Rifkin: Europäischer Traum noch nicht tot

Trotz der Wirtschaftskrise und dem Kampf darum, den Euro zu retten, sei der europäische Traum noch nicht tot: Was Europa brauche, sei eine „wirtschaftliche Vision und einen Spielplan, der ein nahtloses Verteilungsstromnetz schafft“ um eine dritte industrielle Revolution zu beginnen, sagte Jeremy Rifkin, Autor von „The European Dream“ in einem Interview mit EURACTIV.

european_flag1.jpg
Der Fahrplan für die Bildung der neuen EU-Kommission. [EPA]

Trotz der Wirtschaftskrise und dem Kampf darum, den Euro zu retten, sei der europäische Traum noch nicht tot: Was Europa brauche, sei eine „wirtschaftliche Vision und einen Spielplan, der ein nahtloses Verteilungsstromnetz schafft“ um eine dritte industrielle Revolution zu beginnen, sagte Jeremy Rifkin, Autor von „The European Dream“ in einem Interview mit EURACTIV.

Die EU befinde sich in der weltweit besten Position, um den Übergang von der zweiten zur dritten industriellen Revolution zu gestalten, sagte Rifkin und weist Argumente zurück, denen zufolge Europa zum Scheitern verurteilt sei. 

„Trotz all seiner Fehler ist Europa noch immer das Labor der Welt“, sagte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Vorsitzender der Stiftung für Wirtschaftliche Trends. Er erklärte, dass die USA sich weiter und weiter in der Zeit zurück bewegten und dass China ein Top-Down zentralisiertes Regime sei, das implodieren werde. Jedoch sollten EU-Chefs aufhören, sich mit Randphänomenen zu beschäftigen. Ihm zufolge ist die finanzielle Krise lediglich ein Folgeschock des wirtschaftlichen Erdbebens, der durch die hohen Ölpreise im Jahr 2008 ($ 147 pro Barrel) verursacht wurde.

„Das nenne ich Höhepunktszivilisation und es ist das Ende der zweiten industriellen Revolution.“ Er fügt hinzu, dass seit über einem Jahrzehnt die Industrieländer ihre Ersparnisse ausgeben, um mit der Globalisierung voranzukommen.

Rifkin sagte voraus, dass, wenn der Aufschwung kommt, Ölpreise ansteigen werden und eventuell einen „Kurzschluss“ verursachen werden, der den wirtschaftlichen Motor wieder abwürgt und die Welt in Panik versetzt. „Es wird einen Bumerang-Effekt geben“, warnte er.

Vier Säulen der dritten industriellen Revolution

Dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler zufolge, der nach der Veröffentlichung seines Bestsellers The European Dream in Europa berühmt wurde, beruht die Strategie, Europa in die dritte Revolution zu transportieren auf einer viersäuligen Infrastrukturrevolution. Diese wird der EU denselben wirtschaftlichen Multiplikator verschaffen wie die Eisenbahn im 19. Jahrhundert und der Interstate Highway den USA in der jüngeren Geschichte.

Abgesehen vom erhöhten Gebrauch der erneuerbaren Energie, um sich bis 2050 auf null CO2 Emissionen und eine Post-CO2-Wirtschaft zu zubewegen, forderte Rifkin die Umwandlung jedes Haushalts, jedes Büros und jeder Fabrik in ein kleines Kraftwerk.

„Etwas Sonne auf dem Dach, etwas Wind auf den Wänden und Hitze vom Boden und schon werden Häuser zu Kraftwerken.“ Er unterstrich, dass Häuser nicht nur der Hauptgrund des Klimawandels seien, sondern auch dessen Lösung. Wasserstoff ist die dritte Säule von Rifkins Vision. Die EU müsse sich dem Wasserstoff als Mittel zuwenden, die Energie aus ungleichmäßigen Energiequellen zu speichern. „Wir müssen eine Wasserstoffinfrastruktur in sämtlichen Häusern, in der Infrastruktur und den Energielinien Europas einrichten.“ Der vierte Teil der Strategie kombiniert die Revolution des Internets und der Kommunikationstechnologie und die Revolution der verteilbaren erneuerbaren Energie.

