Scheue Nachbarn, schillernde Figuren
Eine schillernde Figur sieht anders aus. Und doch war der scheue Abdel Majid Younes eine der schillerndsten Akteure Ostberlins. Waffenhändler, Kontaktmann von DDR-Spitze und PLO und diversen Geheimdiensten, zur Wende beauftragt, die SED-Millionen ins Ausland zu verschieben. Mein Wohnungsnachbar in der Leipziger Straße.
Eine schillernde Figur sieht anders aus. Und doch war der scheue Abdel Majid Younes eine der schillerndsten Akteure Ostberlins. Waffenhändler, Kontaktmann von DDR-Spitze und PLO und diversen Geheimdiensten, zur Wende beauftragt, die SED-Millionen ins Ausland zu verschieben. Mein Wohnungsnachbar in der Leipziger Straße.
Die Lage der Wohnung in der Leipziger Straße 60 barg von Anfang an Überraschungen. Dazu gehörten die scheuen Mitbewohner meiner damaligen Einraumwohnung – Kakerlaken aus Küchenleitungen, die man einfach nicht los wurde und für die meine Bonn-Berlin-Pendelei sehr angenehm gewesen sein muss. Dazu gehörte aber auch die sonderbar scheue Nachbarschaft.
Der direkte Nachbar meiner damaligen Einraumwohnung war still, unauffällig und sehr selten zu sehen. Stets trug er Anzug und Krawatte, immer hatte er einen Aktenkoffer dabei. Dass er in der Regel auch eine Waffe mit sich führte, konnte ich nicht wissen.
Immer sah er grübelnd auf den Boden, wenn wir im zehnten Stock gemeinsam auf den Lift warteten. Grüßte ich, blickte er weg. Mehr als gequältes Murmeln kam nie zurück. War er gerade beim Heimkommen – an seiner Türe stand kein Name -, verschwand er so schnell in seiner Wohnung wie die Kakerlaken in meiner Küche, wenn ich Licht machte.
Anonym und gepanzert
Erst viel später erfuhr ich, warum er sich nie vorgestellt hatte und warum seine Türklingel kein Namensschild trug.
Der untersetzte Nachbar war Abdel Majid Younes. Er fuhr, wie ich zufällig mal an einer Tankstelle bemerkte, einen schweren gepanzerten Mercedes.
Warum seine Limousine und sein Auftreten so gepanzert waren?
Younes war Waffenhändler und hatte die Aufgabe, unauffällig Millionen und Abermillionen des SED-Vermögens ins Ausland zu schaffen. Zu der Zeit, als er neben mir wohnte, war er in so viele Aktivitäten gleichzeitig verstrickt, dass es kein Wunder war, dass er weder Zeit noch Lust für Small talk hatte. Gerade damals hatte er sich mächtig zu konzentrieren.
Im buchstäblich letzten Moment der DDR-Existenz, am 2. Oktober 1990, bekam mein Nachbar, der bis dahin mal als jordanischer Geschäftsmann, mal als syrischer Diplomat aufgetreten war, einen DDR-Pass und wurde somit Deutscher. Das war vermutlich der allerletzte Reisepass, der in der DDR ausgestellt wurde.
Rekord an Staatsbürgerschaften
Demnach dürfte Younes der Mensch mit der kürzesten DDR-Staatsbürgerschaft sein, die es je gegeben hat. Denn tags drauf, am 3. Oktober 1990, war der Eintags-DDR-Bürger automatisch Bundesdeutscher.
Das ergibt drei Staatsbürgerschaften hintereinander binnen 24 Stunden.
In seiner jordanischen Identität war er zur Wiedervereinigung 54, in seiner syrischen 51 Jahre alt. Laut MfS trug er stets einen Revolver bei sich. Dass er die anonyme Wohnung im Kakerlaken-befallenen Plattenbau in der Leipziger Straße benötigte, obwohl er mehrere Häuser und Wohnungen nebst einem großen Fuhrpark besessen haben soll, wird wohl seine Gründe gehabt haben.
Das SED-Vermögen betrug zur Wendezeit 6,2 Milliarden DDR-Mark sowie 300 Millionen D-Mark und einen Haufen Dollar, Goldmünzen und Silberbarren. Das Geld sollte in Sicherheit gebracht werden, und Younes spielte dabei eine wichtige Rolle.
Eine Summe von insgesamt 136,4 Millionen DDR-Mark ging in der kurzen Zeit zwischen dem 28. Mai und dem 6. Juni 1990 an Younes.
