„Städte müssen sich an den Bewohnern ausrichten“
Weltweit wachsen die Städte immens, organisiert sind sie jedoch wie aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts. In einer umfassenden Studie spürte Veolia Environnement urbanen Lebensstilen nach. Im Interview mit EURACTIV.de spricht Joachim Bitterlich, Chairman von Veolia Environnement in Deutschland, über die Notwendigkeit, die Lebensverhältnisse der Stadtbewohner in der ganzen Welt zu erfassen und zu verstehen, was die Menschen von städtischer Entwicklung erwarten.
Weltweit wachsen die Städte immens, organisiert sind sie jedoch wie aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts. In einer umfassenden Studie spürte Veolia Environnement urbanen Lebensstilen nach. Im Interview mit EURACTIV.de spricht Joachim Bitterlich, Chairman von Veolia Environnement in Deutschland, über die Notwendigkeit, die Lebensverhältnisse der Stadtbewohner in der ganzen Welt zu erfassen und zu verstehen, was die Menschen von städtischer Entwicklung erwarten.
Zur Person
Prof. Joachim Bitterlich ist seit 2003 Executive Vice President International Affairs bei Veolia Environnement in Paris und seit 2009 zusätzlich Chairman von Veolia Environnement in Deutschland. Er war enger Mitarbeiter von Bundeskanzler Helmut Kohl, von 1993 bis 1998 sein außen- und sicherheitspolitischer Berater. Er ist ehemaliger Diplomat und war in dieser Funktion zuletzt als deutscher Botschafter bei der NATO und in Spanien. Bei Veolia Environnement in Deutschland setzt er sich in übergeordneter Funktion dafür ein, dass die einzelnen Geschäftsbereiche verstärkt Synergien entwickeln, enger zusammenarbeiten und integrierte Konzepte für die drängenden Fragen nachhaltiger Entwicklung erarbeiten.
EURACTIV.de: Worum geht es genau bei den Studien des „Veolia Observatory of Urban Lifestyles“?
BITTERLICH: Angesichts der weltweit zunehmenden Verstädterung geht es um neue Lösungsansätze für die Herausforderungen, die dieses Phänomen mit sich bringt, wie Klimawandel, Verknappung der natürlichen Ressourcen, sanitäre Risiken. Die sind zwar nicht neu, werden aber noch nicht ausreichend konsequent angegangen.
Um nachhaltige Lösungen für eine bessere Lebensqualität der Menschen in den Städten entwickeln zu können, muss man die Entwicklung und die Vielfalt der städtischen Realität weltweit zunächst einmal gut kennen. Dazu gehört auch das Wissen darüber, wie Stadtbewohner ihre Umgebung wahrnehmen, welche Bedürfnisse, welche Wünsche und Ängste sie haben. Das ist das Anliegen der Studien, die Veolia Environnement in Auftrag gegeben hat. Wir sehen sie als Basis für einen konstruktiven Dialog mit anderen Akteuren über alle Aspekte des zukünftigen Stadtlebens – und für die Entwicklung nachhaltiger Lösungen.
EURACTIV.de: An welche Art von Lösungen denken Sie?
BITTERLICH: Es müssen neue Lösungen für das Management von Großstädten gefunden werden. Die Organisation und Funktionsweise der meisten Städte entspricht heutzutage noch Entwürfen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Eine Stadt, ihre Organisation wie ihre Infrastruktur, muss sich und an die geänderten Rahmenbedingungen und Anforderungen ihrer Bewohner anpassen.
Es geht zum Beispiel darum, Gebäude energieeffizient zu betreiben, innovative Verkehrskonzepte einzuführen oder die Wiederverwertung städtischer Abfälle zu verbessern. Allgemeiner gesagt: Die Versorgungs- und Entsorgungsstrukturen müssen neu gedacht werden, mit Ressourceneffizienz als oberster Prämisse.
EURACTIV.de: Welche Rolle spielt Veolia Environnement dabei?
BITTERLICH: Die zentralen Herausforderungen des Wachstums der Städte sind Umweltfragen. Deshalb sind es vor allem Anbieter von Umweltdienstleistungen wie Veolia, von denen Konzepte dazu gefragt sind, wie sie die Umwelt sauber halten, die Gesundheit der Menschen schützen, ihnen flexible, emissionsarme Mobilität ermöglichen und allgemein größeren Komfort bieten können. Oder allgemeiner ausgedrückt: Von uns erwartet man – mit Recht – machbare Vorschläge dazu, wie man die Entwicklung der Städte so gestalten kann, dass sie mit dem Schutz der Umwelt und des Klimas vereinbar ist, und zwar nachhaltig und zu möglichst günstigen Preisen.
Veolia Environnement bietet bereits seit mehr als 150 Jahren Dienstleistungen für die urbane Lebensqualität – von der Trinkwasserversorgung und Abwasserbehandlung, über Verkehr und Abfallentsorgung bis hin zu Energiedienstleistungen. Auf diese Erfahrung greifen wir zurück, außerdem auf ein weltweites wissenschaftliches Netzwerk mit eigenen Forschungszentren und vielen Kooperationspartnern. Ein gutes Beispiel dafür ist das Kompetenzzentrum Wasser Berlin, das international höchste Anerkennung findet.
