Stasi-Kellner zur Mustermesse
Er verriet Fluchtpläne von DDR-Bürgern, meldete Meinungsäußerungen aus dem Volk und bespitzelte als Kellner eines Nobelrestaurants die ausländischen Gäste der Leipziger Messe. Ich sprach mit einem eifrigen Mitarbeiter der Stasi - einen Tag, bevor er sich selbst aus dem Staub machte.
Er verriet Fluchtpläne von DDR-Bürgern, meldete Meinungsäußerungen aus dem Volk und bespitzelte als Kellner eines Nobelrestaurants die ausländischen Gäste der Leipziger Messe. Ich sprach mit einem eifrigen Mitarbeiter der Stasi – einen Tag, bevor er sich selbst aus dem Staub machte.
Es war zwei Monate vor der Wende. Für 100 D-Mark, die er für seine Flucht in den Westen benötigte, war er bereit zu reden. Ich musste ihm fest versprechen, mit meiner Reportage einen Tag zu warten.
Dass dies sein letzter Arbeitstag werden würde, das wusste niemand außer ihm selbst. Nicht seine Familie, nicht seine Kollegen im Lokal und schon gar nicht sein Verbindungsmann zur „Firma“.
Panorama-Restaurant im 29. Stock
Mitten in der Messe-Woche, in der die Kellner täglich bis zu zwölf Stunden arbeiten, springt er ab. Sein Arbeitsplatz: das "Panorama"-Restaurant, ein sehr gefragtes Lokal im 29. Stock der damaligen Karl-Marx-Universität.
Unmittelbar vor dem letzten Dienstantritt holt er sich sein Ticket nach Ungarn ab. Ungarn als Zwischenstation in Richtung Westdeutschland.
Am Vorabend des letzten Arbeitstages fragt er gut aufgelegte Gäste aus Österreich beiläufig, ob dies alles bloß westliche Propaganda sei mit den Flüchtlingszahlen in Ungarn. Was sie ihm erzählen, räumt seine letzten Zweifel aus. Sein langgereifter Entschluss steht vor der Verwirklichung: "Ich muss hier weg, so schnell wie möglich. Sonst drehe ich durch."
Es geht ihm nicht schlecht in der DDR. Mit Schmiergeld und Stasi-Entgelt in der Höhe des vierfachen Gehalts, also um die 3.000 DDR-Mark, hat er eine akzeptable Altbauwohnung mit Küche, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer sowie Innenbad in Zentrumsnähe bekommen. Er hat eine Frau, von der er in Trennung lebt – wie so oft in der DDR leben getrennte oder geschiedene Paare aus Wohnungsmangel noch in derselben Wohnung zusammen weiter -, und ein Kind.
Seine Familie bezeichnet er als wohlhabend. Zwei Häuser, großes Grundstück, Auto. Von seinen drei Geschwistern sitzt ein Bruder zur Zeit in Haft. Wegen "versuchter Republikflucht" ist er im Oktober 1988 zu zwanzig Monaten Gefängnis verurteilt worden. Wahrscheinlich kommt er zum vierzigsten Jahrestag der DDR-Staatsgründung frei, hofft die Familie.
Westkohle gegen Ostkohle
Der 31-jährige Kellner Matthias H. wohnte damals in Thüringen an der deutsch-deutschen Grenze. Dort war er auch eingesetzt, als er seinen Armeedienst ableistete. Er erinnert sich "an einige Verrückte, die nicht gezögert haben, auf Republikflüchtlinge zu schießen. Bloß für einen Tag Extraurlaub."
In dieser Zeit wurde er, 1978 war es, "in eine dumme Sache verstrickt". Unwissend, wie er beteuert. Bei seinem Dienst als Grenzsoldat kam er mit vielen bundesdeutschen Bürgern in Kontakt. Da war auch eine Gruppe von sieben Westdeutschen, die jede Woche in die DDR kam und auf provokant großem Fuß lebte. Er profitierte selbst davon. "Ich gab ihnen die Ostkohle, und die haben mir die Westkohle besorgt."
Vertrag auf Lebenszeit
Einmal sagten sie: "Wir wissen alles, was wir sehen wollten." Sie kamen nie wieder. Dafür meldete sich wenige Stunden später die Stasi. Er wurde vier Stunden lang verhört. "Dann haben sie mir angetragen, als Zuträger für das Innenministerium zu arbeiten. Ich musste einen Vertrag auf Lebenszeit unterschreiben."
Er musste sich jede Woche einmal mit einem Verbindungsmann treffen. Er lieferte regelmäßig Berichte ab über "diverse Meinungen innerhalb der Bevölkerung".