Islamische Religionsgemeinschaft
Der größte Teil davon war als Spende an die “Islamische Religionsgemeinschaft e.V.” getarnt. Diese Gemeinschaft hatte Younes selbst erst kurz davor, im Februar 1990, also nach dem Fall der Mauer, gegründet. Sie bestand aus ganz wenigen Mitgliedern, meist Moslems aus seiner eigenen Verwandtschaft und aus seinem persönlichen Umfeld.
Die Islamische Religionsgemeinschaft sollte den in der DDR lebenden Moslems die Religionsausübung erleichtern. Ungewöhnlich fix, nämlich im März, wurde sie vom DDR-Amt für Kirchenfragen anerkannt. Zweck war einzig die Vermögensverschleierung.
Die "Gemeinschaft" bekam am 31. Mai einen Verrechnungsscheck mit einer "Spende" von 75 Millionen DDR-Mark aus dem SED-Vermögen. Die wichtigste Rolle bei der Zuteilung an den Younes-Clan spielte der damalige PDS-Vorsitzende Gregor Gysi. Jener Politiker, der im Bundestagswahlkampf 2009 plakatieren ließ: “Reichtum für alle!”.
Dazu kamen drei Darlehen über insgesamt 52 Millionen. Die drei gleichlautenden Darlehensverträge mit dem Parteivorstand der PDS hatten den Zweck, drei Anwesen in Brandenburg, die der Berliner Bezirksleitung der SED als Erholungsheime dienten, “kurzfristig auf die Erfordernisse der Marktwirtschaft einzustellen sowie Arbeitsplatzsicherung und –neubeschaffung zu gewährleisten”.
3000 Auslandsreisen
Die Bedingungen für diese drei Darlehen: Younes musste keinerlei Sicherheiten bieten. Er war der alleinige Verfügungsberechtigte. Bis Ende 1992 hatte er keine Zinsen zu zahlen. Danach sollte er an die PDS einen Festzins von einem Prozent zahlen.
Damit nicht genug. Younes erhielt noch einen Tag vor der Verfügungssperre am 1. Juni 1990 von der PDS einen weiteren Scheck über 9,4 Millionen DDR-Mark ausgehändigt.
Der Betrag diente der Vorauszahlung von 3.000 Auslandsreisen. Reisen von PDS-Funktionären, die irgendwann anfallen würden und noch gar nicht geplant waren. Denn Younes war damals auch Geschäftsführer eines – heute noch existierenden – Reisebüros namens Touristik-Union-Kontakt-International GmbH (TUK) in der Danziger Straße in Ostberlin.
Aus späteren Einlassungen der PDS erfuhr die “Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR” (UKPV) freilich, dass die Partei nie ernsthaft einen Vertrag über Auslandsreisen abschließen wollte. Sie wollte vielmehr den äußeren Schein des Vertrags nutzen, um Parteivermögen bei Younes in Verwahrung zu geben.
In Younes’ Kopf muss es demnach ganz schön stressig zugegangen sein, während er nach außen hin den gelangweilten Unnahbaren gab.
Vermögen beschlagnahmt
Younes war aber nicht allzulang Multimillionär. Die Treuhandanstalt sperrte seine vielen Konten, als das neue Parteiengesetz der DDR in Kraft trat, und beschlagnahmte das Vermögen. Spenden und Darlehen musste er später samt Zinsen zurückzahlen. Auch den Geschäftsführerposten bei TUK sowie die Leitung der “Islamischen Religionsgemeinschaft” verlor er.
Ob sich die Aktionen für ihn dennoch gelohnt haben, darüber lässt sich nur spekulieren. Ein UKPV-Beamter meint lakonisch: “Wenn man eine gute Ehe führt… Die Vereinbarung von Gütertrennung ist da ein gängiges Rezept.” Younes hat mit der Leipziger Straße längst nichts mehr zu tun und wohnt unauffällig in Berlin-Pankow. Einige Jahre später gab er als Vermögensloser die Eidesstattliche Erklärung ab.
Die SED/PDS hatte sich Younes‘ bedient, weil ihr möglicherweise die Stasi-Einschätzung des Mannes passte: Er verkörpere den "Typ eines mit allen Wassern gewaschenen und in seinen Methoden nicht wählerischen, undurchsichtigen Händlers, der keine Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung auslässt". Für die SED schien er dennoch besonders vertrauenswürdig.
Bin Laden als Partner
Dank der peniblen Stasi-Aufzeichnungen weiß man heute, was mein Nachbar damals sonst noch gemacht hat. Seine Firma im Internationalen Handelszentrum (IHZ) in der Friedrichstraße hieß "Gulf International", registriert in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Als sein Handelspartner war die "Bin Laden Organisation, Construction & General Trading" angeführt, die mutmaßlich dem Vater des Terroristen Osama bin Laden gehörte.
