Psychische Belastung verschlimmert Arbeitskräftemangel im Gesundheitssektor

Die europäischen Gesundheits- und Pflegesysteme sind von Arbeitskräftemangel bedroht. Doch um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und den Sektor attraktiver zu machen, ist die psychische Belastung der Beschäftigten von zentraler Bedeutung.

EURACTIV.com
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Ein kürzlich erschienener Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa schlug Alarm wegen des zu erwartenden Mangels an Gesundheitspersonal, der sich durch die Überalterung des Personals und die Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands, die zum Teil auf den beruflichen Druck zurückzuführen ist, noch verschärft. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/doctors-preparing-work-hospital-during-coronavirus-1914506491" target="_blank" rel="noopener">[SHUTTERSTOCK/DisobeyArt]</a>]

Die europäischen Gesundheits- und Pflegesysteme sind von Arbeitskräftemangel bedroht. Doch um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und den Sektor attraktiver zu machen, ist die psychische Belastung der Beschäftigten von zentraler Bedeutung.

In einem kürzlich erschienenen Bericht schlug der europäische Zweig der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm wegen des zu erwartenden Mangels an Gesundheitspersonal. Dieser werde nicht nur durch die Überalterung der Belegschaft, sondern auch die psychische Belastung, unter der viele Beschäftigte aufgrund des psychischen Drucks stehen, verschärft.

Der Bericht stellte fest, dass in einigen Ländern bis zu 80 Prozent der Krankenpfleger:innen nach der Pandemie über psychische Probleme berichteten und dass neun von zehn Pfleger:innen die Absicht hatten, ihren Beruf aufzugeben.

Norbert Couespel, Vorsitzender des Ausschusses für die Zukunftsfähigkeit der Gesundheitssysteme im Europäischen Gesundheitsparlament, erklärte gegenüber EURACTIV, dass „die Ursachen für die schlechte psychische Gesundheit des Gesundheitspersonals seit langem bekannt und beschrieben sind.“

Eine dieser Ursachen sei der Mangel an qualifiziertem Gesundheitspersonal und dessen ungleiche Verteilung in Europa, was zu einer Vielzahl stark unterbesetzter Einrichtungen führe, insbesondere in ländlichen oder abgelegenen Gebieten.

„Derweil haben die Gesundheitssysteme kontinuierlich zu wenig in ihr Personal investiert und sich nicht ausreichend mit diesen politischen Fragen befasst“, so Couespel weiter.

Seiner Meinung nach habe sich dies in einer Vernachlässigung der psychischen Gesundheit des Personals niedergeschlagen, das infolgedessen auf dem gesamten Kontinent chronisch unter Überlastungen zu leiden gehabt habe.

Psychische Gesundheit des Pflegepersonals fördern

Im vergangenen Juni hat das von der EU-Kommission eingesetzte Expertengremium für wirksame Investitionen in die Gesundheit (EXPH) eine Stellungnahme mit Empfehlungen an die EU-Exekutive und die Mitgliedstaaten abgegeben.

Dazu gehören die Schaffung einer Charta der Rechte auf Wohlbefinden am Arbeitsplatz und eines unterstützenden Umfelds auf EU-Ebene.

Das Gremium sieht den Grund für beide Initiativen in der „eindeutigen Notwendigkeit politischer Entwicklungen, um Maßnahmen zur psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz zu verankern“, worauf die Einrichtung eines Mechanismus auf EU-Ebene zur Messung des Wohlbefindens der Beschäftigten folgen sollte.

Die Corona-Pandemie habe zwar „das Problem des Mangels an medizinischem Personal und dessen Folgen für die psychische Gesundheit des Gesundheitspersonals wie auch der Patienten weiter verdeutlicht, doch stehen noch immer völlig überzeugende und umfassende politische Antworten aus“, so Couespel.

Couespel verwies auf die Notwendigkeit einer europaweiten Übersicht über die Arbeitskräfte des Gesundheitswesens, einer Planung und Vorausschätzung sowie von Finanzmitteln. Darüber hinaus seien Schulungsprogramme und der Austausch von Best-Practice-Beispielen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des Wohlbefindens der Beschäftigten erforderlich.

Pflegestrategie – ein Schritt in die richtige Richtung  

Die europäische Pflegestrategie, die in der Rede zur Lage der EU 2021 von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigt und schließlich am 7. September dieses Jahres vorgestellt wurde, sei in dieser Hinsicht ein Schritt in die richtige Richtung.

„Wir haben einen starken Fokus auf die wichtige Rolle der Pflegekräfte und die Notwendigkeit gelegt, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern und den Personalmangel, den wir in der gesamten EU feststellen, wirksam zu bekämpfen“, sagte Kommissionsvizepräsident Margaritis Schinas auf der Plenartagung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) am Donnerstag (22. September).

Während sich die Pflegestrategie auf die Arbeitskräfte im Gesundheitswesen konzentriert, sprach Danko Relić, kroatisches EWSA-Mitglied und Mitberichterstatter für die Stellungnahme zum Thema Arbeitskräfte im Gesundheitswesen, die Arbeitsbedingungen des Gesundheitspersonals an.

„Diese Arbeitnehmer müssen gute Arbeitsbedingungen haben“, sagte Relić.

„Wir müssen diejenigen, die im Gesundheitssektor arbeiten, dort halten. Sie brauchen angemessene Arbeitszeiten, eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und Garantien für ihre Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz“, fügte er hinzu.

2023 – das Jahr der psychischen Gesundheit

Dennoch steht die psychische Gesundheit weit oben auf der politischen Agenda für das nächste Jahr. In ihrer diesjährigen Rede kündigte Von der Leyen eine neue Initiative zur psychischen Gesundheit an, die im Jahr 2023 vorgestellt werden soll.

Auf Nachfrage von EURACTIV gab ein Kommissionssprecher jedoch nicht an, ob ein Schwerpunkt auf der psychischen Gesundheit des Gesundheitspersonals liegen wird.

In der Absichtserklärung der Kommissionspräsidentin, die an die EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und den tschechischen Premierminister Petr Fiala adressiert ist, bezeichnete von der Leyen die neue Initiative als „einen umfassenden Ansatz zur psychischen Gesundheit“.

Die Initiative greife den Vorschlag der Bürger:innen im Rahmen der Konferenz zur Zukunft Europas auf, so die Kommissionssprecherin gegenüber EURACTIV.

Die Arbeit der Kommission zur psychischen Gesundheit als Teil der EU-Initiative „Healthier Together“ zu nicht übertragbaren Krankheiten wurde von der Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides ebenfalls erweitert.

Einer der fünf Aktionsbereiche der Initiative konzentriert sich speziell auf die psychische Gesundheit und neurologische Erkrankungen und stellt eine Verbindung zu Initiativen zur psychischen Gesundheit her.

Diese werden im Rahmen verschiedener politischer Maßnahmen in Bereichen wie Forschung, Bildung, Justiz, Beschäftigung, soziale Eingliederung, innere Angelegenheiten und Behinderungen durchgeführt.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor]