Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution"

Angstmacherei hilft im Klimaschutz nicht weiter, so der Konsumforscher Fritz Reusswig. Allerdings gehörten die Maßstäbe der modernen Konsumgesellschaft auf den Prüfstand. Eine revolutionäre Aufgabe für Gesellschaft und Poltik...

Ein Entwurf für die CO2-neutrale Stadt Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Bewohner werden ein Handbuch nutzen, um klimafreundlich zu leben. Bild: masdarcity.ae
Ein Entwurf für die CO2-neutrale Stadt Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Bewohner werden ein Handbuch nutzen, um klimafreundlich zu leben. Bild: masdarcity.ae

Angstmacherei hilft im Klimaschutz nicht weiter, so der Konsumforscher Fritz Reusswig. Allerdings gehörten die Maßstäbe der modernen Konsumgesellschaft auf den Prüfstand. Eine revolutionäre Aufgabe für Gesellschaft und Poltik…

Im Vorfeld der internationalen Konferenz zur europäischen Energiepolitik "EU Quo Vadis V: Energiesicherheit, Klimaschutz, Innovation"  am 16. und 17. März, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung, veröffentlicht EURACTIV.de Standpunkte der Teilnehmer.

Fritz Reusswig leitet den Bereich Konsum- und Lebensstilforschung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

Nach dem enttäuschenden Klimagipfel im Dezember 2009 in Kopenhagen – und einem überraschend kalten Winter 2009/2010 – mehren sich in den Massenmedien die skeptischen Stimmen zu Klimawandel und Klimapolitik. Am 11. Januar 2010 titelt etwa das deutsche Wochenmagazin Focus "Fällt die Klima-Katastrophe aus? Fehlende Sonnenaktivität könnte eine neue Kalt-Zeit auslösen". Eine Umfrage in der EU aus dem Jahr 2009 zeigt zudem, dass wirtschaftliche Sorgen die Angst vorm globalen Klimawandel – sie war 2008 noch an erster Stelle der Bürger-Besorgnis – verdrängt haben. Und die Glaubwürdigkeit des Welt-Klima-Beratungsgremiums IPCC wurde durch das Aufdecken einiger "Fehler" untergraben.

Dennoch kann keine Rede davon sein, dass Klimaschutz und eine ihm verpflichtete Energiepolitik obsolet geworden seien. Die "Fehler" des IPCC sind, bedenkt man die enorme Kooperationsleistung, bei näherem Hinsehen lächerlich klein, und sie haben auf die wichtigen politisch wirksamen Dokumente (z. B. das "Summary for Policymakers") überhaupt keinen Einfluß gehabt (vgl. den Beitrag von Stefan Rahmstorf auf realclimate.org).

Dass die größte Weltwirtschaftskrise seit 1929 die Bürgerinnen und Bürger aktuell mehr beschäftigt als der Klimawandel ist nicht sehr überraschend. Überraschend ist eher, dass der Klimawandel mit 47 Prozent der Nennungen als wichtigstes globales Problem immer noch an der Spitze rangiert (in Deutschland sind es sogar 57 Prozent). Mittlerweile hat die Sorge vor einem wirtschaftlichen Abschwung sogar wieder abgenommen (vgl. die Eurobarometer-Ergebnisse).

Dass der Klimaskeptizismus dennoch zumindest massenmedial ein kleines Zwischenhoch erfährt hängt weniger mit neuen wissenschaftlichen Befunden zusammen. Ganz im Gegenteil: Nach Befunden des NASA Goddard Institute for Space Studies (GISS) war das Jahr 2009 das zweitwärmste seit Beginn instrumenteller Temperaturaufzeichnungen vor 130 Jahren, und während Deutschland noch einmal einen richtigen Winter erfährt – der übrigens kein Rekordwinter ist, wir haben uns nur schon an die milden Winter der letzten Jahre gewöhnt – herrscht an vielen anderen Orten – insbesondere um den nördlichen Polarkreis – eine ungewöhnlich warme Temperatur.

Was hinter der Wissenschaftsskepsis steckt

Wenn es wissenschaftlich ernstzunehmende Gründe nicht sein können, die die massenmedial verstärkte Skepsis dem Klimawandel gegenüber motivieren können, dann müssen wir die Ursachen woanders suchen. Eine alltagspsychologische Erkenntnis kann dabei hilfreich sein: Oft genug wehren wir uns innerlich gegen eine Einsicht dadurch, dass wir an ihrer Gültigkeit und Haltbarkeit zweifeln – um keinen Zweifel an unserem guten Willen aufkommen zu lassen.

