Neues "grünes" Erasmus-Programm übersieht Nebeneffekte von Reisen
Trotz neuer Anreize zur Förderung "grüner Reisen" sind die Maßnahmen zur Dekarbonisierung des EU-Auslandsprogramms Erasmus+ nach wie vor unzureichend und ignorieren Folgewirkungen, warnen Forscher.
Trotz neuer Anreize zur Förderung „grüner Reisen“ sind die Maßnahmen zur Dekarbonisierung des EU-Austauschprogramms Erasmus+ nach wie vor unzureichend und ignorieren Folgewirkungen, warnen Forscher.
Das neue Programm Erasmus+, das von der Europäischen Kommission 2021 ins Leben gerufen wurde, hofft, durch Investitionen in Umweltprojekte und Zuschüsse für die Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel beim Austauschprogramm einen Beitrag zum grünen Wandel auf dem Kontinent zu leisten.
Doch trotz dieser neuen Maßnahmen werden die durch das Programm verursachten CO2-Emissionen steigen, so ein neuer Bericht des Projekts Erasmus Goes Green, einer Zusammenarbeit zwischen fünf europäischen Universitäten, dem Erasmus Student Network und der Europäischen Hochschulstiftung.
„Die Emissionen nehmen in jedem Fall zu, weil die Zahl der Studierenden und des Personals, die in Zukunft reisen werden, voraussichtlich steigen wird“, so Henri Saarela, Mitautor der Studie, gegenüber EURACTIV.
Für das Programm 2021-2027 haben die Forscher der Lappala University of Applied Science drei Emissionsszenarien erstellt, die die Auswirkungen von COVID-19, Brexit und zukünftigen Reisetrends berücksichtigen.
An dem derzeitigen Siebenjahresprogramm werden schätzungsweise 10 Millionen Student:innen teilnehmen, was einem Anstieg von sechs Millionen im Vergleich zum Zeitraum 2014-2020 entspricht.
Untersuchungen zeigen, dass die Mobilität im Rahmen des neuen Erasmus+-Programms selbst in einem emissionsarmen Szenario 1,5 Mal mehr Emissionen verursachen werde als das Vorgängerprogramm, nämlich insgesamt 668 750 Tonnen CO2, vor allem aufgrund der Flugreisen von Studierenden und Personal.
Allerdings handelt es sich hierbei um eine „untere Schätzung“ der tatsächlichen CO2-Auswirkungen des Erasmus+-Programms, so Giulio Mattioli, Professor für Raumplanung an der TU Dortmund.
„Ich würde erwarten, dass Erasmus mehr Flugreisen nicht nur für die Student:innen, sondern auch für ihre Verwandten und Freunde in der Heimat zur Folge hätte, die ein oder mehrmals zum Erasmus-Zielort reisen würden, um sie zu besuchen“, sagte er.
Darüber hinaus haben Studien ergeben, dass Menschen, die zu Studien- oder Arbeitszwecken im Ausland leben, mit höherer Wahrscheinlichkeit später in ihrem Leben international reisen oder in das Zielland zurückkehren, was „beträchtliche Folgewirkungen“ hat, so Mattioli.
„[Erasmus] wird auch später zu mehr Emissionen führen, sowohl durch vermehrte Auslandsreisen, da sich die Menschen mehr daran gewöhnen, als auch durch soziale Netzwerke, weil die Menschen Freundschaften in ganz Europa schließen werden.“
Der neue Erasmus+ Programmleitfaden berücksichtigt zwar nicht die Neben- und Langzeiteffekte der Mobilität, fördert aber die Nutzung nachhaltiger Verkehrsmittel. So erhalten Teilnehmer:innen, die sich für eine „grüne Reise“ entscheiden, bis zu 80 € mehr Zuschusszahlungen und deren Kosten für zusätzliche Reisetage werden übernommen.
„Ich denke, alle nationalen [Erasmus-]Agenturen sind sich einig, dass dies ein guter Schritt vorwärts ist, aber wir sind noch nicht weit genug gegangen“, erklärte Mika Saarinen, Direktor der finnischen Erasmus+ Agentur, gegenüber EURACTIV.
Unter der finnischen Ratspräsidentschaft 2019 führte die Agentur eine Studie über Ausgleichsszenarien für Erasmus+-Emissionen durch, die in die Leitlinien des neuen Programms einfloss.
„Aus diesen Szenarien geht klar hervor, dass wir versuchen müssen, die Reisen hauptsächlich auf den Landweg mit dem Zug auszurichten, der bei weitem den niedrigsten Kohlenstoff-Fußabdruck hat“, sagte Saarinen.
Die Kommission äußerte sich nicht zu der Frage von EURACTIV, ob die EU-Exekutive die derzeitigen Anreize für ausreichend hält, um Erasmus grüner zu gestalten.
Stattdessen sagten Beamte, dass das neue Programm Anreize für den Schienenverkehr schaffen solle, um die Klimaneutralitätsziele zu erreichen, und fügten hinzu, dass „grünes Reisen“ optional bleiben werde.
Die EU-Zuschüsse allein könnten jedoch nicht ausreichen, um die Nutzung der Züge zu fördern, da Flugtickets „lächerlich billig“ seien, so Mattioli.
„Selbst bei Preisgleichheit sind Flugreisen oft bequemer, weil sie weniger Zeit in Anspruch nehmen“, fügte er hinzu.
Eine 2020 von Eurail und dem Erasmus Student Network durchgeführte Umfrage unter fast 2.000 ehemaligen Erasmus+ Teilnehmern:innen ergab, dass nur zwischen 5 und 7 Prozent den Zug für die Reise in ihr Gastland und zurück nutzten.
Darüber hinaus gaben nur 15 Prozent der Befragt:innen an, dass sie sich aus Umweltgründen für grünere Verkehrsmittel entschieden haben, während viele sagten, dass die Zugoptionen teuer sind und sie oft Schwierigkeiten haben, eine vollständige Reiseroute in den europäischen Zugnetzen zu planen.
Die Eurail-Umfrage ergab auch, dass 92 Prozent der Teilnehmer:innen während ihrer Teilnahme am Programm mehrere Freizeitreisen unternahmen, wobei sie hauptsächlich mit Bus und Bahn reisten. Dennoch wählten 50 Prozent für ihre Reisen das Flugzeug.
Mattioli zufolge können billige Flugreisen bei internationalen Studierenden eine „Bucket-List-Mentalität“ fördern.
„Ich denke, dass es insbesondere in den Kreisen der Erasmus-Studierenden eine gewisse Mentalität gibt, die besagt, dass ich in meinen 20ern so viele Orte wie möglich sehen will“, sagte er.
Obwohl es nur um die Emissionen geht, die bei der Hin- und Rückreise ins Gastland entstehen, sieht die Kommission das neue Programm als „außergewöhnliches“ Instrument, um das Bewusstsein für Umweltthemen und grüne Reisealternativen zu schärfen, so Kommissionsbeamte gegenüber EURACTIV.
Während die physische Mobilität ein wesentlicher Bestandteil von Erasmus bleibe, könne der Bildungsaspekt des Programms dazu beitragen, die Teilnehmer zu umweltfreundlichem Handeln zu ermutigen, sagte Saarinen.
„Wir möchten, dass die Student:innenen nicht nur auf dem Landweg zu ihrem Zielort reisen, sondern auch ihren Lebensraum, ihren Lebensstil und ihre Lebensmittelauswahl nachhaltig gestalten“, sagte er.
[Bearbeitet von Alice Taylor]