EURACTIV.de: Sind Großstädte denn eine Bedrohung für die Umwelt?
BITTERLICH: Nein, nicht unbedingt. Wenn sie nachhaltig gemanagt werden, können sie sogar eine Lösung für Umweltprobleme sein. Und um diese Lösungen zu finden, bieten sie die idealen Rahmenbedingungen: räumliche Nähe, Netzwerke, Technologien und finanzielle Mittel.
EURACTIV.de: Ist das ‚Observatory of Urban Lifestyles‘ ein einmaliges oder ein längerfristiges Projekt??
BITTERLICH: Durch den Erfolg des ersten Durchlaufs 2007 wurden wir darin bestärkt, die regelmäßig fortzuführen. Sie ist bewusst als Langzeitprojekt angelegt. In jedem Durchlauf werden in Teilbereichen neue Schwerpunkte gesetzt und andere Städte hinzugenommen. Dabei werden gleichzeitig jeweils mehr als 8500 Personen in 14 großen Städten auf verschiedenen Kontinenten befragt. So erwarten wir, mit der Zeit ein weitgehend objektives Bild von den unterschiedlichen urbanen Lebensstilen in der ganzen Welt zu bekommen.
EURACTIV.de: Welches Bild zeigt sich?
BITTERLICH: Städte wecken gemischte Gefühle. Einerseits stehen sie für Freiheit und unbegrenzte Möglichkeiten, für wirtschaftlichen, kulturellen und Bildungsfortschritt. Andererseits sind sie auch die Ursache für Ängste in Bezug auf die Lebenshaltungskosten, Umweltverschmutzung, Stress, Enge und Überfüllung sowie Kriminalität. Unterm Strich mögen die meisten Städter aber ihre Stadt und wollen auch nicht wegziehen. Für sie ist die Stadt der ideale Ort, um zu leben, zu arbeiten und eine Familie zu gründen.
EURACTIV.de: Die Seiten, die Ihnen nicht gefallen, können Sie genau benennen?
BITTERLICH: Sehr genau sogar. Die meisten Stadtbewohner haben eine sehr klare Auffassung über die Lebensverhältnisse in ihrem Umfeld und eine genaue Vorstellung, wie es idealerweise sein müsste. Das ist auch sehr wichtig, denn ausgehend von diesem Idealbild kann man Strategien und Ansatzpunkte für die Gegenwart finden, um es zu verwirklichen.
Für viele Befragte sollte die Traumstadt beispielsweise weniger anonym und einengend, dafür grüner, geordneter, sauberer, friedlicher und sicherer sein. Über 90 Prozent der Bewohner in allen Städten sind dafür auch bereit, sich selbst einzubringen.
In Bezug auf Umweltprobleme gibt es eine immer größere Sensibilität, die mit Verhaltensänderungen wie Müllsortierung, Energiesparen usw. einhergeht. Trotzdem ist den Menschen bewusst, dass ihre individuellen Möglichkeiten zur Einflussnahme begrenzt sind. 65 Prozent befürworten deshalb neben ihrem eigenen Einsatz das Engagement der kommunalen Unternehmen und privaten Dienstleister für ein nachhaltiges Städte-Management. Deshalb werden wir uns bei Veolia Environnement weiterhin dafür einsetzen, dem Bedarf der Stadtbewohner gerecht zu werden und mit unseren Dienstleistungen in Zusammenarbeit mit den Kommunen zu einer besseren Lebensqualität beizutragen.
EURACTIV.de: Welche Konsequenzen sind konkret aus den Ergebnissen zu ziehen – für Deutschland, aber auch für Metropolen in Schwellenländern, die ja mit ganz anderen Problemen kämpfen als beispielsweise Berlin?
BITTERLICH: Es stimmt, dass die Städte nicht in allen Punkten vergleichbar sind. Deswegen betonen wir von Veolia auch immer wieder, dass es kein Schema F gibt, sondern jeweils individuelle, also lokale Lösungen notwendig sind.
Für Berlin heißt das zum Beispiel, dass die Sorgen der Berliner in Bezug auf die Lebenshaltungskosten ernst genommen werden müssen. In Mexiko-Stadt geht es vor allem um Sicherheit, Umweltschutz und weniger Lärm. In den Ballungszentren in China, wie Peking und Shanghai, wünschen sich die Menschen mehr Platz, emissionsärmere öffentliche Verkehrsmittel und weniger Stress. Wir sind nicht in allen Bereichen des täglichen Lebens tätig, aber in Bezug auf Wasserversorgung, Abfallwirtschaft, Energie und Verkehr können wir die jeweiligen Stadtverwaltungen mit unserem Know-how bestmöglich unterstützen.
ekö
Link
Die aktuelle Studie ’Cities for Living 2010‘ kann in gedruckter Fassung (englisch oder französisch) bestellt werden bei Veolia Environnement, Unter den Linden 21, 10117 Berlin. Online ist sie zu finden unter www.observatoire.veolia.com