Warum eine leidvolle Diät machen, wenn man doch irgendwo lesen kann, dass Änderungen im Essverhalten gar nichts bringen, sondern alles irgendwie genetisch bedingt ist. Die Welt ist voller solcher "Theorien", aber man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man die Kausalität anders sieht: Nicht weil es so viele missverständliche oder offen falsche Theorien über Diäten gibt kommt es nicht zu den entsprechenden Verhaltensänderungen, sondern weil wir zu träge, faul oder willensschwach sind, klammern wir uns an allerlei Hypothesen, die wahrscheinlich auch genau deshalb gerne angeboten werden.

Übertragen auf den Klimawandel und die jüngst aufkommende massenmediale Skepsis hieße das: Nicht hält mangelnder wissenschaftlicher Konsens die Leute vom Handeln ab, sondern mangelnde Handlungsbereitschaft kaschiert sich als Wissenschaftsskepsis – einfach weil es moralisch leichter vertretbar ist, aufgrund von Nichtüberzeugung am Gewohnten festzuhalten statt zugeben zu müssen, dass es uns aus Schwäche schwerfällt, das Richtige zu tun.

Unterhalb der Regierungsebene: Erstaunliche Zeichen für den Klimaschutz

Nun darf man auch hier das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es trifft nämlich nicht zu, dass in puncto Klimaschutz und vorsorgender Energiepolitik einfach "nichts geschieht". Es geschieht sehr viel, und es ist in Wirklichkeit gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten. Und hier muss auf Kopenhagen zurückgekommen werden. Spieltheoretisch betrachtet ist eine verbindliche Einigung auf konkrete und effektive Klimaschutzziele – insbesondere dann, wenn sie deutliche Konsequenzen für die Hochemittenden hat – unter sehr vielen Staaten ja ohnehin eher unwahrscheinlich – insbesondere dann, wenn man die enormen Machtunterschiede berücksichtigt, die in Kopenhagen ja sehr deutlich wurden.

Es mag dahingestellt bleiben, ob das bisherige Setting von UN-Klimakonferenzen im Rahmen der Klimarahmenkonvention UNFCCC nicht reformiert werden muss. Umso erstaunlicher ist allerdings, dass unterhalb der Ebene von Nationalstaaten deutliche Zeichen für Klimaschutz gesetzt werden: auf der Ebene privater Haushalte, bei Kommunen und Unternehmen. Dabei schlägt das Trittbrettfahrerproblem, das Ökonomen zufolge internationale Klimaverhandlungen so schwierig macht, besonders heftig zu: Angesichts des verschwindend geringen Beitrags an möglicher weltweiter Treibhausgasreduktion, die durch mein eigenes Handeln überhaupt erreicht werden können, ist es nachgerade absurd, die Kosten des klimaschützenden Handelns zu tragen.

Es wäre – immer dieser Rationalität folgend – viel sinnvoller, die knappen Mittel, die mir – als Bürger, als Kommune, als Unternehmen – zur Verfügung stehen, in Anpassungsmaßnahmen gegen unvermeidlichen Klimawandel zu investieren. Wie immer es mit dem globalen Klimaschutz ausgehen mag, sind diese Mittel sinnvoll ausgegeben: ich schütze mich, meine Familie, meine Stadt.

Folgt man dieser Logik, dürfte es Klimaschutz bei Bürgern, Kommunen und Unternehmen gar nicht geben. Die vielen Aktivitäten etwa des kommunalen Klima-schutzes (vgl. klimabuendnis.org) sprechen aber deutlich dagegen. Direkt nach dem Scheitern des Kopenhagen-Gipfels schrieb Hamburgs Umweltsenatorin Anja Hajduk: "Der gescheiterte Klimagipfel von Kopenhagen sollte niemanden entmutigen, denn es gibt keine Alternative zum Klimaschutz, wenn wir unseren Kindern und Enkeln eine intakte Erde hinterlassen wollen. Bürgermeister und städtische Umweltpolitiker aus aller Welt haben bei ihrem Gipfeltreffen letzte Woche in Kopenhagen vereinbart, dass die Städte voran gehen wollen, auch wenn sich die Staatschefs nicht einigen. Das Beispiel Hamburg zeigt, dass anspruchsvoller Klimaschutz, wirtschaftliche Stärke und Lebensqualität Hand in Hand gehen können."

