Recycling kann Nachfrage nach Verpackungen nicht vollständig decken

Die Europäische Kommission will mit ihrer kommenden Verpackungsgesetzgebung die Verwendung von recycelten Materialien fördern, räumt aber auch ein, dass das Recycling seine Grenzen hat und nicht die gesamte Nachfrage decken kann.

EURACTIV.com
Waste paper for recycling
"Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass Recycling tatsächlich 100 Prozent des Bedarfs decken kann", sagte Cozigou. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/bales-cardboard-box-board-strapping-wire-436442611" target="_blank" rel="noopener">Olexandr Panchenko / Shutterstock</a>]

Die Europäische Kommission will mit ihrer bevorstehenden Verpackungsgesetzgebung die Verwendung recycelter Materialien fördern, räumt aber auch ein, dass das Recycling seine Grenzen hat und nicht die gesamte Nachfrage decken kann.

Im vergangenen Jahrzehnt hat das Aufkommen von Verpackungsabfällen ein Rekordniveau erreicht: Laut Europäischer Kommission lag es 2017 mit durchschnittlich 173 kg pro Kopf so hoch wie nie zuvor.

Gleichzeitig dürfte sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen, da sich der wachsende Online-Handel und die Verwendung von Einwegverpackungen in Europa und weltweit durchsetzen.

Um diese Entwicklung umzukehren, bereitet die Europäische Kommission eine Aktualisierung der EU-Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWD) vor, die verbindliche Zielvorgaben für den Recyclinganteil bei bestimmten Verpackungsformaten wie Plastikflaschen einführen soll.

Ein Vorschlag zur Überarbeitung der Richtlinie wird für den Herbst, möglicherweise im Oktober, erwartet. Über den Inhalt des neuen Gesetzes, das die Kommission voraussichtlich in Form einer Verordnung umsetzen wird, damit es in allen 27 EU-Mitgliedstaaten einheitlich durchgesetzt werden kann, wird heftig spekuliert.

Doch auch wenn Recycling verbessert werden könne, stoße es irgendwann an seine Grenzen, so Gwenole Cozigou, Direktorin in der Abteilung Binnenmarkt der Europäischen Kommission.

Die EU-Exekutive will zwar die Verwendung von Recyclingmaterial in neuen Verpackungen fördern, aber „wir sind uns auch bewusst, dass Recycling und Sekundärrohstoffe die Nachfrage nicht decken können“, sagte er.

„Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass Recycling tatsächlich 100 Prozent des Bedarfs decken kann“, sagte Cozigou kürzlich auf einer Veranstaltung der Fibre Packaging Europe Alliance, einer Industriegruppe, die Unternehmen der Papierwertschöpfungskette zusammenbringt.

Die Faserstoffindustrie gilt mit einer Recyclingquote von 82 Prozent für Papierverpackungen bereits als „echter Champion im Recycling“, so Cozigou. „Sie übertreffen also bereits das derzeitige Ziel von 75 Prozent für das Recycling, das die Kommission in der Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle festgelegt hat.“

Besseres Sammeln

Bleibt die Frage: Können die Recyclingquoten noch weiter gesteigert werden?

Für die Papierindustrie lautet die Antwort: Ja. Im vergangenen Jahr verpflichtete sich die wertschöpfungskettenübergreifende Allianz 4evergreen, bis 2030 eine Recyclingquote von 90 Prozent für faserhaltige Verpackungen zu erreichen.

Um dieses Ziel zu realisieren, müsse in allen europäischen Haushalten Papier getrennt gesammelt werden, so die Allianz. Eine weitere Voraussetzung ist die Verbesserung der Sortierung des Recyclingpapiers, damit das zurückgewonnene Material den neuesten Industriestandards entspricht.

„Für die Unternehmen in Europa ist eine einheitliche Qualität des Materials sehr wichtig“, sagte Skye Oudemans, Nachhaltigkeitsmanagerin Europa bei Sonoco, einem weltweit tätigen Verpackungsunternehmen.

„Bei Papier und Pappe ist eines der Schlüsselelemente die getrennte Sammlung, damit das Material nicht durch Abfälle verunreinigt wird, aber auch nicht im Sortierprozess verloren geht und in der falschen Kategorie landet“, erklärte sie den Teilnehmer:innen der Veranstaltung.

Das bedeutet auch, dass die Verbraucher:innen besser informiert werden müssen, damit sie ihre Abfälle in den richtigen Müllsack werfen.

Aber selbst wenn 100 Prozent des Papiers recycelt würden, gäbe es aus Sicht der Branche aufgrund der weltweit steigenden Nachfrage nach Verpackungen immer noch Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit zu bewältigen.

Dies gilt demnach vor allem für die ärmsten Länder Asiens oder Afrikas, wo große Teile der Bevölkerung weder Strom noch Kühlschränke haben und frische Lebensmittel nicht länger als ein paar Tage lagern können.

