Neue Tech-Lobby fordert fairen Wettbewerb im EU-Cloud-Markt
Google Cloud und neun weitere Mitglieder haben die Open Cloud Coalition (OCC) ins Leben gerufen. Der neue Interessenverband möchte sich für „Offenheit, Interoperabilität und fairen Wettbewerb“ in der EU und im Vereinigten Königreich einsetzen.
Google Cloud und neun weitere Mitglieder haben die Open Cloud Coalition (OCC) ins Leben gerufen. Der neue Interessenverband möchte sich für „Offenheit, Interoperabilität und fairen Wettbewerb“ in der EU und im Vereinigten Königreich einsetzen.
Die Open Cloud Coalition ähnelt der Lobby der Cloud Infrastructure Services Providers in Europe (CISPE), der Amazon Web Services (AWS) und rund 30 europäische Cloud-Anbieter angehören.
„Viele Unternehmen sind in restriktiven Vereinbarungen gefangen und sehen sich bei der Umstellung oder Einführung von Multi-Cloud-Strategien mit hohen Kosten und Hindernissen konfrontiert. Die Open Cloud Coalition ist entschlossen, diesen Trend umzukehren“, hieß es in der Pressemitteilung vom Dienstag (28. Oktober) der Open Cloud Coalition.
„Dem Cloud-Markt fehlt es an gleichen Wettbewerbsbedingungen, die erforderlich sind, um Innovation, Wettbewerb und Mehrwert für die Kunden voranzutreiben“, hieß es weiter.
„Auf dem EU-Cloud-Markt ist es für Organisationen und Investoren schwierig, in einem solchen Markt zu investieren oder sich an Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu beteiligen“, erklärte Nicky Stewart, leitende Beraterin der Open Cloud Coalition, gegenüber Euractiv.
Hyperscaler Wettkampf
Dennoch entfallen laut einem Bericht des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi vom September 65 Prozent des Cloud-Marktes in der EU auf drei US-amerikanische „Hyperscaler“-Unternehmen: Google Cloud, AWS und Microsoft Azure.
Im Lichte dessen wird sich laut Draghi der „Wettbewerbsnachteil [der EU-Cloud-Anbieter] im Bereich Cloud-Computing wahrscheinlich vergrößern, da der Markt durch kontinuierliche massive Investitionen, Skaleneffekte und mehrere angebotene Dienste [der drei US-Hyperscaler“ gekennzeichnet ist.
Dennoch bekämpfen sich die US-Hyperscaler gegenseitig.
Cloud Infrastructure Services Providers in Europe, zu dessen Mitgliedern Amazon gehört, tritt dabei an vorderste Front gegen Microsofts angeblich unfaire Softwarelizenzierung an. Berichten zufolge bot Google dem Verband 470 Millionen Euro an, um die Einigung zu verhindern.
Nach Abschluss der Einigung mit Microsoft Azure – ohne Beteiligung von Amazon –, reichte Google Cloud eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission ein und warf Microsoft Azure wettbewerbswidrige Lizenzierungspraktiken vor.
Die Open Cloud Coalition sei daher „darauf ausgelegt, Microsoft bei Wettbewerbsbehörden und politischen Entscheidungsträgern zu diskreditieren und die Öffentlichkeit irrezuführen“, schrieb Rima Alaily, Vizepräsidentin des Unternehmens, am Montag (28. Oktober) in einem Blogbeitrag.
Sie erläuterte, dass die neun anderen Mitglieder der Open Cloud Coalition „eine Handvoll europäischer Cloud-Anbieter sind, die als öffentliches Gesicht der neuen Organisationen dienen sollen“.
Laut Alaily werde die Open Cloud Coalition „von Google geleitet und finanziert, um das Cloud-Geschäft von Microsoft in der EU anzugreifen“.
Lobbying-Strategie
Inmitten der Debatten in der EU über einen fairen Anteil, den Verflechtungen zwischen Telekommunikationsbetreibern und Internetdienstanbietern, die Souveränitätsanforderungen innerhalb des EU-Cloud-Cyber-Zertifizierungssystems (EUCS) sowie gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen Telekommunikationsbetreibern und Cloud-Anbietern wurde Stewart zur Position der Open Cloud Coalition befragt. Gegenüber Euractiv erklärte sie, dass dies zu einem späteren Zeitpunkt von den Mitgliedern der Open Cloud Coalition entschieden werden würde.
Stewart hob hervor, dass sich Cloud Infrastructure Services Providers in Europe und die Open Cloud Coalition in Bezug auf die Mitgliedschaft und den rechtlichen Zuständigkeitsbereich unterschieden. Die Open Cloud Coalition stehe Cloud-Nutzern offen und sei sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der EU tätig.
Sie fügte hinzu, dass die Open Cloud Coalition „offen für Gespräche“ sei, falls andere Organisationen Mitglied werden möchten, „solange sie sich an die Grundsätze der Open Cloud Coalition halten“.
Tech-Lobby Labyrinth
Google, Amazon und Microsoft sind Mitglieder der Technologie-Lobbys DOT Europe, ITI und DigitalEurope. Sie sitzen auch im Beratungsgremium von EuroISPA.
Google und Amazon sind ebenso Mitglieder der EU-Technologie-Lobby CCIA Europe.
Eine Analyse der Lobbying-Methoden, die die gemeinnützige Organisation Corporate Europe Observatory 2020 durchführte, zeigte auf, dass große Technologieunternehmen zahlreiche bedeutende EU-Think-Tanks finanziell unterstützen.
„Der Aufbau eines breiten Netzwerks von Lobbyorganisationen ist die Kernstrategie der US-amerikanischen großen Technologieunternehmen“, erklärte Bram Vranken, Forscher und Kampagnenaktivist bei Corporate Europe Observatory, gegenüber Euractiv.
Vranken erklärte, diese Unternehmen hätten das Ziel, durch Lobbygruppen eine Art Echokammer zu schaffen, die politischen Entscheidungsträgern stets Variationen derselben Botschaft vermittele.
„Große Technologieunternehmen gründen weiterhin neue Strukturen, neue Organisationen, die auf den ersten Blick nicht mit den großen Technologieunternehmen in Verbindung zu stehen scheinen, aber bei näherer Betrachtung erhalten sie erhebliche finanzielle Mittel“, führte er aus.
Stewart sagte, sie könne derzeit keine Informationen über die zukünftige Finanzierung des Open Cloud Coalition preisgeben.
„Alle Mitglieder der Open Cloud Coalition können sich frei entscheiden, ob sie auch anderen Organisationen angehören möchten“, erklärte sie.
Trotzdem könne die Ausbreitung der Lobbys der großen Technologieunternehmen „für politische Entscheidungsträger ziemlich verwirrend sein“ und „die politische Debatte belasten“, fügte Vranken hinzu.
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Ein Verband, der die größten europäischen Telekommunikationsbetreiber vertritt, hat in einem Positionspapier zu stärkeren Regularien…
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[Bearbeitet von Eliza Gkritsi/Rajnish Singh/Jeremias Lin/Kjeld Neubert]