Lokale Ansätze mit besten Aussichten

Auch Unternehmen engagieren sich. In einem Pilotvorhaben haben 10 deutsche Unternehmen den CO2-Fußabdruck ihrer Produkte über den gesamten Lebenszyklus ermitteln lassen und denken momentan über klimafreundlichen Konsum nach (siehe pcf-projekt.de). Einige Unternehmen aus der Musikindustrie übernehmen ihre eigene Klimaverantwortung und versuchen, das enorme Resonanzpotenzial der Branche – vor allem bei Jugendlichen – zu mobilisieren (siehe greenmusicinitiative.de).

Auch Bürgerinnen und Bürger sind engagiert. Das funktioniert auf lokaler Ebene besonders gut, wie z. B. der Bürgerpakt für Klimaschutz der Stadt Münster zeigt, bei dem man/frau sich öffentlich zu bestimmten Klimaschutzzielen und –maßnahmen verpflichten kann (siehe muenster.de).

Ich selbst habe das Vergnügen, an der Entwicklung des Klimaschutzkonzeptes für die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam mitzuwirken – angesichts der für Ostdeutschland eher ungewöhnlichen Wachstumsdynamik dieser Stadt sicher eine Herausfroderung. Aber auch in Potsdam merkt man: das Zusammenwirken von kommunalpolitischen Akteuren, der lokalen Wirtschaft und einem aktiven Kern engagierter Bürgerinnen und Bürger hat die besten Aussichten, auch ambitionierte Klimaschutzziele zu erreichen.

Geringe Kosten des Klimaschutzes

Dabei hat die klima- und energiepolitische Debatte durch zwei zunächst voneinander unabhängige Entwicklungen sehr profitiert: Den weltweiten Anstieg der Öl- und Gaspreise sowie die öffentliche Resonanz klimaökonomischer Befunde. Dass Energieeffizienz und Energiesparen mit dem Anstieg der Energiepreise bessere Chancen haben, braucht nicht lange erläutert zu werden. Und wenn sich die Peak-Oil-Hypothese bewahrheitet, derzufolge die Zukunft der Energiepreise nicht so sehr von der absoluten Angebotsmenge abhängt sondern vielmehr davon, wie sich diese verändert – weil den Märkten dann künftige Knappheit signalisiert wird -, dann dürfte es auch ohne das Zusatzproblem Klimawandel rational sein, sich längerfristig auf erneuerbare Energieträger einzustellen.

Die sog. Stern-Review – der Bericht einer Expertenkommission aus Klimaökonomen an den britischen Schatzkanzler – hat allerdings deutlich gemacht, dass dieses Zusatzproblem durchaus rascheres Handeln erforderlich macht. Anders als die meisten klimaökonomischen Studien davor hat Lord Nicholas Stern aber mindestens zweierlei deutlich gemacht: Erstens richtet der Klimawandel deutlich mehr wirtschaftliche Schäden an, als bisher angenommen, und zweitens sind die Kosten des Klimaschutzes deutlich geringer als bisher geglaubt (nur rund 1-2 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts).

Mythen der grünen Konsumkultur

Der gesellschaftliche Klimadiskurs weist bislang aber eine gewisse Verkürzung auf. Bisweilen erwecken Ökonomen und Politiker den Eindruck, der erforderliche Umbau des Energiesystems sei eine rein technische und, siehe Stern, noch dazu recht kostengünstige Angelegenheit. Das erweckt bei Bürgerinnen und Bürgern sowie bei Konsumentinnen und Konsumenten leicht den Eindruck, sie könnten sich locker zurücklehnen und warten, bis Politik und Wirtschaft diesen Umbau – und das möglichst kostenneutral – geschafft haben.

Wann kommt es also endlich, das Elektroauto mit genau den gleichen Features, dem gleichen Design, den gleichen Kosten und der gleichen bequemen Infrastruktur wie sein fossiler Vorgänger?

Diese Rechnung – oder genauer: dieser Alltagsmythos einer ergrünenden Konsumkultur – wird meiner Einschätzung nach nicht aufgehen. Wir brauchen, das hat sich mittlerweile bis in Ministerien herumgesprochen, nicht Geringeres als eine dritte industrielle Revolution (siehe BMU-Broschüre: "Die Dritte industrielle Revolution Aufbruch in ein ökologisches Jahrhundert")

Was selten dazugesagt wird: Ohne eine Revolution der Konsum- und Lebensstile wird es dazu aber nicht kommen können.

