Sarrazin Reloaded
Die EU wäre gut beraten, weitere Aufklärer wie Thilo Sarrazin hervorzubringen, sagt der Anwalt Andreas Geiger nach der großen Integrationsdebatte des vergangenen Jahres. In einem Kommentar auf EURACTIV.de lenkt Geiger den Blick auf Ur-Deutsche und ihre "Banlieues".
Die EU wäre gut beraten, weitere Aufklärer wie Thilo Sarrazin hervorzubringen, sagt der Anwalt Andreas Geiger nach der großen Integrationsdebatte des vergangenen Jahres. In einem Kommentar auf EURACTIV.de lenkt Geiger den Blick auf Ur-Deutsche und ihre „Banlieues“.
Zum Autor
Dr. Andr
eas Geiger ist Managing Partner der Lobbykanzlei Alber & Geiger (Brüssel und Berlin) und Autor des "EU Lobbying Handbook".
_________________
Dass Thilo Sarrazin im Kern mit seinen Thesen Recht hat, zeigen die Reaktionen auf sein Buch "Deutschland schafft sich ab". Und zwar weniger die exorbitanten Verkaufszahlen, oder die Beifallsbekundungen großer Teile der deutschen Bevölkerung. Und schon gar nicht der bei diesen Themen unvermeidliche Beifall von der falschen Seite. Sondern vielmehr die nahezu durchgängige Empörung der etablierten politischen Klasse Deutschlands. Getroffene Hunde bellen nun einmal. Und dass Sarrazin hier einen wunden Punkt getroffen hat, bestreitet niemand. Ihm gebührt das in Deutschland – wie auch in fast allen anderen EU-Staaten – heute seltene Verdienst, auszusprechen, was sich sonst keiner traut.
Und jede Form von Zuspitzung muss politischen Tiefgängern wie Sarrazin erlaubt sein, solange andere nur die Oberfäche pflügen. Solange der türkische Ministerpräsident Erdogan aus Wahlkalkül der Integration in Deutschland vorsätzlich Schaden zufügt. Solange die Grünenvorsitzende Claudia Roth jeder vermeintlichen Diskriminierung um den Globus nachjettet, um Wahltränen in laufende Kameras zu vergießen. Solange führende Politiker wie der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle durch ihr Handeln den letzten Restglauben der deutschen Bevölkerung in Demokratie als beste Staatsform final erschüttern. Deutschland braucht Leute wie Sarrazin. Und die EU wäre gut beraten, auch andere Sarrazins hervorzubringen. Sie sind als Aufklärer ohne politischen Führungsanspruch die Garanten dafür, dass das Volk sich nicht von der Demokratie abwendet – und wie andernsort Rattenfängern nachläuft.
Kennt Sarrazin Gropiusstadt, Kosmos-Viertel und Helle Mitte?
Doch bei aller Beobachtungsschärfe greift Sarrazin zu kurz, wenn er den Untergang der deutschen Gesellschaft auf den Zuzug anatolischer Bauern reduziert. Fraglos waren die familiären Einwanderungsmuster von Muslimen nach Deutschland und Europa sowie deren Intergration in der Vergangenheit mehr als problematisch. Sarrazins These, dass die Klugen, Erfolgreichen zuhause bleiben, und die Dummen, Erfolglosen auswandern, um ihr Glück andernorts – zum Beispiel in Deutschland – zu suchen, leuchtet ein. Doch wird Deutschland, wird Europa, nur aufgrund dieser "Verwässerung" des Intellekts kontinuierlich im Durchschnitt dümmer?
Hier sind Zweifel angebracht. Als ehemaliger Berliner Senator muss Sarrazin doch die Zustände in Gropiusstadt, Kosmos-Viertel und Helle Mitte kennen. Wenn Sarrazin fordert, dass Kinder deutsch lernen müssen, um in Deutschland erfolgreich zu sein – in diesen Vierteln wäre ein guter Startpunkt. Und zwar nicht aufgrund des Migrantenanteils, der hier bei teilweise unter 5 Prozent liegt. Sondern da in diesen Vierteln auch der Deutsche kein deutsch spricht. Zumindest nicht so, wie Sarrazin sich das vorstellt.
"White Trash"
Der Amerikaner hat in seiner unnachahmlich direkten Art eine Bezeichnung für diese Menschen gewählt, die in Washington DC heute zum stehenden Begriff auf den Fluren der Politik gehört. Er nennt sie "White Trash". Weniger menschenverachtend, doch im Kern auf dasselbe reduziert, wird in Deutschland das identische Bild abgerufen, wenn hierzulande von der Klientel des "Unterschichtenfernsehens" die Rede ist. Arbeitslosigkeit, Kinderarmut über 70 Prozent, Jugendbanden. Heimat der U-Bahnschläger. Amerikanisches Ghetto in Reinkultur. Deutschland hat seine eigenen Banlieues. Wer hier einmal durchgekommen ist, weiß: Hier schafft sich Deutschland wirklich ab, nicht in den Gemüseläden Kreuzbergs. Und hier lässt sich das nicht mit dem Zuzug von Analphabeten vom Bosporus erklären. Denn dies hier sind Ur-Deutsche.
Doch mit dem Land der Dichter und Denker haben sie nichts zu tun. Doch vielleicht hat Sarrazin gar nicht versehentlich zu kurz gegriffen. Vielleicht ist nur die Lösung für dieses Problem einfach um ein Vielfaches komplexer als bei Migranten, deren bekennende Heimat ja woanders ist, und die man dort auch wieder hinschicken kann. Oder aber Sarrazin hat einfach viel weiter gedacht. Denn bei genauem Hinsehen bietet diese Thematik Stoff für mindestens ein weiteres Buch. Also "Sarrazin Reloaded"? Man darf gespannt sein.
________
Schicken Sie Ihren Kommentar zum Thema an die
EURACTIV-Redaktion
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
Migration und Integration: Künftig Normalfall (14. Oktober 2010)
Weitere Standpunkte von Andreas Geiger
Europas Wunsch nach Werten (27. Juli 2010)
Gescheiterte Staaten Europas (15. Juni 2010)