1979 lieferte er einen "knallhart ans Messer". Er war auf einen Mann angesetzt, der das Land verlassen wollte. "Der gab mir einen Zettel in einer Streichholzschachtel. Den Zettel sollte ich ans ZDF-Magazin weiterleiten. Ich habe ihn aber einfach meinem Verbindungsmann gegeben." H. erhielt dafür 250 Mark. Der Ausreisewillige, ein Ingenieur, "der ging dafür in den Knast". Ein halbes Jahr später sei der Mann im Westen gewesen, "abgeschoben oder freigekauft".
Warum er das getan hat? "Mit 18 Jahren ist man noch abenteuerlustig." Im West-TV die James-Bond-Filme und die Agentenjagden, im Osten das Prickeln mit der Stasi. "1980 kam ein Typ aus Berlin. Auch den hab ich ans Messer geliefert. Weiß nicht, was aus dem geworden ist."
Dann wollte er selbst abhauen. 1985 unternahm er einen Fluchtversuch über Ungarn. Er wurde gefasst, konnte sich aber herausreden. Dann probierte er es über die jugoslawische Grenze. Einen Kilometer davor scheiterte der Versuch. Wieder kam er davon.
Wenn Prostituierte protokollieren
Was so mancher Messegast in Leipzig ohnehin vermutet oder viele naiv verdrängen, bestätigt H. voll: Viele Kellner werden auf die Bundesbürger angesetzt. "Und wo erfährt am meisten? In den Kneipen!". Viele Kellner, die ihre Wahrnehmungen notieren und melden, tun dies weniger freiwillig als vielmehr "freimüssig". Sie werden mit irgendeinem früheren Vergehen erpresst. "Plötzlich steht einer da und sagt: Wenn Sie vielleicht einmal ein Problem haben, können wir Ihnen helfen."
Die ausländischen Messegäste, meint er, wissen gar nicht, wie vorsichtig sie sein sollten. Im Restaurant wie im Rotlichtbezirk. Offiziell gibt es in der DDR die kapitalistische Dekadenz der Prostitution nicht. In der Praxis aber sind sie nicht nur ein geduldetes Übel. In den teuersten Hotels – Merkur und Stadt Leipzig – lungern Nobeldirnen herum. Weiter weg vom Zentrum ist alles billiger.
Manche der Prostituierten arbeiten direkt im öffentlichen Auftrag. Der Staat will nicht nur Informationen über Westgäste, sondern auch einen Teil der Einnahmen. In anderen Fällen zahlt der Staat wiederum ein Honorar. Viele von ihnen wurden erpresst.
Insgesamt soll Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, Hunderte Prostituierte zur Messezeit nach Leipzig geschickt haben, Hausfrauen, Studentinnen, Personen mit HWG, häufig wechselndem Geschlechtsverkehr. Etwas skurril ist es schon, dass Mielke hier die Käuflichkeit der Liebe einsetzte und dann, nach der Wende, als ihm der Prozess gemacht wurde, zu seiner Verteidigung seines Wirkens sagte: „Aber ich liebe euch doch alle!"
"Das Netz funktioniert unglaublich gut"
"Das Netz der Stasi funktioniert unglaublich gut", fasst der Kellner zusammen. Der Informant erzählt das alles am Tag vor seiner Ausreise. Ob ihm die Flucht über Ungarn in den Westen gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Eine Frage machte ihn doch sehr nervös, sogar richtig Angst: Ob die Stasi auch im Westen auf Einhaltung des "Vertrags auf Lebenszeit" besteht? Was ist, wenn sie ihn dort ausfindig machen?
Zur Einordnung: Im Jahr der Wende waren 90.000 Mitarbeiter bei der Stasi beschäftigt. Sie sammelten Informationen über ein Drittel der DDR-Bevölkerung. Zwei Mal im Jahr „kümmerte“ sich Mielke um Hunderttausende Besucher aus den nichtsozialistischen Ländern. Die Geheimpolizei war in 15 Bezirksverwaltungen und 209 Kreisdienststellen organisiert. Die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) betrug zirka 174.000, die der "Offiziere im besonderen Einsatz" (OibE) ist unbekannt.
Seit wenigen Jahren wird der 29. Stock als Panorama Tower Restaurant geführt. Das Gebäude beherbergt längst nicht mehr die Leipziger Uni, sondern Mieter wie den Mitteldeutschen Rundfunk (mdr), die Europäische Energiebörse EEX oder eben das Restaurant. In jede Himmelsrichtung zeigt ein Teilrestaurant mit dem Namen Tokio, Kapstadt, New York und Sankt Petersburg. Hier, wo es Hindernisse, Grenzen und Unfreiheit gab, wirbt das Restaurant heute mit dem ungehinderten Blick aus 120 Metern Höhe: "Grenzenlose Freiheit atmen."
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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