Konsummuster können nicht sakrosankt bleiben

Noch nie in der Technikgeschichte nämlich haben sich dermaßen umfassende Paradigmen- oder Pfadwechsel einfach nur als technische Umstellungen durchgesetzt. Sie waren stets begleitet von und eingebettet in teilweise schrittweise, oft aber dramatische Änderungen von Mustern der Produktion, Distribution und Konsumtion, von neuen Organisationsformen und politischen Regulierungsmustern.

Das war so bei der ersten industriellen Revolution, die ja zugleich die fossile Energiekultur der Moderne erst geschaffen hat, das war genauso bei der Einführung der Elektrizitätsnetze, Beleuchtungssysteme und Kraftmaschinen in der zweiten industriellen Revolution. Um das weltweite Klima bei einer zusätzlichen Erwärmung von 2ºC zu stabilisieren sind hierzulande Emissionsreduktionen um 80-90 Prozent bis 2050 erforderlich. Die Etablierung einer solchen Low-Carbon Economy geht mit dem Umbau von Produktionsprozessen, Produkten und Geräten, Logistikketten, Gebäuden, städtischer Infrastrukturen sowie einer dies alles regulierenden Politik einher. Konsummuster können dabei nicht sakrosankt bleiben.

"Wir denken grün, aber wir handeln braun"

Ein Niedrigenergiehaus kann durch "falsches" Handling eine genauso schlechte (oder gute) energetische Performanz abliefern wie ein konventionelles Gebäude, das von klimabewussten Spartanern gemanagt wird. Optimalerweise wird ein energetisch gutes Gebäude von klimabewussten Nutzern bewohnt (die allerdings dank der unterstützenden Technik auch keine Spartaner mehr sein müssen). Genau das hat die Planer der ersten klimaneutralen Stadt der Welt – Masdar – dazu bewogen, ein Handbuch für die künftigen Bewohner zu entwickeln, mittels dessen diese entsprechend geschult werden. Sie müssen, anders gesagt, ihren Lebensstil ändern, damit sie zum technologischen Angebot "passen", also damit die technologischen Effizienzpotenziale auch wirklich in Effizienzgewinne in der Alltagsnutzung umgesetzt werden. Ähnliches gilt für den Stromverbrauch – auch bei grünem Strom – und die möglicherweise auf uns zukommende Elektromobilität.

Zudem stellt sich die Frage: Wie kommt es überhaupt zu jenem klimaschonenden Technologieangebot, das uns allen den Klimaschutz so leicht machen soll? Wenn von einer automatischen "grünen" Technikevolution aus guten Gründen nicht die Rede sein kann, wenn selbst die zukünftig noch ansteigenden Energiepreise bei vielen heutigen Entscheidern und Investoren noch nicht überall angekommen sind, wenn selbst der Staat nur handelt, wenn er entsprechende gesellschaftliche Signale (z. B. Druck aus der engagierten Zivilgesellschaft oder von proaktiven Unter-nehmen) erhält, dann kann die ehrliche Antwort nur lauten: Auch eine effizientere oder "grüne" Technik ist auf entgegenkommende Lebensstile und entsprechende Wünsche und Forderungen angewiesen – in Paraphrase eines berühmten Ausspruchs von Jürgen Habermas, der dies von einer (universalistischen) Moral mit Recht behauptet hat.

Viele Politiker und –innen sowie insbesondere die sie beratende Mainstream-Ökonomie wollen an das Thema Lebensstilwandel nicht rühren – aus verständlichen Gründen. Sie wollen wiedergewählt werden und glauben, das Rühren an Konsummustern und Lebensstilen würde vom Wahlvolk als Verzichtsideologie und Spaßbremse interpretiert und mit Nichtwahl gestraft. Stimmt das wirklich? Häufig ist die Kritik an der Schere zwischen Bewusstsein und Handeln bei uns Konsumentinnen und Konsumenten zu hören. Wir denken grün, aber wir handeln braun.

"Brauchen wir überhaupt so viel Energie – und wozu?"

Ich schlage vor, hier eine komplexere Rationalität am Werke zu sehen. Nicht Willensschwäche, Ignoranz oder Heuchelei verbergen sich notwendigerweise hinter derlei Phänomenen. Vielleicht drückt sich darin nur die Einsicht in die Komplexität des Zusammenspiels individueller Konsumentscheidungen und politischer, nur kollektiv zu verändernder Rahmenbedingungen aus. Ich als einzelner Verbraucher kann nur wenig tun, aber ich würde eine Politik unterstützen, die mir – und allen – helfen würde, richtig zu handeln ohne das Nachsehen haben zu müssen.