„Millionen und Abermillionen von Gebäuden produzieren ihre eigene Energie und werfen einen Teil des Rests in Wasserstoff – so wie man Digitales und Medien speichert – und was dann nicht genutzt wird, kann zwischen 27 Ländern mit 500 Millionen Menschen auf einem Zwischennetz genutzt werden, dass genau wie das Internet funktioniert.“ Er beharrte darauf, dass die Technologie existiere.

Europas Trumpfkarte: integrierte Märkte und die Mittelmeerpartnerschaft

Rifkin zufolge hat die EU als erster kontinentaler Regierungskörper und führende globale Wirtschaftsmacht alle Trümpfe in der Hand, um das Rennen in die dritte industrielle Revolution zu gewinnen. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass die Union auf ihre angeschlossenen Partnerschaften mit den Mittelmeerregionen Nordafrikas und des Mittleren Ostens zählen kann.

„Das sind eine Milliarde Menschen, potentiell der größte Binnenmarkt der Welt: das geht weit über das hinaus, was China sich vorstellen kann.“

Ein solcher Plan würde die alte Geopolitik hinter sich lassen und den Weg ebnen für das, was Rifkin die „Politik der Biosphäre“ nennt.

„Dies ist das nächste Projekt für Europa, und wenn Europa scheitert, dann wird der europäische Traum scheitern. Wenn es Erfolg hat, wird der europäische Traum zum Traum für eine empathische Zivilisation, ein globaler Traum des Zusammenlebens in einer geteilten Biosphäre.“

Für die Revolution zahlen mit dem „wirtschaftlichen Investitionsmodell“

Zwischen Budgetkürzungen und Sparmaßnahmen hätten die Länder Probleme, Ressourcen zuzuteilen, um ihre Wirtschaften umzuwandeln, jedoch sei der Ansatz der öffentlichen Ausgaben nicht der richtige, so Rifkin.

„Man muss sich dies ansehen wie ein wirtschaftliches Entwicklungsmodell. Der Grund, wieso es wichtig ist, ist, dass es die gesamte Art verändert, darüber nachzudenken, wo das Geld ist.“

Zum Beispiel beschrieb Rifkin in seiner Arbeit die Stadt Rom. Die italienische Hauptstadt gibt 26 Milliarden Euro für wirtschaftliche Investitionen aus – etwa ein Drittel des BIP. Rifkin schätzt, dass Rom, wenn es nur 1,4 Prozent dieser Summe auf die Durchsetzung der Viersäulenstrategie ausgibt, 40 Prozent der CO2-Emissionen in den nächsten 20 bis 30 Jahren einsparen könnte.

„Dies ist Geld, das sie sowieso ausgeben werden, auch in schlechten Zeiten.“

Andere Länder entwickeln auch eine stille Revolution – darunter Deutschland, Spanien und die skandinavischen Länder.

Der wirtschaftliche Entwicklungsplan werde sicherlich das Baugewerbe stärken, Millionen von Jobs schaffen und die europäische Wirtschaft in ein nachhaltiges Wachstumsmodell verwandeln, sagte Rifkin.

Von elitärer Vision zu Bürgervision

Doch diese Vision, bisher auf Brüssel beschränkt, müsse aus den elitären Zirkeln heraus zu einer öffentlichen Diskussion in ganz Europa werden, betonte Rifkin.

„Es erfordert politische Führer, die mit der Öffentlichkeit „Tacheles“ reden können und trotzdem Leistungen erbringen, sagte er. Inmitten der Krise müsse die EU eingreifen, der Welt sagen, wo der Aufschwung ist, und eine neue Sichtweise entwickeln.

Vergesst Kopenhagen

Dem Ökonomen zufolgen sei der nächste Schritt nach dem Kollaps der internationalen Verhandlungen zu einem globalen Klimadeal letzten Dezember in Kopenhagen ein Wechsel in unserer Art zu denken.

„Wir müssen die Möglichkeit für eine neue wirtschaftliche Vision [und] Spielplan sehen, eine neue wirtschaftliche Revolution, die uns zu einer Post-CO2-Gesellschaft machen wird“, sagte er und betonte, dass mit einem solchen Wandel rechtlich bindende Abkommen „vollkommen irrelevant“ würden.

Jeremy Rifkin sprach mit EURACTIVs Chefredakteurin Daniela Vincenti-Mitchener.

Um das vollständige Interview (auf Englisch) zu lesen, klicken Sie bitte hier.