Putin-Kritiker mit Bundeswehrtransport in die Charité gebracht

Der bekannte russische Oppositionelle Alexej Nawalny kam am Samstagmorgen in Deutschland an. Davor lagen bange Stunden für die Angehörigen und ein diplomatischer Krimi.

Der Tagesspiegel
Russian opposition activist Alexei Navalny arrives in Berlin for treatment after alleged poisoning
Der Krankenwagenkonvoi mit dem russischen Oppositionsaktivisten Alexej Navalny am Flughafen Tegel in Berlin. [EPA-EFE/FILIP SINGER]

Der bekannte russische Oppositionelle Alexej Nawalny kam am Samstagmorgen in Deutschland an. Davor lagen bange Stunden für die Angehörigen und ein diplomatischer Krimi.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel.

Die Mission begann um 3.11 Uhr in der Nacht zu Freitag und endete am Samstagmorgen um 8:47 Uhr auf dem Flughafen in Berlin-Tegel: Die Rettung des schwerkranken, mutmaßlich vergifteten Putin-Kritikers Alexej Nawalny. Dazwischen lagen bange Stunden für die Angehörigen und Anhänger des bekannten Oppositionellen, viel Diplomatie und ein Ausreise-Krimi. Ein Rückblick.

Am Freitag war in Nürnberg ein Spezialflugzeug in besonderer Mission gestartet. Die Maschine, die für den Transport schwer kranker Patienten ausgerüstet ist, sollte Nawalny nach Berlin bringen. Dort, so war es vereinbart, würde er in der Charité behandelt werden.

Doch der Abflug des prominenten Kremlkritikers nach Deutschland verzögerte sich. Der in Berlin gecharterte Jet werde erst am Samstagmorgen Ortszeit starten, teilte das Gesundheitsministerium der Region Omsk mit, wie die russische Nachrichtenagentur Tass berichtete. Zur Begründung hieß es, die Piloten müssten gesetzliche Ruhezeiten einhalten.

Tatsächlich hob die Maschine dann am frühen Samstagmorgen in Richtung Berlin ab. „Das Flugzeug mit Alexej ist auf dem Weg nach Berlin“, schrieb Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch im Kurzbotschaftendienst Twitter.

„Der Kampf um Alexejs Leben und seine Gesundheit hat gerade erst begonnen und es gibt noch viel zu tun, aber jetzt ist zumindest der erste Schritt getan“, fügte sie hinzu. Den Unterstützern des Oppositionspolitikers dankte sie. An Bord des von der Initiative Cinema for Peace gecharterten Rettungsflugzeugs war auch Nawalnys Frau Julia Nawalnaja.

Um kurz vor 9 Uhr am Samstag landete der Flieger dann in Berlin-Tegel. Zahlreiche Polizeiwagen und Rettungskräfte waren vor Ort. Nawalny kam um kurz nach 10 Uhr an der Charité an. Der Zustand ist laut seiner Sprecherin stabil.

Vor dem Abflug spielte sich in Omsk ein regelrechter Krimi ab mit teils bizarren Wendungen.

Ärzte wollten Nawalny nicht fliegen lassen

Nawalny liegt seit Donnerstag nach einer mutmaßlichen Vergiftung im Koma. Angehörige und Kollegen des Oppositionsführers fürchten um sein Leben.

Noch bevor das Rettungsflugzeug aus Nürnberg am Freitagvormittag in Russland landete, erklärten die Ärzte Nawalny für nicht transportfähig. Den ganzen Tag lang wurde hinter den Kulissen über den Fall Nawalny verhandelt.

Erst am Freitagabend stimmten die Mediziner dann doch einem Transport nach Deutschland zu. „Wir haben keine Einwände gegen eine Verlegung in ein anderes Krankenhaus“, sagte der stellvertretende Chefarzt.

Damit konnte Nawalny nach Berlin ausgeflogen werden. Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch sagte, es sei schade, dass die Ärzte so lange gebraucht hätten, um diese Entscheidung zu treffen.

Nawalnys Weggefährten vermuten, dass der Oppositionsführer am Donnerstagmorgen in der sibirischen Stadt Tomsk vergifteten Tee getrunken hat. Während des Fluges nach Moskau verlor er das Bewusstsein, die Maschine musste in der Stadt Omsk notlanden.

Dort wurde er auf die Intensivstation des nächstgelegenen Krankenhauses gebracht, das für solche Fälle allerdings nicht spezialisiert ist. Auch in Deutschland würde ein solcher Patient in eine Klinik verlegt werden, die Erfahrung mit nicht alltäglichen Vergiftungen hat.

Behörden stellten schon Papiere für die Ausreise aus

Im Fall Nawalny kommt allerdings ein weiterer Aspekt hinzu: Da seine Weggefährten davon ausgehen, dass Nawalny Opfer eines Giftanschlags wurde, und sie staatliche Stellen hinter der Tat vermuten, halten sie eine Behandlung innerhalb Russlands für nicht sicher.

Deswegen baten sie um eine Verlegung Nawalnys im Ausland. Die Behörden seien schon dabei gewesen, die entsprechenden Papiere auszustellen, berichtete ein Kollege Nawalnys. Doch dann kam die überraschende Kehrtwende: Im Krankenhaus hieß es dann plötzlich, Nawalny sei nicht transportfähig.

