Rechte Demonstranten greifen bulgarisches Nationaltheater an

Eine wütende Menschenmenge griff den Haupteingang des Ivan-Vazov-Nationaltheaters in Sofia an, wo der US-amerikanische Schauspieler und Regisseur John Malkovich die Premiere von „Arms and the Man“ von Bernard Shaw präsentierte. Den Demonstranten zufolge beleidige das Stück die bulgarische Identität.

/ EURACTIV Bulgaria
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Demonstranten griffen, Schauspieler und Zuschauer an, während sie den Zugang zum Theater versperrten und die Premiere störten. [Elisaveta Belobradova]

Eine wütende Menschenmenge griff den Haupteingang des Ivan-Vazov-Nationaltheaters in Sofia an, wo der US-amerikanische Schauspieler und Regisseur John Malkovich die Premiere von „Arms and the Man“ von Bernard Shaw präsentierte. Den Demonstranten zufolge beleidige das Stück die bulgarische Identität.

Videoaufnahmen auf X zeigen, wie vermummte, schwarz gekleidete Demonstranten, am Donnerstag (7. November) Schauspieler und Zuschauer angriffen. Sie versperrten den Zugang zum Theater und störten die Premiere, die sie als beleidigend empfanden.

Unter den Protestierenden waren der ehemalige bulgarische Europaabgeordnete Angel Dzhambazki (VMRO/EKR) und der Anführer der pro-russischen Partei Ataka, Volen Siderov. Auch zwei Abgeordnete der pro-russischen Partei Wiedergeburt, Tsoncho Ganev und Kosta Stoyanov, waren anwesend. Die Partei gehört der von der AfD geführten EU-Fraktion Europa der Souveränen Nationen (ESN) an.

„Diese ‚Leute‘ wollten ins Theater eindringen und Chaos verursachen. In Sekunden wurden wir auf Befehl des Spitz-Führers von Neonazis umzingelt und geschlagen. Ein Polizist beschimpfte mich, weil ich sie provoziert hätte“, sagte der bulgarische Regisseur und Oscar-Gewinner Theo Ushev.

Ushev, der eine Eintrittskarte für die Aufführung hatte, wurde letztlich am Eintritt gehindert und angegriffen.

„Wir versuchten, uns zu entfernen, aber der ganze rasende Mob stürzte sich auf uns. Wir wurden getreten, beleidigt, bespuckt, mit verschiedenen Flüssigkeiten übergossen und mit Fahnenstangen geschlagen“, fügte Ushev hinzu.

Zugleich forderte er den Rücktritt des Innenministers Atanas Ilkov, der behauptete, es hätte während der Proteste weder Chaos noch Verletzte gegeben.

Auf die Frage, warum die Polizei den Eingang des Theaters nicht gesichert hatte, damit die Zuschauer die Aufführung besuchen konnten, gab Ilkov jedoch keine Antwort.

Die Europäische Theaterkonvention sicherte dem Ivan-Vazov-Nationaltheater ihre Unterstützung zu und erklärte, dass das bulgarische Theater in seiner kreativen Freiheit bedroht sei.

Verletzte Gefühle

Die Demonstranten des rechts-außen Spektrums forderten die Absetzung des Stücks, da es ihrer Ansicht nach Bulgarien erniedrige. Die Handlung des Stücks spielt vor 139 Jahren während des Serbisch-Bulgarischen Krieges, nach dem es dem jungen bulgarischen Staat gelang, den Sieg zu sichern und seine Unabhängigkeit zu behaupten.

Shaw beschreibt humorvoll die aufstrebende bulgarische Bourgeoisie, die schnell die orientalischen Gepflogenheiten des Osmanischen Reiches ablegen und westliche Modetrends übernehmen wollte. Darüber hinaus thematisierte er die Erfolge der jungen bulgarischen Armee gegen Serbiens Versuche, Westbulgarien zu besetzen.

„Ich protestiere gegen diese Inszenierung, weil sie hässlich und beleidigend ist und uns als Barbaren darstellt. Heutzutage ist es in Europa sehr wichtig, niemanden zu beleidigen. Gegen eine Produktion, die nur Kunst ist, würde ich nie protestieren“, kommentierte der ehemalige EU-Abgeordnete Dzhambazki.

Der Theaterdirektor Vassil Vassilev entgegnete Dzhambazki und bezeichnete den Protest als „Zensur und offenen Faschismus“. Obwohl Shaws Stück in Bulgarien seit Jahren aufgeführt wird, scheint Malkovichs Beteiligung den nationalistischen Widerstand verstärkt zu haben.

„Die Vorstellung, dass ich hierherkäme, um ein Stück aufzuführen, um sich über Bulgarien lächerlich zu machen, finde ich amüsierend. Denn das ist keine sehr kluge Idee“, sagte Malkovich bei einer Pressekonferenz im Nationaltheater am Mittwoch.

Vassilev versuchte, mit den Demonstranten zu sprechen, und bot ihnen an, die Aufführung anzusehen, um selbst zu beurteilen, ob etwas Beleidigendes darin enthalten sei. Doch diese begannen ihn zu bedrängen und anzuspucken, woraufhin die Polizei eingreifen musste.

Klare Verurteilungen

Die Aufführung begann schließlich nach 50-minütiger Verspätung, jedoch nur vor einer Handvoll Theaterkritiker und Journalisten – die restlichen Karteninhaber blieb draußen, da ihnen die nationalistischen Protestierenden den Zugang versperrten.

„Für uns ist der Angriff auf das Ivan-Vazov-Nationaltheater kein spontaner Protest, sondern eine gezielte Aktion von Personen, die der ehemaligen Staatssicherheit [dem repressiven Dienst des totalitären Regimes bis 1989] nahestehen“, erklärte die pro-europäische Partei ‚Wir setzen den Wandel fort‘ (Renew Europe) in ihrer Reaktion auf das Ereignis.

„Wir wollen in einem freien und demokratischen Land leben und es unseren Kindern so hinterlassen“, heißt es weiter. 

„Wir verurteilen jede Form von Zensur der Meinungs- und Kunstfreiheit sowie Versuche, das Publikum am Betreten des Theaters zu hindern“, verkündete die größte bulgarische Partei GERB (EVP).

[Übersetzung: Martina Monti/Kjeld Neubert]