Schämen für die „Zonis“
Bald nach dem Mauerfall kippt die Stimmung. Ostberliner schämen sich für ihre „Zonis“ aus der tiefen Provinz. Westdeutsche sorgen sich um Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt. Bonner Politiker warnen die DDR-Bürger vor Illusionen. In der DDR kocht das Volk vor Wut, je mehr Enthüllungen über ihre Führung ans Licht kommen.
Bald nach dem Mauerfall kippt die Stimmung. Ostberliner schämen sich für ihre „Zonis“ aus der tiefen Provinz. Westdeutsche sorgen sich um Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt. Bonner Politiker warnen die DDR-Bürger vor Illusionen. In der DDR kocht das Volk vor Wut, je mehr Enthüllungen über ihre Führung ans Licht kommen.
Das erste Wochenende nach dem Fall der Mauer ist vorüber, mehr als zwei Millionen DDR-Besucher waren in Westberlin, Zehntausende Trabant-Autos gleichzeitig auf Westberlins Straßen.
Die ersten Anzeichen sind zu sehen, zu spüren, zu hören: Die Stimmung der Berliner kippt. Und zwar aller Berliner. Im Westen beginnt der totale Ausnahmezustand zu nerven, im Osten der Stadt ärgern sie sich über ihre eigenen Landsleute, die „Zonis“, die DDR-Bürger vom tiefen Lande, die erst am Wochenende nach dem Fall der Mauer nach Berlin tuckern konnten.
Aus Überschwang wird Verdruss
In den ersten Tagen und Nächten nach der Schabowski-Pressekonferenz haben sich Ost- und Westberlin innig umarmt. Bald aber resignieren die Westberliner. Die Spanne zwischen Überschwang und Verdruss wird immer kürzer.
Die Bewohner Ostberlins, die ja sofort nach Bekanntwerden der Reisefreiheit zum Kurfürstendamm nicht weit hatten, schämen sich am Sonntag bereits für ihre Landsleute „aus der DDR“. Damit bestätigt sich der Trennungsstrich zwischen den Hauptstadtbürgern und dem Rest des Arbeiter- und Bauernstaates. Die Ostberliner distanzieren sich scharf von der Provinz, desgleichen wird umgekehrt in der Provinz Ostberlin nicht zur DDR dazugezählt. Aus Sicht der Landbevölkerung kein Wunder: In Berlin gibt es stets mehr zu kaufen als anderswo. Hier wartet man auch um ein Drittel weniger lang auf ein Auto oder auf ein Telefon als „draußen“.
Schlangen hin, Schlangen her
Ostberliner äußern sich abfällig und verständnislos darüber, wie „die Zonis“ stundenlanges Stehen im Verkehrsstau oder im Eisenbahnwaggon in Kauf nehmen, wie sie sich stundenlang vor den Übergangsstellen an der Berliner Mauer anstellen, wie sie auf der Westberliner Seite abermals stundenlang warten, bis sie das Begrüßungsgeld von 100 D-Mark ausgezahlt erhalten, wie sie dann damit in die Kaufhäuser drängen und kein Verständnis zeigen, wenn ein Konsumtempel immer wieder wegen Überfüllung geschlossen werden muss, und wie sie auf dem Heimweg erneut die Schlangen durchstehen.
Und wofür das Ganze? Das reizt manchen Ostberliner erneut zum Lachen: Für Seife und Billig-Deodorants, für Schokolade, Bananen und Ananas, für Stapel von Cola-Dosen oder fürs Sexkino.
Waren aus Armeebeständen
Die langfristigen psychologischen Auswirkungen des Wochenendes sind noch nicht abzusehen. Besonders die Bewohner aus der Provinz, die sonst eher ent- als versorgt werden, können ab sofort das Angebot in ihrem dörflichen Laden am Warenangebot des Westens messen. Eltern fürchten, dass die Kinder zu fordern anfangen. Und sie fragen sich: Warum hat man uns das alles vorenthalten?
SED-Generalsekretär Egon Krenz baut hier mit ersten Maßnahmen vor. Die in Berlin-Marzahn gelegene Lagerhalle für das am Alexanderplatz stehende „Centrum“-Warenhaus, eine Art KaDeWe auf sozialistisch, lässt er komplett ausräumen. Der Inhalt – von Schrankwänden bis zum Nagellackentferner – wird in die Dörfer geschickt, um der dortigen Bevölkerung das Gefühl zu vermitteln, das Angebot bessere sich endlich. Handwerker erhalten plötzlich lang ersehnte Arbeitsanzüge und dringend benötigte Ersatzteile. Zu diesem Zweck werden einfach die Armeebestände ausgeräumt.