Zunächst kursierte eine wunderliche Begründung: Die Polizei habe den Ärzten mitgeteilt, dass sie eine tödliche Substanz gefunden hätten, sagte der Chef von Nawalnys Anti-Korruptions-Fonds, Iwan Schdanow.

Diese Substanz in seinem Körper sei nicht nur für ihn gefährlich, sondern auch für Personen in seiner Umgebung. Um welche Substanz es sich dabei handelt und wo und wie sie nachgewiesen worden sein soll, wurde nicht mitgeteilt.

Die Ärzte im Krankenhaus von Omsk berichteten später, dass sich weder im Blut noch im Urin des Patienten Gift habe nachweisen lassen. Von der angeblich tödlichen Substanz war nun keine Rede mehr.

Die Klinik erklärte, Nawalny leide an einer Stoffwechselerkrankung, deren Ursache niedriger Blutzucker gewesen sei. Allerdings seien an Fingern und Kleidung Spuren von chemischen Substanzen gefunden worden.

In kremltreuen Medien wurde derweil das Gerücht verbreitet, Nawalny habe am Vorabend seiner Erkrankung zu viel getrunken und dann am Morgen eine Tablette gegen den Kater genommen.

„Jede Stunde der Verzögerung ist eine Bedrohung für sein Leben“

„Das Transportverbot für Nawalny dient nur dazu, die Zeit in die Länge zu ziehen und abzuwarten, bis das Gift in seinem Organismus nicht mehr nachgewiesen werden kann“, schrieb Nawalnys Sprecherin Jarmysch auf Twitter. „Deshalb stellt jede Stunde der Verzögerung eine kritische Bedrohung für sein Leben dar.“ Dies sei keine Entscheidung der Ärzte gewesen, sondern des Kremls.

Nawalnys Frau Julia wandte sich deshalb in einem Brief direkt an den russischen Präsidenten Wladimir Putin und bat ihn, die Verlegung ihres Mannes nach Deutschland zu erlauben.

Am Nachmittag wurden die deutschen Ärzte, die mit der Maschine aus Nürnberg gekommen waren, zu Nawalny gelassen. Die Mediziner seien zu dem Schluss gekommen, dass Nawalny trotz des Komas transportfähig sei, wie zuerst die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Jaka Bizilj, den Gründer von „Cinema for Peace“, berichtete.

Bizilj spielt eine Schlüsselrolle in den Bemühungen, Nawalny zur Behandlung auszufliegen, er organisierte den Rettungsflug. Der Filmproduzent hatte 2018 in einem ähnlichen Fall geholfen: Damals war der Künstler und Kreml-Kritiker Pjotr Wersilow, der zur Gruppe „Pussy Riot“ gehörte, in Russland ebenfalls mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus gekommen.

Wersilow wurde nach Deutschland ausgeflogen und in der Charité behandelt. Er soll nun den Kontakt zwischen dem Umfeld Nawalnys und dem Filmprozudenten Bizilj hergestellt haben.

Bundesregierung half hinter den Kulissen

Aber auch die Bundesregierung schaltete sich in die Bemühungen um die Rettung Nawalnys ein: Nachdem Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag eine Behandlung in Deutschland angeboten hatte, arbeiteten Kanzleramt und Auswärtiges Amt hinter den Kulissen daran, die formalen Voraussetzungen für den Rettungsflug zu schaffen. Wegen der Coronakrise ist eine Einreise nach Russland derzeit nicht ohne weiteres möglich.

Allerdings betonte die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, bei der Rettungsaktion handele es sich um eine private Initiative. „Wir stehen mit den russischen Behörden schon jetzt in Kontakt, damit wir zu einer schnellen Lösung des humanitären Notfalls beitragen können“, sagte die Sprecherin am Freitagvormittag.

Wenn Nawalny sich in Berlin behandeln lassen wolle und er nach Berlin kommen könne, stehe die Charité selbstverständlich bereit, versprach Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD).

„Wollt ihr es so wie in Belarus?“

Nawalny gilt als wichtigster Vertreter der Opposition in Russland. Seit Jahren recherchiert und veröffentlicht er, wie sich Vertreter der Staatsmacht illegal bereichert haben. In Sibirien war er in den vergangenen Tagen im Zusammenhang mit den Regionalwahlen unterwegs.

Im Vorfeld der für September geplanten Wahlen wirbt Nawalny dafür, durch „kluge Stimmabgabe“ die wenigen regierungskritischen Kandidaten zu stärken.

Einen entsprechenden Aufruf überschrieb er mit den Worten: „Wollt Ihr es so wie in Belarus?“ Damit spielte er auf die Protestbewegung in dem Nachbarland gegen Wahlfälschungen und für faire und freie Wahlen an.

Wichtiger als die Ereignisse in Belarus zu verfolgen und zu unterstützen sei es, „das politische Leben in die eigenen Städte zurückzubringen“. Den Text veröffentlichte Nawalny zwei Tage vor seiner mutmaßlichen Vergiftung.