Schurig: "Erneuerbares Europa"

Einspeisegesetze, intelligente Netze und Stromautobahnen sind die entscheidenden Faktoren für Europas zügigen Umstieg auf Ökostrom, erklärt Stefan Schurig, Energie-Experte des World Future Council (WFC), in einem Standpunkt auf EURACTIV.de. In den anstehenden Nationalen Aktionsplänen zur Energieversorgung sollten konkrete Schritte für ein "Multi Grid Enhancement" ein Kernstück sein.

Eine „Solarsiedlung“ in Freiburg. Künftig könnte Ökostrom von Haushaltsgeräten wie Kühlschränken zwischengespeichert werden, um die bedarfsgerechte Versorgung zu sichern.Foto: dpa
Wohnungsbaukredite der Sparkassen gehen zurück - der Verband macht eine EU-Richtlinie verantwortlich. [Foto: dpa]

Einspeisegesetze, intelligente Netze und Stromautobahnen
sind die entscheidenden Faktoren für Europas zügigen Umstieg auf Ökostrom, erklärt Stefan Schurig, Energie-Experte des World Future Council (WFC), in einem Standpunkt auf EURACTIV.de. In den anstehenden Nationalen Aktionsplänen zur Energieversorgung sollten konkrete Schritte für ein „Multi Grid Enhancement“ ein Kernstück sein.

ZUR PERSON

Stefan Schurig ist Director Climate Energy des World Future Council (WFC) Hamburg. Der WFC betrachtet sich als globaler Fürsprecher für die Interessen zukünftiger Generationen in der internationalen Politik. Ein Schwerpunkt sind Studien und Beratungen zum Klimaschutz. Erstmals kam der Rat 2007 zusammen. Ausgangspunkt war die Initiative des Gründers des Alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll. Dem Rat gehören bis zu 50 Personen aus allen Erdteilen an. Kürzlich stellte der WFC einen Plan vor, wie Städte vollständig mit erneueraberen Energiequellen versorgt werden können.zur Weitere Informationen: www.worldfuturecouncil.org
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Über die Hälfte der in Europa verbrauchten Energie stammt nicht aus den Europäischen Mitgliedsstaaten. Neben Russland, Saudi-Arabien und einigen afrikanischen Ländern bezieht die EU noch aus vielen weiteren Ländern fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle und ist damit abhängig. Diese Abhängigkeit wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen und kann nur durch den raschen Ausbau von Erneuerbaren Energien verringert und schließlich überwunden werden.

Zu diesem Zweck und aufgrund des dringend notwendigen Klimaschutzes und der Erschließung von Zukunftsmärkten hat die Europäische Kommission eine Richtlinie zum Ausbau von Erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020 verabschiedet. Sie ist Teil des Europäischen Klima- und Energiepakets, für das auf dem Europäischen Rat im Dezember 2008 nach einjähriger Verhandlung eine politische Einigung erzielt werden konnte.

Deutsches Klimaziel ist zu vorsichtig

Die EU-Richtlinie hat gemessen an der Ausgangssituation ehrgeizige Ziele gesetzt: 20 Prozent des Endenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien sowie ein Mindestanteil von 10 Prozent Erneuerbare Energien im Verkehrsektor. Vorgesehen sind differenzierte verbindliche nationale Gesamtziele der EU-Mitgliedstaaten, die von 10 Prozent für Malta bis 49 Prozent für Schweden reichen. Für Deutschland ist ein nationales Ziel von 18 Prozent am gesamten Endenergieverbrauch vorgesehen, was im Vergleich zu dem, was hier in den vergangenen Jahren erreicht worden ist, viel zu vorsichtig ist. Von jetzt knapp 10 Prozent könnte Deutschland in den nächsten zehn Jahren leicht auf  28 Prozent kommen. Dadurch würden jährlich rund 290 Millionen Tonnen CO2 eingespart und knapp 50 Milliarden Euro Kosten für Sprit und Öl vermieden. Dies hat zumindest der Bundesverband Erneuerbarer Energien kürzlich in einer Studie vorgerechnet.

Drei Säulen des Ausbaus der Erneuerbaren

Wie schnell der Ausbau der Erneuerbaren Energien geht, hängt vor allem an der Art der Förderung von Strom aus Wind, Wasser und Sonnenenergie. Der Schlüssel dabei ist Investitionssicherheit. Nur wenn für Investoren die Aussicht auf Refinanzierung ihrer Investition besteht, werden sich die Erneuerbaren Energien zügig entwickeln. Im Strombereich ist zudem erforderlich, dass das Stromnetz auf den großflächigen Ausbau der Erneuerbaren Energiequellen ausgerichtet wird. In Zukunft wird es viele neue Einspeise- und Entnahmestellen geben, zudem muss die unterschiedliche Verfügbarkeit der Erneuerbaren Energien besser koordiniert werden. Der World Future Council setzt sich daher für ein "Multi Grid Enhancement" ein. Demnach ergeben sich drei Säulen auf denen der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Europa aufbauen muss:

1.    Einspeisegesetze – Das richtige Fördersystem für die Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien.

Deutschland, Spanien, Portugal und viele andere Europäische Länder haben ein Gesetz geschaffen, dass die Energiekonzerne verpflichtet Strom aus Erneuerbaren Energien in das Stromnetz einzuspeisen und dem Stromproduzenten einen fairen, gesetzlich geregelten Tarif per Kilowattstunde zu bezahlen.

Wichtig ist, dass die so genannten Einspeisegesetze keine Obergrenze für die absoulte Menge an grünem Strom haben und die Laufzeit dieser Regelung für mindestens 20 Jahre festgeschrieben wird. Die Vergütungstarife weden regelmäßig reduziert so dass Anlagenhersteller zur Kosteneffizienz angehalten werden. Andere Länder wie zum Beispiel England und Schweden setzen immer noch auf das so genannte Quotenmodell. Hierbei wird nicht die Vergütungshöhe sondern die absolute Menge an Strom aus Erneuerbaren Energien festgesetzt wobei der  günstigste Anbieter den Zuschlag für die staatliche Förderung erhält. Ein Vergleich beider Systeme spricht eine klare Sprache: Überall dort wo es das Einspeisemodell gibt haben sich die Erneuerbaren Energien rasant entwickelt. Länder mit einem Quotenmodell hinken der Entwicklung weit hinterher.

2.    Smart grids – Die Anpassung der Stromnetze an einen dezentralisierten Energiemarkt.

Die gesamte Industrialisierung baut auf der Verbrennung von fossilen Brennstoffen auf. Öl, Gas und Kohle werden mit immer besseren Techniken abgebaut und zu den Kraftwerken transportiert und dort unter großen Verlusten verbrannt. Der produzierte Strom wird dann über die Stromleitungen zu den Verbrauchern transportiert, erneut mit Verlusten. Mit den Erneuerbaren Energien verhält es sich genau anders herum. Die Ressource muss nicht zum Kraftwerk transportiert werden sondern das Kraftwerk zur Ressource. Windräder müssen dort stehen, wo am meisten Wind weht, Solarkraftwerke dort, wo die Sonne am meisten scheint.

Auf diese ‚Richtungsänderung‘ ist das europäische Stromnetz nicht eingestellt. Es hat weder die Aufnahmekapazität, noch die Möglichkeit, Produktion und Bedarf intelligent zu steuern.

Die Idee des so genannten Smart Grids ist zwar noch am Anfang, wird aber künftig eine sehr wichtige Rolle im Energiemarkt spielen: Computer verteilen in Smart Grids den Strom aus Erneuerbaren Energien und Kleinkraftwerken ständig neu, um eine gleichmäßige Versorgung zu sichern. Bei Stromüberschuss – wenn etwa die Sonne scheint oder starke Windverhältnisse herrschen– speichert das System die Energie in Akkus oder Pumpspeicherkraftwerken. Darüber hinaus, im Fall einer Flaute oder wenig Sonnenstrom, kann Strom aus angeschlossenen Speichermedien wie Autobatterien, Kühlschränke oder anderen Haushaltsgeräten wieder abgerufen werden, ohne deren Betriebsverlässlichkeit in Frage zu stellen.

