Rohstoffe: Sind sie wirklich rar?
Die EU sollte sich nicht auf eine heftige Kritik Chinas, was die Versorgungen an seltener Erde betrifft, einschränken, sondern sich auf den Zugang zu allen Rohstoffen konzentrieren und auf Wiederverwertung und Substitution Wert legen, sagten Experten.
Die EU sollte sich nicht auf eine heftige Kritik Chinas, was die Versorgungen an seltener Erde betrifft, einschränken, sondern sich auf den Zugang zu allen Rohstoffen konzentrieren und auf Wiederverwertung und Substitution Wert legen, sagten Experten.
Ein lang erwartetes Dokument der Europäischen Kommission über Rohstoffe, das am 2. Februar vorgelegt wurde, hat es versäumt, unter EU-Unternehmen und anderen Beteiligten Begeisterung auszulösen.
Viele haben das Dokument als die einfache Wiederholung einer vorherigen Initiative aus dem Jahr 2008 beschrieben und eine bessere Prioritätensetzung unter ihren drei Aktionssäulen – Handel, heimischer Bergbau und Wiederverwertung (siehe „Background“) – gefordert.
Der deutsche Mitte-Rechts-Europaabgeordnete Karl-Heinz Florenz (Europäische Volkspartei), Präsident der Rohstoffgruppe im Europäischen Parlament, sagte, er könne im Vorschlag „keine neue Initiative“ sehen und bedauerte den Mangel an „klarer Gewichtung zwischen den drei Säulen“.
Die Mehrheit der Beteiligten scheint auch die Eingliederung eines ganz neuen Kapitels über die Finanz- und Rohstoffmärkte abgelehnt zu haben – sie sagten, man hätte diese getrennt behandeln sollen.
Die Rohstoffgruppe des Europäischen Parlaments, die vor zwei Wochen gegründet wurde, um an einer EU-Strategie zu arbeiten, wird auf diese Märkte nicht einmal eingehen.
Das neue Kapitel wurde zum Kommissionsdokument in der letzten Minute auf Ersuchen Frankreichs hinzugefügt, welches versprochen hat, im Rahmen seines G20-Vorsitzes Rohstoffspekulanten zu bekämpfen.
Knappheit
Bedenken über die Knappheit und die Versorgungen von Rohstoffen sind aufgetreten, während die globale Bevölkerung weiterhin wächst und die Armen der Welt sich weiterhin aus der Armut ziehen.
Die schnelle Industrialisierung von Schwellenländern, wie Brasilien, China und Indien, hat den Wettbewerb um Rohstoffe verstärkt, was die Preise auf den Rohstoffmärkten in die Höhe getrieben hat.
Allerdings hinterfragen jetzt einige Wissenschaftler diese weitgehend akzeptierte Ansicht. Uns gingen Rohstoffe nicht aus, zumindest noch lange nicht, erklärte Professor Roderick Eggert von der „Colorado School of Mines“ während einer Rede vor dem Europäischen Parlament im Januar.
Während seiner Rede in Brüssel hat Eggert, ein Geochemieabsolvent, der im Bereich Mineralwirtschaft promovierte, eine solche Wahrnehmung in Frage gestellt und sagte, dass sich Unternehmen und Gesetzgeber stattdessen auf „Kosten, Geografie und Zeitpläne“ konzentrieren.
Mit „Kosten“ bezog sich Eggert sowohl auf die wirtschaftlichen Kosten des Abbaus als auch des Recyclings, die von einem Ort zum nächsten stark variieren. Er lenkte auch die Aufmerksamkeit auf breitere, „weniger quantifizierbare“ Umwelt- und Sozialkosten, die mit diesen beiden Herstellungsmethoden einhergehen.
Für die Europäische Kommission liegt das „Problem“ bei Rohstoffen hauptsächlich bei der Konzentration der Herstellung in einer Handvoll von Ländern. Eggert bestritt allerdings diese Behauptung und argumentierte, dass eine geografisch konzentrierte Herstellung keinen Risikofaktor darstellen könne, was den Zugang zu Rohstoffen betrifft.
In seiner Ansicht seien die geografische Konzentration und die Importabhängigkeit einfach nicht dasselbe. Und in vielen Fällen könne die Importabhängigkeit sogar gut sein, wenn Auslandsquellen besser und preiswerter verfügbar seien als die heimischen, sagte er.
Eggert betonte auch den Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Versorgungsproblemen. Kurzfristig sei das wirkliche Problem „die Zuverlässigkeit von Herstellern und die verfügbarkeitsbezogenen Risiken“, die auf den existierenden Herstellungskapazitäten beruhten und von Investitionsentscheidungen und vergangenen Regierungspolitiken stark beeinflusst würden.
Langfristige Probleme seien sehr unterschiedlich und bezögen sich auf die geografische Verfügbarkeit, die Entwicklung bei den Herstellungsmethoden und die Rolle, die die öffentliche Politik für ihre Vereinfachung spiele, setzte der Professor fort.
Die neue Strategie der Kommission appelliert auch an die Mitgliedsstaaten, damit sie „nationale Mineralienpolitiken“ entwickeln, Flächennutzungsplanungspolitiken für Mineralien entwerfen und den Zulassungsprozess für die Exploration und den Abbau von Mineralien vereinfachen.
