So könnte Trumps Angriff auf die US-Notenbank die EU beeinflussen

US-Präsident Donald Trumps Zollpolitik hat in den letzten Wochen die Weltwirtschaft auf den Kopf gestellt. Aber seine jüngsten Versuche, die US-amerikanische Geldpolitik zu beeinflussen, könnten eine globale Finanzkrise auslösen.  

EURACTIV.com
United States Federal Reserve Building
Finanzminister und EU-Kommissare wollen das Thema bei den Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank in Washington mit ihren US-Kollegen aufgreifen, wie aus EU-Kreisen verlautete. [Photo by Celal Gunes/Anadolu Agency via Getty Images]

US-Präsident Donald Trumps Zollpolitik hat in den letzten Wochen die Weltwirtschaft auf den Kopf gestellt. Aber seine jüngsten Versuche, die US-amerikanische Geldpolitik zu beeinflussen, könnten eine globale Finanzkrise auslösen.  

Brüssel – In der vergangenen Woche griff Trump den US-Notenbankchef Jerome Powell wiederholt an. Powell hatte sich geweigert, die Leitzinsen zu senken, um die Konjunktur zu stützen. Trumps Strafzöllen gegenüber Handelspartner der USA hatten die wirtschaftlichen Aussichten des Landes deutlich verschlechtert.

„Es kann praktisch keine Inflation geben, aber es kann zu einer VERLANGSAMUNG der Wirtschaft kommen, es sei denn, Mr. Zu Spät [Powell], ein großer Verlierer, senkt JETZT die Zinsen“, schrieb Trump auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social Anfang der Woche.

Die US-Notenbank – die Federal Reserve – ist ein Grundpfeiler des globalen Finanzsystems. Trumps Angriff auf ihre Unabhängigkeit ließ US-Aktien und Staatsanleihen stark fallen. Auch der US-Dollar gab nach und fiel im Vergleich mit anderen Währungen auf ein Drei-Jahres-Tief.

Zwar erklärte Trump später, er habe „nicht die Absicht“, Powell vor Ende seiner Amtszeit im Mai 2026 zu entlassen. Doch die Nervosität bleibt.

Weltweite Folgen

Sollte die Unabhängigkeit der Notenbank untergraben werden, könnte dies massive weltweite Folgen haben, warnen Fachleute. „Das ist wirklich beängstigend“, sagt Maria Demertzis, Wirtschaftsanalystin beim Thinktank The Conference Board Europe.

„Die Gefahr einer Finanzkrise ist sehr real, wenn die Fed angegriffen wird. Und wenn die USA in einer Finanzkrise stecken, ist die ganze Welt betroffen.“

Niclas Poitiers von Bruegel, einem in Brüssel ansässigen Wirtschafts-Thinktank, sieht es ähnlich. Eine Politisierung der US-Notenbank wäre „weitaus katastrophaler als Zölle“.

Zwar würden Trumps Handelsmaßnahmen das weltweite Wachstum wahrscheinlich spürbar beeinflussen, allerdings sei es unwahrscheinlich, dass sie die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzen, sagte Poitiers. Er rechnet mit einem Rückgang des BIP in der Eurozone um maximal 0,5 Prozentpunkte.

Anders bei einem Vertrauensverlust in die Fed: Eine Einflussnahme auf die US-Geldpolitik würde rasch auf die globalen Finanzmärkte durchschlagen und eine weltweite Rezession auslösen, so Poitiers.

„Wenn die Fed denselben politischen Launen unterliegt wie die Zollpolitik, begeben wir uns in eine äußerst gefährliche Lage.“

Ein Sprecher der EU-Kommission wollte Trumps Angriffe auf Powell nicht kommentieren. Er verwies jedoch auf die „wesentliche Bedeutung“ der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank für „Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit“ der Geldpolitik im Euroraum.

Finanzminister und EU-Kommissare wollen das Thema bei den Frühjahrstagungen von Internationaler Währungsfonds und Weltbank in Washington mit ihren US-Kollegen aufgreifen, heiß es aus EU-Kreisen.

Chance für den Euro?

Trotz der Risiken einer Finanzkrise sehen einige Analysten in Trumps Versuchen der Einflussnahme auch Chancen für die europäische Wirtschaft

ING-Chefökonom für Deutschland und Österreich, Carsten Brzeski, verwies auf mögliche Kapitalflüsse nach Europa, sollte der Dollar seinen Status als sicherer Hafen verlieren. Investoren könnten verstärkt auf EU-Staatsanleihen setzen – mit positiven Effekten für die Kreditkosten.

Langfristig könnte ein Vertrauensverlust in die US-Notenbank auch den Euro als globale Reservewährung stärken. Derzeit hält der Euro rund 20 Prozent der weltweiten Währungsreserven, der US-Dollar etwa 60 Prozent.

Philipp Lausberg vom European Policy Centre sieht das „exorbitante Privileg“ der USA – die Rolle des Dollar als Weltleitwährung – gefährdet. Eine politisch gesteuerte Notenbank erhöhe Unsicherheit und sei „Gift für den Dollar, die US-Verschuldung und den Aktienmarkt“.

Sollte die Notenbank Trumps Druck nachgeben und die Zinsen senken, könnte das den Dollar gegenüber dem Euro schwächen – mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporte, warnte ING-Chefökonom Brzeski.

Selbst in diesem Szenario würde die relative Erschwinglichkeit importierter amerikanischer Güter den Inflationsdruck in der Eurozone senken, was der Europäischen Zentralbank Spielraum für Zinssenkungen geben könnte.

Was wären, wenn Powell abgesetzt werden würde?

Kurzfristig würden Trump eine Reihe rechtlicher und verfahrenstechnischer Hürden im Weg stehen, Powell vorzeitig zu entlassen, meinen Analysten.

Einige wiesen auch darauf hin, dass Powell selbst im Falle seiner Absetzung als Vorsitzender weiterhin Mitglied des zwölfköpfigen Federal Open Market Committee wäre – dem Gremium, das die Geldpolitik der Notenbank bestimmt.

Experten sind sich überwiegend einig, dass Powell Trumps Forderungen nicht nachgeben wird, solange er im Amt ist. Einige sind überzeugt, dass Trumps öffentliche Angriffe auch dazu führen könnten, dass Powell sich einer Zinssenkung noch entschlossener entgegenstellt – um den Eindruck politischer Beeinflussung zu vermeiden.

Unabhängig von Powells Zukunft warnen Analysten jedoch vor der Zukunft. Es gebe ein ernstzunehmendes Risiko, dass der nächste Vorsitzende – der sein Amt im Mai 2026 antreten wird – bereit sein könnte, Trumps geldpolitischen Vorstellungen zu folgen.

„Selbst wenn [Trump] ihn nicht entlässt, ist die Entscheidung fürs nächste Jahr genauso besorgniserregend“, sagte Demertzis. „Wenn es jemand ist, dem die Märkte nicht vertrauen, ist das genauso schädlich.“

(om)