgewichts zwischen Pensionierungen (17.000 pro Jahr) und Neueinstellungen (8.000 pro Jahr) jährlich zunehmen.

Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) leidet der italienische Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen außerdem unter einem chronischen Mangel an finanziellen Mitteln, schlechten Karrieremöglichkeiten und Vetternwirtschaft, was ihn für ausländische Fachkräfte unattraktiv macht.