"Schaut auf diese Stadt!"

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

„Schaut auf diese Stadt!“ (Ernst Reuter, 1948) – Die Korrespondenten schauen auf Berlin und berichten (Foto: Archiv)
"Schaut auf diese Stadt!" (Ernst Reuter, 1948) - Die Korrespondenten schauen auf Berlin und berichten (Foto: Archiv)

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Schon alles über Mauerfall und Wiedervereinigung gelesen? Aber noch nicht von mir!

Als Deutschland-Korrespondent habe ich für österreichische Leser über die Wendezeit berichtet. Ich habe in Bonn und in Ostberlin gearbeitet und bin über Jahre hinweg zwischen beiden Welten gependelt. Ich hatte das (stressige) Privileg, die Entwicklung in West und Ost synchron zu verfolgen. Viele andere Journalisten waren nur für eine Perspektive zuständig, für die Bonner, die Westberliner oder die Ostberliner Sicht. Korrespondenten, die sowohl in der BRD als auch in der DDR akkreditiert waren, sind ganz seltene Ausnahmen. Als Korrespondent aus einem neutralen Land gehörte ich dazu.

Ich entführe Sie auf meinen Logenplatz der Zeitgeschichte – in die Leipziger Straße in Berlin-Mitte mit Blick über die ganze Stadt. In einen politisch relevanten Plattenbau nahe der deutsch-deutschen Grenze. Um die Ecke das Internationale Pressezentrum (IPZ), Schauplatz von Günter Schabowskis berühmter Pressekonferenz vom 9. November 1989. In der anderen Richtung der Checkpoint Charlie.

Spione neben meinem Bett in Bonn, Waffen neben meinem Bett in Berlin, Tragödien und Skurrilitäten, die Arbeit der Westkorrespondenten im Osten und der Ostkorrespondenten im Westen, Günter Schabowskis legendärer Zettel, der Fall der Mauer und vieles andere – einschließlich Korrekturen mancher Legenden, die sich auch in neuesten Büchern hartnäckig halten.

Wir beginnen morgen, Dienstag, und schalten für einen Moment nicht zwanzig, sondern 61 Jahre zurück. Am 9. September 1948, lang vor dem Bau der Mauer und kurz vor den Staatsgründungen von BRD und DDR, mitten in der Berlin-Blockade und Luftbrücke, appellierte Berlins Bürgermeister Ernst Reuter: „Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt!“

(Audio-Datei und Wortlaut der Rede: "Ihr Völker der Welt")

Genau das tun die Korrespondenten, die in Berlin akkreditiert sind. Sie schauen auf diese Stadt und berichten in alle Welt, was sie sehen. Damals und heute. Der Verein der Ausländischen Presse (VAP) ist über hundert Jahre alt und somit die älteste Journalistenorganisation Deutschlands und eine der ältesten der Welt! Mehr als ein Jahrhundert lang schauen Korrespondenten auf diese Stadt, die ihnen reichlich Material für ihre Berichte zu bieten hatte und hat.

Dass ich nun einige meiner Berichte und Geschichten auf EURACTIV online stelle, in ein gesamteuropäisches Netzwerk, mitten in einem Europa der 27 plus, im Zentrum der einst zerrissenen Stadt, in einem Land, das heute kaum noch in Westdeutschland und Ostdeutschland geteilt ist, sondern in Aldi Süd und Aldi Nord, und in dem junge Deutsche den Eisernen Vorhang für ein Ikea-Produkt halten mögen – das ist wahrlich kein schlechtes Gefühl.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung.

Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: [email protected] oder [email protected]

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