Westen wird nervöser
Die DDR in Katerstimmung. Der Rausch vom ersten Wochenende wirkt nach. Noch gibt es in der Masse kein anderes Gesprächsthema. Manchen genügt ja schon die Möglichkeit, künftig jederzeit zum Bummeln und Kieken in den Westen gehen zu dürfen.
Im Westen nimmt indessen die Angst vor Arbeitsplatzverlust und Wohnungsnot zu. Die Bonner Politiker haben schon vor dem Fall der Mauer die DDR-Flüchtlinge vor Illusionen gewarnt. Seit Öffnung der Grenze versuchen sie eindringlich, den Übersiedlungsdrang zu dämpfen. Der anhaltende Strom von Flüchtlingen stößt in der Bundesrepublik zunehmend auf Kritik und Unverständnis.
Helmut Kohl und die Bonner bremsen
Bundeskanzler Helmut Kohl hat noch ein paar Tage vor den ersten Mauerdurchbrüchen gemahnt, die Ausreise von Hunderttausenden DDR-Bürgern sei „keine Lösung der deutschen Frage“. Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann warnt vor Problemen auf dem Arbeitsmarkt, der nicht unbegrenzt aufnahmefähig sei. Zudem sei die Qualifikation vieler Übersiedler in der BRD gar nicht gefragt. Auch Gewerkschaftsvorsitzender Ernst Breit wird nervös: „So willkommen sie uns sind, so deutlich müssen wir ihnen sagen, dass unser Teil Deutschlands kein Paradies ist und sie hart um den wirtschaftlichen Wohlstand kämpfen müssen.“ Innenminister Wolfgang Schäuble verweist auf die Wohnungsknappheit im Westen. Kanzleramtsminister Rudolf Seiters meint, der Massenexodus sei weder im Interesse der Menschen noch einer vernünftigen Deutschlandpolitik. SPD-Chef Hans-Jochen Vogel appelliert, lieber den Demokratisierungsprozess zu Hause zu unterstützen und sich in der DDR selber zu engagieren.
Noch ein paar Wochen zuvor galten die Aus- und Übersiedler als deutsches Konjunkturprogramm und Geburtennachhilfe. In den damaligen Gutachten von Wirtschaftsexperten kam unterm Strich heraus: Es lohnt sich für alle.
Vorteile der Westwanderung
Die jungen Aussiedler – Durchschnittsalter 27 Jahre – gelangten „zu einem äußerst günstigen Zeitpunkt“ ins Bundesgebiet, schrieben die Sachverständigen.
Außerdem seien die Aussiedler statistisch um dreißig Prozent fruchtbarer und füllten damit Lücken auf, die auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt erwartet wurden. Die Westwanderung trage zu Wachstum und Wohlstand bei, zur Stärkung der öffentlichen Finanzen, zur Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme, zur Verjüngung der Bevölkerungsstruktur und zu einem elastischeren Arbeitsmarkt.
Während sich im November noch Millionen von DDR-Bürgern am neuen Freiheitsgefühl, den Reisemöglichkeiten und dem westlichen Warenangebot berauschen, ringen in der ausgedünnten DDR viele Gruppen darum, das weitere Handeln nicht der alten Führung zu überlassen, sondern selbst aktiv zu bleiben. Eine veritable Gründungsphase setzt ein. Unzählige Initiativen, Kundgebungen, Engagements jeglicher Art sorgen in der Aufbruchsstimmung dafür, dass die demokratische Erneuerung nicht in ihren Anfängen stecken bleibt oder – was wieder mit jedem Tag mehr befürchtet wird – dass gar restaurative Kräfte die Reformbestrebungen zunichte machen.
Die alten Chefredakteure gehen nicht
Auch die Journalisten müssen in eigener Sache nachhelfen. In den Redaktionen herrschen unhaltbare Zustände, es bewegt sich zu wenig. Eine Initiativgruppe von Journalisten erwartet, dass das angekündigte neue Mediengesetz nur halbherzig ausfällt, dass sich die Eigentumsverhältnisse nicht ändern und die ZK-Abteilung für Agitation und Propaganda (Agitprop) weiterhin die Medien gängelt.
Die 41-jährige freie Journalistin Anna Leo ist drei Jahre zuvor aus der Redaktion der „Neuen Berliner Illustrierten“ (NBI) ausgetreten, weil sie nicht mehr verantworten wollte, was sie schreiben musste. Mit einem Dutzend anderer Redakteure berät sie im DDR-Journalistenverband, „der sich bisher überhaupt nicht um die Belange der Mitglieder gekümmert hat“, Rahmenbedingungen fürs Mediengesetz, ein Statut gegen die Willkür von Chefredakteuren und eine Art Rechtsschutz für Journalisten.