„Wenn die Menschen einen zusätzlichen Dollar verdienen, geben sie ihn für verpackte Lebensmittel aus“, weil sie sie so aufbewahren können, sagt Mats Nordlander, Präsident des Containerboard-Geschäfts bei SCA, einem schwedischen Unternehmen, das in den Bereichen Forstwirtschaft, Zellstoff, Papier und Biokraftstoffproduktion tätig ist.

„Anstatt früh aufzustehen, um die Ziege für das Frühstück zu melken, können sie eine Packung Ziegenmilch kaufen. Und das hat die Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln weltweit verändert“, sagte er. „Es verändert das Leben dieser Familien.“

Mehr als Recycling: Abfallreduzierung und Wiederverwendung

Da die Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln unaufhaltsam steigt, suchen einige nach Lösungen, die über das Recycling hinausgehen, um die Auswirkungen des Sektors auf die Umwelt zu verringern.

Nach Ansicht von Umweltschützer:innen sollte die oberste Priorität darin bestehen, Abfälle und Materialverbrauch bereits im Vorfeld zu reduzieren, bevor die Produkte in die Supermarktregale gelangen. Dazu gehört auch die Forderung, Verpackungen leichter zu machen und von vornherein weniger Ressourcen zu verwenden.

„Das fordern wir für jeden Sektor, nicht nur für Verpackungen“, sagte Piotr Barczak vom Europäischen Umweltbüro (EEB).

Für Barczak kann die Wiederverwertung sogar ein Ablenkungsmanöver im Kampf um die Abfallverringerung sein, weil sie die Wegwerfkultur aufrechterhält. „Die Mengen nehmen zu, weil wir uns nur auf das Recycling konzentrieren.“

Seiner Meinung nach ist die nächste Priorität nach der Abfallreduzierung die Förderung der Wiederverwendung, beispielsweise von wiederbefüllbaren Flaschen. In Anlehnung an die von der Europäischen Kommission geäußerten Bedenken beklagte er einen „massiven Rückgang“ bei der Verwendung von wiederbefüllbaren Behältern wie Gläsern und Flaschen in den letzten 20 Jahren.

„Warum ist das so? Weil das Recycling die Wiederverwendungssysteme zerstört hat“, sagte er.

Nordlander wies diese Behauptung zurück und erklärte, Recycling könne die Wiederverwendung ergänzen. „Es ist nicht entweder Recycling oder Wiederverwendung – es ist beides.“

Erneuerbare Materialien

Für Nordlander besteht eine langfristige Lösung zur Bewältigung der Umweltprobleme bei Verpackungen darin, die Verwendung erneuerbarer Materialien – wie Waldfasern – zu fördern.

Im Gegensatz zu Metall oder Kunststoff werde Papier aus einer erneuerbaren Ressource hergestellt, so Nordlander. Dies sollte in der EU-Verpackungsrichtlinie als einer der wichtigsten Faktoren für Nachhaltigkeit anerkannt werden.

„Wenn es uns wirklich ernst damit ist, die Fossilien im Boden zu halten, ist die Erneuerbarkeit ein grundlegendes Thema“, sagte er.

Piotr Barzcak stimmte zu, dass die Nachhaltigkeit von Verpackungen auch auf die Erneuerbarkeit geprüft werden muss.

„Ich würde für die Erneuerbarkeit Punkte vergeben, wenn es um die EPR-Modulation geht“, sagte Barzcak und bezog sich dabei auf Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung, bei denen Verpackungshersteller für Abfallsammel- und -verwertungssysteme zahlen müssen.

„Wir wollen von fossilen Brennstoffen und fossilen Materialien wegkommen – unbedingt. Aber der Begriff der Suffizienz ist auch wichtig“, fügte er hinzu und zog Parallelen zu Biokraftstoffen und Biomasse, die Umweltprobleme im Zusammenhang mit dem Einsatz von Pestiziden, der Verlagerung von Land, der Verschlechterung der Bodenqualität oder dem Verlust der biologischen Vielfalt verursachen können.

Laut Barczak sollten Nachhaltigkeitspunkte auch für andere Eigenschaften von Verpackungen vergeben werden, wie Haltbarkeit, ungiftiger Inhalt und Recyclingfähigkeit. „Denn auch Produkte, die aus erneuerbaren Quellen stammen, können nicht wiederverwertbar sein“, bemerkte er.

In der Europäischen Kommission ist man sich ebenfalls darüber im Klaren, dass sich Papierverpackungen durch ihre Erneuerbarkeit von anderen Produkten abheben. Cozigou sagte jedoch, dass bei der Nachhaltigkeitsbewertung von Verpackungen viele weitere Faktoren berücksichtigt werden müssen, was Lebenszyklusbewertungen besonders komplex macht.

„Es ist ein schwieriger Spagat zwischen dem Streben nach Kreislaufwirtschaft, der Tatsache, dass wir einen möglichst sauberen Lebenszyklus anstreben, der Förderung von Biomasse im Vergleich zu fossilen Rohstoffen und der Notwendigkeit, Maßnahmen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt zu ergreifen“, so Cozigou.

„Wir müssen all diese Maßnahmen kohärent durchführen, was nicht immer einfach ist.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]