Sogar was seltene Erden betrifft, glaubt Eggert, dass Versorgungsquellen, die nicht aus China stammten, als Folge der „Bergbaumanie“ – des erwarteten Booms in der Exploration der Ablagen, die Elemente von seltener Erde beinhalten – schließlich auf den Markt kommen würden.
Trotz ihres Namens sind Reinhard Bütikofer, einem grünen Europaabgeordneten, zufolge seltene Erden nicht so selten, mit einem Drittel der bekannten weltweiten Reserven in Grönland und Ablagen in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Südafrika und sogar Schweden.
Wenn es in der Vergangenheit nicht so einfach gewesen wäre, sich auf China zu verlassen, was die Versorgung der High-Tech-Industrien Europas betreffe, wären die Gesetzgeber nicht erst am Steuer eingeschlafen, schrieb er in einem Gastkommentar für EURACTIV vor kurzem.
In den nächsten paar Jahren werde erwartet, dass die Herstellung in den Vereinigten Staaten und insbesondere in Kanada schon anlaufe. Daher argumentierten andere, dass das Versorgungsrisiko eher ein mittel- bis langfristiges Problem sei, sagte Bütikofer.
Verfügbar, aber zu welchem Preis?
Wenn, wie es Eggert und Bütikofer andeuten, Rohstoffe nicht wirklich rar sind, könnte die EU beschließen, ihre Strategie mildern, um sicherzustellen, dass der Zugang der Industrie zu günstigen Preisen beibehalten wird.
Die Europäische Kommission sagt, dass der 2002-2008-Preisboom durch eine stark ansteigende Nachfrage aus Schwellenländern gekennzeichnet gewesen sei und dass der Trend sich mit der andauernden Industrialisierung Chinas, Indiens und Brasiliens fortsetzen werde.
Da die europäische Nachfrage nach Materialien relativ stabil bleibt im Vergleich zum Anstieg in China, verliert der Alte Kontinent auf den weltweiten Märkten Kaufkraft an die Schwellenländer und ist dazu gezwungen, seine Rohstoffdiplomatie durch Handelsabkommen oder Angriffe auf China bei der WTO zu verstärken.
Seltene Erden sind jedoch nicht das einzige Beispiel. In Bereichen wie der Stahlerzeugung habe die Marktkonzentration eine große Rolle beim Anstieg der Preise gespielt, sagt die Kommission. Während die Reserven an Eisenerz reichlich sind, war die bisherige Tendenz, dass sich das Angebot in der Hand einer geringen Anzahl von globalen Unternehmen konzentriert – wie dem australischen Bergbaugiganten BHP Billiton, dem britisch-australischen Unternehmen Rio Tinto und Vale aus Brasilien.
Letzten Monat haben Analysten von Bloomberg geschätzt, dass die drei Unternehmen wahrscheinlich Rekordprofite, die sich auf 52 Milliarden Dollar beliefen und durchschnittlich einen Anstieg um 66 Prozent des Jahreseinkommens im letzten Jahr darstellten im Vergleich zu 2007. Dagegen könnten die größten öffentlich gehandelten Stahlhersteller, darunter ArcelorMittal, einen durchschnittlichen Rückgang ihrer Profite um 30 Prozent in derselben Periode erlebt haben, haben die Analysten vorherberechnet.
Die europäische Stahlindustrie, die Eurofer repräsentiert, sagte, sie sei über jüngste Anstiege bei den Eisenerzpreisen um beinahe 100 Prozent „empört“. Die Konföderation warnte vor ihren „bedeutenden Auswirkungen auf die Stahlpreise und als solches auf die ganze Herstellungs- und Konstruktionswertschöpfungskette und schließlich auf den europäischen Verbraucher“.
Forschung und Entwicklung auf dem neuesten Stand
Nun erkennen sowohl die Industrie als auch die Gesetzgeber an, dass mögliche Risiken in der Rohstoffversorgung als eine Chance betrachtet werden sollten, um die EU-Wirtschaft auf ein ressourceneffizienteres Modell umzulenken.
Den Verbrauch von Mineralien zu reduzieren, während man mehr Wiederverwertung und den Nutzen von Ersatzmitteln unterstütze: Dies wird als entscheidend betrachtet, um die Abhängigkeit der Union von den Importen zu reduzieren und die Union auf ein ressourceneffizienteres Modell hinzusteuern.
Und mit ordentlichen Investitionen in die Forschung und Entwicklung, um neue Verwertungstechnologien und Substitutionswerkstoffe zu erreichen, könne sich Europa eine führende Position in diesem Wissensbereich sichern und neue grüne Arbeitsstellen schaffen, argumentieren Befürworter.
Stéphane Arditi vom Europäischen Umweltbüro (EEB), einer NRO, bemerkte allerdings, dass „gesetzliche Motoren“ wie ehrgeizige Ziele für die Wiederverwertung eingeführt werden müssten, um der Verwertungsindustrie Anreize zu geben, in die Forschung und Entwicklung und in neue Anlagen zu investieren.
Die Europäische Kommission bereitet derzeit eine Strategie für ein ressourceneffizientes Europa vor, die im Juni veröffentlicht werden soll. Dem Umweltkommissar Janez Poto?nik zufolge könnte die Strategie, die auch auf Rohstoffe eingehen werde, Ressourceneffizienzziele für die Mitgliedsstaaten einführen.