Die jetzigen Zustände in den Redaktionen des Berliner Verlags (im Hochhaus am Alexanderplatz) seien unhaltbar. „Dort werden Chefredakteure überhaupt nicht mehr akzeptiert, aber sie gehen nicht! Das macht Arbeiten unmöglich und führt zu vielen Spannungen“, klagt Anna Leo. „Es läuft immer noch nach dem Prinzip der Nomenklatura, die Chefredakteure werden vom Zentralkomitee eingesetzt.“
Kein Papier für neue Zeitungen
In der Öffentlichkeit sei kaum bekannt, dass fast alle Zeitungen der DDR direkt oder indirekt der SED gehören, ohne dass es im Impressum aufscheine. Daran scheint sich auch jetzt nichts zu ändern. Die Gründung neuer Zeitungen, etwa eine Publikation des Neuen Forums, scheitert noch am knappen Papierkontingent. Das Neue Forum muss sich auf hektographierte Blätter beschränken, die es nur in den Kirchen verteilen kann. Um Papier zu bekommen, müsste erst eine „alte“ Zeitung eingestellt werden.
Es fehlt dem Neuen Forum nicht nur die eigene Publikation, sondern auch alles andere. Die Leute arbeiten von ihren Privatwohnungen aus, Anträge auf Büroräume werden im Ostberliner Rathaus verschleppt. An einem Wochenende einen Monat nach dem Mauerfall besetzen sie in einem fast leerstehenden Hochhaus in der Mollstraße 31 drei Wohnungen, damit sie wenigstens eine Adresse haben und Sprechstunden abhalten können. Ein Telefon gibt es dort freilich nicht. Ähnlich geht es auch allen anderen Gruppierungen.
Unter vielen DDR-Journalisten geht noch immer die Angst um, dass auf Knopfdruck die Reglementierung der Presse und die totale Negierung der Wirklichkeit jederzeit wieder einsetzen könnten. Für die Unumkehrbarkeit der jüngsten Prozesse gibt es keine Garantie.
Kameradschaftliche Ratschläge vom ZK
Politbüromitglied Günter Schabowski, der neue Medienverantwortliche im ZK, habe bereits erkennen lassen, dass die ZK-Abteilung Agitprop bestehen bleibe, sich ihr Einfluss auf die Medien aber auf „kameradschaftliche Ratschläge“ beschränken werden.
Mit jedem Novembertag schlägt die anfangs euphorische Stimmung der DDR-Bevölkerung immer mehr in Wut und Empörung um. Nun – da der Hundertmarkschein des Begrüßungsgeldes längst aufgebraucht ist – arbeitet in der Volksseele die empfundene Demütigung, mit der die DDR-Bürger im Westen als Almosenempfänger auftreten müssen, weil sie der eigene Staat mit seiner weichen Währung als Bettler hinüberfahren lässt.
Betrogen von der alten Garde
Genau in diese Stimmung hinein kommen kriminelle Machenschaften der alten Garde und Privilegien ungeahnten Ausmaßes ans Licht. Eine Generation, die sich aufgeopfert hat, fühlt sich verraten und verkauft. Ihr mühsamer grauer Alltag und die jahrzehntelange Erfolgspropaganda auf der einen Seite stehen Devisenschiebereien, Waffengeschäften und Schweizer Konten mit Milliarden D-Mark gegenüber.
Belogen und betrogen fühlen sich selbst die SED-Mitglieder. Vor allem erregt sie die Nachricht, dass führende Politiker und Staatsbedienstete stets Pistolen bei sich gehabt haben dürften.
Angst vor restaurativen Kräften
Die Angst vor restaurativen Kräften hängt über Ostberlin wie der Smog. Beides verschlägt den Atem. Noch Wochen nach dem Mauerfall hat sich in den meisten Betrieben nichts geändert, sitzen noch dieselben Direktoren und Parteisekretäre an der Spitze. Immer noch versuchen manche Redakteure, gewisse Meldungen zu unterschlagen. Erst ganz allmählich wird unter öffentlichem Druck die Staatsanwaltschaft aktiv.
Nach dem Kater muss vieles bewältigt werden. Zunächst die Zukunft, dann aber auch die Vergangenheit. Schuldfragen werden schon gestellt. Die „Wendehälse“ werden mit Vorhaltungen konfrontiert, Zurücktretende aufgefordert, sich zu rechtfertigen. Die DDR erarbeitet sich selbst eine neue Identität. Zu spät.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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