Ost-Ausschuss: Im Energiekonzept fehlt das Erdgas
Russland mit seinen weltgrößten Gasreserven bleibe der wichtigste Energielieferant für Europa, dadurch sei auch Russland selbst von seinen Exporten nach Europa abhängig und brauche Nachfragestabilität. Burckhard Bergmann vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft findet es „völlig unverständlich“, dass im neuen Energiekonzept der Bundesregierung Erdgas fast gar nicht vorkomme.
Russland mit seinen weltgrößten Gasreserven bleibe der wichtigste Energielieferant für Europa, dadurch sei auch Russland selbst von seinen Exporten nach Europa abhängig und brauche Nachfragestabilität. Burckhard Bergmann vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft findet es „völlig unverständlich“, dass im neuen Energiekonzept der Bundesregierung Erdgas fast gar nicht vorkomme.
Die aktuellen Entwicklungen auf den europäischen Energiemärkten bilanzierte der scheidende stellvertretende Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Burckhard Bergmann: „Russland ist der wichtigste externe Energielieferant für Deutschland und für Europa. Wegen der hohen deutschen Importabhängigkeit, der geografischen Nähe Russlands und der russischen Ressourcen ist dies auch naheliegend und wird so bleiben."
Russland habe die größten Gasreserven der Welt, die zweitgrößten Kohlereserven und die siebtgrößten Ölreserven. Nicht nur Europa sei von Russland abhängig, sondern auch Russland habe sich selbst in hohem Maße von seinen Exporten in die EU abhängig gemacht.
Burckhard Bergmann (67) ist Aufsichtsratsmitglied bei Gazprom und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der E.ON Ruhrgas.
Erhöhung der Gasexporte auf 30 Prozent realistisch
Der Exportanteil betrage derzeit zwischen 22 und 25 Prozent. Einen Ausbau der russischen Erdgaslieferung in die EU hält Bergmann für machbar und vertretbar. Eine Erhöhung auf 30 Prozent sei sogar realistisch. Offen seien aber die dahinter stehenden absoluten Mengen. Denn die Nachfrage von Erdgas sei größer als je zuvor, und es gebe in der Nachfrageentwicklung große Unsicherheiten.
Relativiert würden diese Unsicherheiten durch die neuen Energiekonzepte in Europa, speziell in Deutschland. Im einzelnen sind das der angestrebte Rückgang des Energieverbrauchs, die Steigerung von Energieeffizienz, der Ausbau erneuerbarer Energien und nicht zuletzt die Laufzeitverlängerung bei Atomkraftwerken
„Völlig unverständlich“ findet Bergmann, „dass im Energiekonzept der Bundesregierung kaum noch das Wort Erdgas steht“. Erdgas komme im Energiekonzept der Regierung zu kurz, obwohl es der fossile Energieträger mit den geringsten Treibhausgas-Emissionen sei, merkte Bergmann kritisch an.
Erdgas sei flexibel einsetzbar, und die Importabhängigkeits-Diskussion bei Erdgas neu bewertet werden, denn die Zahl der möglichen Quellen nehme zu, das Angebot steige, die Diversifizierung werde größer.
Interesse an zentralasiatischen Gasquellen
So sei das zentralasiatische Gas „eine interessante Quelle“, wenn auch realistischerweise mit hohen Hürden verbunden.
Russland brauche indes eine gewisse Nachfragesicherheit. Auch wegen seiner geografischen Nähe bleibe Russland ein attraktiver Energiepartner für Europa. „Von den neuen Projekten zwischen Russland und China sollten wir uns nicht irritieren lassen.“
Aber auch Russland selbst müsse mehr Anstrengungen zum Energieeinsparen unternehmen und die Wirtschaftlichkeit der Transporte verstärken.
Für Osteuropa sei es wichtig, bei der teilweise hohen Erdgas-Importabhängigkeit von Russland mit dem westeuropäischen Gasnetz leistungsstark integriert zu werden, sodass bei hypothetischen Lieferstörungen ein Ausgleich geschaffen werden könne. „Hierzu ist aber noch ein erheblicher Netzausbau notwendig“, so Bergmann. „Die Umsetzung wird noch Zeit brauchen.“
Des Weiteren müssten die osteuropäischen Länder ihre Märkte noch zielstrebig liberalisieren.
Ukraine: Keine Anzeichen für neue Lieferprobleme
Die Ukraine sei immer noch das größte Transitland für russisches Gas nach Europa, daher sei die dortige Stabilität sehr wichtig. Bergmann sieht aber derzeit überhaupt keine Anzeichen dafür, dass es wieder zu Lieferengpässen kommen könne.
Bergman wies darauf hin, dass Russland das South Stream Projekt vorantreibe, was das Transitvolumen durch die Ukraine reduzieren werde. Daher müssten in der Ukraine größere Investitionen getätigt werden, um ein bestimmtes Transitvolumen zu sichern.
Vorsichtig äußerte sich Bergmann zu den Realisierungschancen des Pipeline-Projekts Nabucco, das Westeuropa unter Umgehung Russlands mit zentralasiatischen Erdgasquellen verbinden soll: „Das Projekt ist sicherlich aus geopolitischer Sicht wünschenswert, es gibt aber vor dem Hintergrund der Preisvolatilität des europäischen Marktes, des aktuell begrenzten Mengenangebots und der Rolle des Transitlandes Türkei hohe Hürden.“
Hintergrund
Klaus Mangold, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, und seine beiden Stellvertreter – Tessen von Heydebreck und Burckhard Bergmann – zogen vor Journalisten in Berlin zum letzten Mal Bilanz. Nach zehn Jahren im Vorstand geben sie am 1. Dezember 2010 ihre Ämter ab.
Zum neuen Vorsitzenden wurde am Donnerstag (14. Oktober) einstimmig Eckhard Cordes, Vorstandsvorsitzender der Metro Group, gewählt.
Die vier neuen Vorstandsmitglieder sind Cathrina Claas-Mühlhäuser (Aufsichtsratsvorsitzende der Claas KGaA mbH), Johannes Theyssen (Vorstandsvorsitzender der E.ON AG), Jürgen Fitschen (Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG) und Hans-Ulrich Engel (Vorstandsmitglied der BASF SE).
Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft (mit Sitz in Berlin) versteht sich als Kompetenzzentrum der deutschen Wirtschaft für die osteuropäischen und zentralasiatischen Zukunftsmärkte. Dem Ost-Ausschuss gehören große Wirtschaftsverbände sowie knapp 160 Unternehmen an.
Ewald König
Links
Ost-Ausschuss wählt neue Führungsspitze / Festveranstaltung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (14. Oktober 2010)
EURACTIV.de: Wirtschaft besorgt über Chinas marktaggressive Methoden (Bilanz von Klaus Mangold, 13. Oktober 2010)
EURACTIV.de: Ost-Ausschuss: MOE-Banken müssen sich selbst finanzieren (Bilanz von Tessen von Heydebreck, 14. Oktober 2010)