In Deutschland lassen Wirtschafts- und Umweltministerium derzeit in einigen Modellregionen die Umsetzbarkeit der Idee untersuchen. In den USA hat Präsident Barack Obama bereits 3,4 Mrd. Dollar für den Aufbau von Pilotprojekten in den USA zur Verfügung stellen lassen. In Japan bauen die Stromversorger Okinawa Electric Power und Kyushu Electric Power auf den südlichsten Inselgruppen des Landes in den kommenden Jahren zehn Beispielnetze auf. Toshiba liefert für das Projekt in Okinawa Batterien und Solaranlagen. Japans Technikfirmen überbieten sich derzeit mit Zubehör für die Smart Grids. Toshiba hat bereits den Protoyp für das "Smart House" fertig gestellt, das sich mit den Ladecomputern von Hybridautos des Fahrzeugherstellers Toyota verbindet.

3. Supergrid
– Einbeziehung von möglichen Großkraftwerken für Erneuerbare Energien

Der Bau von so genannten Stromautobahnen, oder Hochspannung Gleichstrom Übertragungsnetzen (HGÜ) wird in Europa eine ebenso wachsende Bedeutung bekommen wie die Smart Grids. Regenerative Energiequellen haben bisher den Ruf, Strom zwar sauber, aber mit großen Produktionsschwankungen zu liefern. Das macht sie auf den ersten Blick ungeeignet, Atom- oder Kohlekraftwerke in der Grundlast zu ersetzen. Dieses Bild wandelt sich aber, wenn man Strom ohne große Verluste quer über den Kontinent von Nordafrika bis Skandinavien, von Irland bis Sibirien leiten kann. Mit den bisher üblichen Wechselstromleitungen ist das nicht möglich.

In Europa wird Gleichstrom zum Energietransport bislang selten eingesetzt. Ein Beispiel ist das 262 Kilometer lange Baltic Cable quer durch die Ostsee zwischen Lübeck und Trelleborg. Es verbindet das deutsche mit dem schwedischen Stromnetz. Über Land sind die Leitungsstrecken im kleinteiligen europäischen Stromnetz in der Regel zu kurz, als dass sich die teurere HGÜ rechnen würde. Zumindest bisher. Denn neue Technik verschiebt derzeit die Maßstäbe, der Gelichstrom Ferntransport kann heute schon ab 150 Kilometern wirtschaftlich betrieben werden.

HGÜ Leitungen haben auch noch einen weiteren Vorteil: Weil um die Gleichstromkabel keine störenden Magnetfelder auftreten, sind viel geringere Sicherheitsabstände etwa zu Siedlungsgebieten nötig.  Um diese Investitionen zu fördern müssen von der EU notwendige Anreize geschaffen werden.

Eines der viel versprechenden Großkraftwerkprojekte sind riesige Windparks vor der britischen Küste. Mehrer namhafte Energiekonzerne beteiligen sich an der auf 110 Milliarden teure Offensive, was zeigt, dass sie alternative Stromproduktion für hoch rentabel halten. Auch Deutschland will bei der Offshore Technolgie mitreden und plant 40 Windparks auf hoher See. Damit die Offshore-Produktion von Ökostrom weiter floriert, müssten allerdings auf dem Festland dringend die Energienetze ausgebaut werden. Dänemark und Belgien produzieren bereits Strom aus Gezeitenkraftwerken in der Nordsee, und Norwegen erzeugt Strom mit Wasserkraft. Schon bald sollen all diese Ökostromfabriken über ein Supergrid miteinander verbunden werden.

Bis zum 30.6.2010 müssen die Mitgliedsländer der EU Nationale Aktionspläne für den Ausbau der erneuerbaren Energien vorliegen. Nationale Anreizprogramme wie Einspeisetarife und konkrete Schritte für ein "Multi Grid Enhancement" sollten dabei das Kernstück sein.  

Hinweis

Dieser Artikel ist in gekürzter Fassung im EURACTIV-YellowPaper "EU-Energiepolitik" erschienen, das hier zum Download zur Verfügung steht. Das YellowPaper versammelt Analysen, Visionen, Ideen und Forderungen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.