Was heisst das für eine Politik der Lebensstile? Es muss deutlich werden, das auch und gerade die Verfechter eines "Technology only"-Pfades in die post-fossile Gesellschaft von impliziten Lebensstil- und Konsumänderungen ausgehen – anders können die technologischen Effizienzpotenziale gar nicht umgesetzt werden. Es muss klar werden, dass eine bloße Umstrukturierung bestehender Bedarfsniveaus suboptimal bleibt, weil nur die Problematisierung dieser absoluten Niveaus uns wirklich innovativ macht.

Aus Angst heraus kommt kaum Neues

Niemals wäre das Energie-Plus-Haus er-funden worden, hätten wir nur danach gefragt, wie bestehende Energiebedarfe durch klimaneutrale Energieträger abgedeckt werden können. Der Clou bestand in der Frage: "Brauchen wir überhaupt so viel Energie – und wozu?" Weniger war dann, wie sich zeigte, einfach mehr. Die Maßstäbe von Komfort, Sauberkeit und Bequemlichkeit, die der modernen Massenkonsumgesellschaft mindestens so sehr zum Durchbruch verholfen haben wie technische Innovationen, gehören auf den Prüfstand. Sie können und müssen neu definiert und durch "grüne" Technologien sowie alternative Organisationsmuster – beides kann sich ergänzen, kann sich aber auch als Alternative darstellen – neu formuliert werden.

Das ist auch eine kulturelle Aufgabe. Und es ist eine Aufgabe, bei der wir neben technischen auch soziale Experimente brauchen. Wir müssen eine Politik fördern, die uns im Gegenzug den nötigen Manövrierraum dafür freischaufelt oder frei hält.
Ob die Himalaya-Gletscher schon 2035 oder erst 2075 abschmelzen – der Klimawandel ist da, und er wird sich noch verstärken. Es gibt keine wissenschaftlich haltbaren Gründe, die uns daran zweifeln lassen könnten.

Wir sollten dennoch aufhören, die Angstkommunikation darüber weiter anzudrehen – aus Angst heraus, das ist eine alte psychologische Einsicht, kommt kaum Kreativtität und Neues. Auch die dritte industrielle Revolution nicht. Sie kommt – oder eben auch nicht – wenn es gelingt, überzeugende Narrative des guten Lebens auf einer erneuerten technologisch-zivilisatorischen Grundlage zu entwickeln. Da können uns Experten helfen – übrigens auch Künstler, die hier viel aktiver werden müssten – , aber letztlich können wir das nur selbst: uns aus Freiheit zum Verzicht auf einen desaströsen Entwicklungspfad und zum Aufbau eines besseren zu entscheiden.

Link


Heinrich Böll Stiftung:
"Energiesicherheit, Klimaschutz, Innovation".
Internationale Konferenz zur europäischen Energiepolitik.

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): Homepage


Dokumente

realclimate.org: IPCC errors: facts and spin (14. Februar 2010)

EU-Kommission: European Attitudes towards climate change (September 2009)

Columbia University: "If It’s That Warm, How Come It’s So Damned Cold?" Von James Hansen, Reto Ruedy, Makiko Sato, Ken Lo. (2010).

Britische Regierung:
Stern-Report zur Ökonomie des Klimawandels

BMU: Broschüre zur dritten industriellen Revolution (September 2008)

Pressemitteilung zur emissionsfreien Stadt "Masdar City"

Klimaschutz-Initiativen

klimabuendnis.org

klima.hamburg.de

pcf-projekt.de

greenmusicinitiative.de

muenster.de

In der Reihe "EU Quo Vadis – Standpunkte zur Energiepolitik" sind bislang auf EURACTIV.de erschienen:

Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin:
Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez:
Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
Michaele Schreyer:
Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
Hans-Josef Fell: "Weitgehendes Versagen der EU-Energiepolitik" (1. März 2010)

Weitere Artikel auf Englisch finden Sie auf der Seite der Böll-Stiftung:

Ana-Maria Boromisa: The Balkans: Energy Independence or Energy Interdependence?
Maria Belova: Energy Policy in Russia and the EU
Arzu Yorkan: Turkey and EU Energy Security