"Gulf International" war die Deckfirma der PLO, für die der Palästinenser Younes Waffengeschäfte durchführte. Für eine Spezialeinheit des libyschen Staatschefs Muammar Ghadafi soll er eine Musterlieferung von fünfzig Maschinenpistolen geordert haben.
Zeitweise war er auch Kontaktmann zwischen der DDR und den USA für Waffengeschäfte. Als Freund des Fatah-Führers Abu Mussa wickelte er auch für dessen Gruppierung im Nahen Osten Waffengeschäfte ab.
Verdacht nach Olympia-Attentat von 1972
Dem MfS zufolge hatte Younes auch gute Kontakte zu Abu Daud, der als Drahtzieher des Münchner Attentats von 1972 auf die israelische Olympiamannschaft gilt. Wegen seiner mutmaßlichen Kontakte zu arabischen Terroristen und seiner Mitgliedschaft in der Generalunion Palästinensischer Studenten war Younes 1972 nach dem Olympia-Attentat aus der Bundesrepublik ausgewiesen worden und via Schweden in die DDR emigriert.
Am 13. September 1994 wurden sieben Personen in Berlin festgenommen, weil sie Terrorakte gegen jüdische Einrichtungen in Deutschland geplant haben sollen, doch wegen Fehlen dringenden Tatverdachts musste sie der Generalbundesanwalt nach zwei Tagen wieder freilassen. Einer der Betroffenen war Younes.
Er, der früher mit der PLO kooperiert hatte, hat mit PLO-Chef Jassir Arafat wegen dessen Nahost-Friedenspolitik den Bruch vollzogen und ist prompt auf die Todesliste von PLO-Fanatikern gelangt.
Da waren wir allerdings nicht mehr Nachbarn. Da war ich umgezogen und Younes untergetaucht.
Ob ein paar Millionen Mark, ob ein paar Maschinenpistolen nur einige Zentimeter von meinem Bett entfernt gelagert waren, bloß getrennt durch die eine Wand? Das eigentliche Lager für die Waffenmengen befand sich jedenfalls nicht hier.
Hätte er sich nicht von Anfang an so unnahbar gegeben, hätte ich beim Einzug in der Leipziger Straße, wie es sich für eine gute Nachbarschaft gehört, einen freundschaftlichen Antrittsbesuch gewagt. Ich hätte an seiner namenlosen Tür geklingelt. Und womöglich einen Sektkorken knallen lassen, während er sich vielleicht beim Sortieren von Geldbündeln oder Kontrollieren einer Waffenlieferung gestört gefühlt hätte…
Noch so ein scheuer Nachbar
Als ich im selben Wohnblock in der Leipziger Straße die Einraum- in eine große Wohnung mit Blick auf den Gendarmenmarkt (damals Platz der Akademie) eintauschen konnte, hatte ich abermals interessante Nachbarn.
Die waren allerdings noch scheuer als Younes. Ich bekam sie kein einziges Mal zu Gesicht. Ihre Wohnung war nicht größer als eine Zelle, die regelrecht aus dem Rechteck meiner Wohnfläche herausgeschnitten war. Sie bestand nur aus Garderobe, Nasszelle, Küchenzeile und einem kleinen Wohnraum.
Diese kleine Absteige war ein Stasi-Objekt. Der Vormieter meiner Wohnung, ein für Wirtschaftsfragen zuständiger Diplomat, war offenbar so interessant gewesen, dass sich das Abhören gelohnt haben muss.
Diese kleine Nachbarwohnung gehörte natürlich nicht zur normalen Hausverwaltung, sondern zur Hauptabteilung XVIII des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), jene Hauptabteilung, die an Informationen aus Wirtschaft und Nato-Zivilverteidigung interessiert war.
Auch im Stockwerk über mir und in der Etage unter mir waren die kleinen Wohneinheiten konspirative Wohnungen. Diese wiederum gehörten der Hauptabteilung II, die für Spionageabwehr und die Beobachtung von Botschaften zuständig war.
Allen drei Stasi-Wohnungen in meinem Haus war gemeinsam, dass sie weder der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit noch einer Kreisdienststelle gehörte, sondern der MfS-Zentrale direkt. Wie wichtig also mein Plattenbau war!
Diese kleine Nachbarwohnung war eine von vielen Tausenden konspirativen Lokalitäten in der DDR, meist als Privatwohnung oder Büro getarnt, in Villen, in Gartenlauben. Oder eben in Plattenbauten wie in der Leipziger Straße, deren Anonymität der “Firma” sehr gelegen kam.
Nach dem hausinternen Umzug von der Einraum- in die große Wohnung hatte ich keine Kakerlaken mehr. Vielleicht nur noch Wanzen.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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