Russische Aggression lässt Euro und EU-Wachstumsprognosen abstürzen

Steigende Energiepreise ließen den Euro in den vergangenen Tagen auf das Niveau des US-Dollars fallen. Gleichzeitig veranlassten Sorgen um die Energieversorgung die EU-Kommission, ihre Wachstumsprognosen deutlich nach unten zu korrigieren.

/ EURACTIV.com
Paolo Gentiloni
Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni präsentiert die Sommer-Wirtschaftsprognose in Brüssel, 14. Juli 2022. [<a href="https://audiovisual.ec.europa.eu/en/photo/P-058654~2F00-02" target="_blank" rel="noopener">[EC Audiovisual Services]</a>]

Steigende Energiepreise ließen den Euro in den vergangenen Tagen auf das Niveau des US-Dollars fallen. Gleichzeitig veranlassten Sorgen um die Energieversorgung die EU-Kommission, ihre Wachstumsprognosen deutlich nach unten zu korrigieren.

Während die Kommission für 2022 weiterhin ein BIP-Wachstum von 2,7 Prozent für die EU prognostiziert, geht sie für 2023 nur noch von einem Wachstum von 1,5 Prozent aus, nachdem sie zuvor 2,3 Prozent prognostiziert hatte.

„Der Krieg Russlands gegen die Ukraine wirft weiterhin einen langen Schatten auf Europa und unsere Wirtschaft. Wir sehen uns mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, von steigenden Energiepreisen bis hin zu äußerst unsicheren globalen Zukunftsaussichten“, sagte der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis.

Es kann noch schlimmer kommen

Aufgrund der ungewissen Weiterentwicklung des Krieges sind die Wachstumsprognosen mit Vorsicht zu genießen.

„Da der Verlauf des Krieges und die Zuverlässigkeit der Gaslieferungen ungewiss sind, ist diese Prognose mit großer Unsicherheit und Abwärtsrisiken behaftet“, erklärte Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni.

Diese Unsicherheiten wurden auch von den Finanzmärkten registriert, wie die kurzzeitige Parität des Euro gegenüber dem US-Dollar in dieser Woche zeigt.

Die europäische Gemeinschaftswährung hat tagelang am Rande der Parität zum Dollar geschwankt und diese schließlich am Mittwoch (13. Juli) unterschritten. Auch wenn dies eher von symbolischer als von substanzieller Bedeutung ist, so ist das Ausmaß des Kursrückgangs des Euro doch erheblich.

Mit einem Rückgang von 11,8 Prozent seit Jahresbeginn entspricht der derzeitige Verlust nahezu dem des Jahres 2015, als die Europäische Zentralbank (EZB) massive Konjunkturmaßnahmen einleitete.

Und möglicherweise hat der Rückgang seinen Tiefpunkt noch nicht erreicht.

Wird Moskau die Gaszufuhr stoppen?

„Wir sehen Raum für einen Anstieg bis auf 0,97 Dollar und möglicherweise sogar 0,95 Dollar“, sagte Olivier Konzeoue, Leiter des Währungsteams beim Vermögensverwalter UBP, und verwies auf die Auswirkungen der Energiekrise auf die europäische Wirtschaft.

„Im Grunde wissen wir, dass sich alles um Russland dreht“, fügte er hinzu.

Der jüngste Kursrückgang des Euro erfolgte, nachdem die Gasflüsse durch die russische Nordstream 1-Pipeline wegen Wartungsarbeiten für 10 Tage unterbrochen wurden. Sollte Moskau die Abschaltung jedoch verlängern, könnte Deutschland – das sich bereits in der zweiten Phase eines dreistufigen Gasnotfallplans befindet – gezwungen sein, den Brennstoff zu rationieren.

„Wenn die Gaspipeline, die für 10 Tage stillgelegt ist, nicht wieder in Betrieb genommen wird und es zu weiteren Gasrationierungen kommt, haben wir möglicherweise noch nicht die niedrigsten Werte des Euro gesehen“, sagte Christian Keller, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Barclays.

Einige Analyst:innen rechnen mit einem Rückgang des Euros auf 0,90 Dollar, wenn die Gaslieferungen länger unterbrochen werden.

Unbequeme Lage für die EZB

Die Maßnahmen bringen die EZB in eine Zwickmühle. Es wird erwartet, dass sie nächste Woche zum ersten Mal seit 2011 die Zinssätze anhebt, um die rekordbrechende Inflation zu bekämpfen. Die Kommission rechnet für 2022 mit einer jährlichen Inflationsrate von 7,6 Prozent in der Eurozone und 8,3 Prozent in der EU.

Die Währungsschwäche verschärft das Inflationsproblem. Die EZB kann jedoch keine offensive Verschärfung der Geldpolitik riskieren, da sie befürchtet, dass das Wirtschaftswachstum dadurch zurückgeht.

Die steigenden Energiekosten machen sich bereits bemerkbar. Deutschland hat gerade sein erstes Handelsbilanzdefizit seit 1991 gemeldet. Die Investitionsbereitschaft ist auf ein Niveau gesunken, das mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020 vergleichbar ist.

Eine Analyse von BNP Paribas über die historische Entwicklung der Währungen bei steigenden Energiepreisen zeigt, dass der Euro stärker als andere Währungen der Industrieländer unter Gaspreisschocks leidet und im Durchschnitt um 4,5 Prozent fiel.

JPMorgan stellte fest, dass der Euroraum bereits mit „parabolischen“ Gaspreisspitzen konfrontiert sei, wobei die Lieferungen im Juni um 53 Prozent zurückgingen. Deutschland verzeichnete sogar einen Angebotsrückgang von 60 Prozent.

Die Bank senkte ihr Euro-Dollar-Ziel auf 0,95 Dollar, „was zeigt, dass der Markt zunehmend geneigt sein wird, eine größere Wahrscheinlichkeit einer Eskalation einzupreisen.“

Im schlimmsten Fall könnte ein Preis von 0,90 $ erreicht werden, so JPMorgan unter Berufung auf die Prognose der Bundesbank, wonach das deutsche BIP im ersten Jahr um 6 Prozent sinken würde, wenn die Lieferungen vollständig eingestellt würden.

Solidarität und Unabhängigkeit

Jordan Rochester von Nomura rechnet damit, dass der Euro bis Ende August auf 0,95 Dollar fallen könnte – aber in einem Szenario, in dem die Gasspeicher bis zum Winter nicht wieder aufgefüllt werden, könnte er auf bis zu 0,90 Dollar abrutschen.

Auch die Analyst:innen von Citi sagen voraus, dass ein russischer Lieferstopp die Gaspreise weit über das derzeitige Niveau von etwa 170 Euro pro Megawattstunde ansteigen lassen könnte.

Unter ansonsten gleichen Bedingungen wird der Euro auf 0,98 Dollar fallen, wenn der Gaspreis 200 Euro erreicht, während er bei 250 Euro unter 0,95 Dollar gehandelt würde, so die Analyst:innen.

Angesichts der bevorstehenden Herausforderungen riefen die EU-Kommissare Gentiloni und Dombrovskis zu Solidarität und einer Verringerung der Abhängigkeit der EU von russischen fossilen Brennstoffen auf.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]