Neue Studie bestätigt: hohe Temperaturen bringen erhöhte Selbstmordraten

Hohe Temperaturen gehen mit erhöhten Selbstmordraten einher. Dies geht aus einer am Mittwoch vom französischen Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung veröffentlichten Studie hervor, die ältere Studien zu diesem Thema bestätigt.

EURACTIV.fr
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Inserm-Forscher:innen haben herausgefunden, dass hohe Temperaturen kurzfristig mit einem Anstieg der Sterblichkeit einhergehen, insbesondere in Bezug auf Suizid. [Stanislaw Mikulski/Shutterstock]

Hohe Temperaturen gehen mit erhöhten Selbstmordraten einher. Dies geht aus einer am Mittwoch vom französischen Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung veröffentlichten Studie hervor, die ältere Studien zu diesem Thema bestätigt.

Der Artikel wurde ursprünglich auf Französisch verfasst: Lesen Sie den Artikel hier im Original.

Das Institut analysierte die Ursache aller zwischen 1968 und 2016 verzeichneten Todesfälle, von denen 502.000 von 24,4 Millionen auf Selbstmord zurückzuführen waren.

„Die Außentemperatur steht im Zusammenhang mit der Sterblichkeit: Sowohl bei den höchsten als auch bei den niedrigsten Temperaturen ist die Mortalität kurzzeitig erhöht. Die einzige Ausnahme ist, dass die Suizidsterblichkeit mit steigender Temperatur stetig zunimmt, jedoch nicht mit sinkender Temperatur“, heißt es in der Studie.

Mit anderen Worten: Während die Zahl der Todesfälle im Allgemeinen zunahm, wenn die Temperaturen stark sanken oder stiegen, war Selbstmord die einzige Todesursache, die bei höheren Temperaturen immer weiter anstieg.

Wenn es kalt ist, gebe es dagegen nicht mehr Selbstmorde als normal, erklärte Rémy Slama, der die Studie leitete, im Interview mit EURACTIV.

„Es ist sicher, dass ein Teil der Selbstmorde auf hohe Temperaturen zurückzuführen ist, obwohl wir nicht sagen können, wie viele“, fügte Slama hinzu.

Das Ergebnis bestätigt einen Artikel, der am 14. Juli auf der Website des Weltwirtschaftsforums (WEF) veröffentlicht wurde und in dem es heißt, dass es „einen Zusammenhang zwischen hohen Tagestemperaturen, Selbstmord und Selbstmordversuchen“ gibt.

„Für jeden Anstieg der monatlichen Durchschnittstemperatur um 1 Grad Celsius nehmen die psychisch bedingten Todesfälle um 2,2 Prozent zu“, heißt es in dem Artikel.

Den Forscher:innen der französischen Studie zufolge ist diese Zahl sogar noch höher. „Wenn die Temperatur um 1 Grad Celsius steigt, erhöht sich die Zahl der Todesfälle durch Selbstmord um etwa 6 Prozent“, so Slama.

Serotonin und soziale Isolation

Der Grund für die steigende Zahl der Suizide bei Hitze ist jedoch schwer festzustellen.

Das französische Institut vermutet, die Ursache könnte in einem von den hohen Temperaturen verursachten Rückgang des als „Glückshormon“ bekannten Serotonins liegen.

„Wenn die Temperatur steigt, wirkt sich das auf unser Nervensystem aus, indem es den Serotoninspiegel senkt. Wenn ich nun wenig Serotonin habe, werden impulsive Verhaltensweisen enthemmt, was [den Selbstmord] begünstigen kann“, so Slama.

Ein weiterer Grund, den das Institut anführt, ist der Mangel an sozialer Interaktion an heißen Tagen.

„An heißen Tagen stellt die Isolation einen Risikofaktor dar, der das Leiden und die Selbstmordgedanken von Menschen verstärken kann“, erklärte Deborah Deseck, vom belgischen Zentrum für Suizidprävention, gegenüber EURACTIV.

Außerdem sei an heißen Tagen der Zugang zu psychologischer Betreuung begrenzter.

„Das ist zum Beispiel in Belgien der Fall. Einige Dienste schließen ab einer bestimmten Uhrzeit wegen der hohen Temperaturen“, sagte sie und fügte hinzu, dass es dann schwieriger sei, einen Termin bei Psycholog:innen oder medizinischen Fachkräften zu bekommen.

Nach Angaben des Informations- und Präventionszentrums Infosuicide ist es jedoch nach wie vor „schwierig, die genauen Gründe für Selbstmord zu ermitteln“, da oft mehrere Faktoren zusammenspielen.

Die Hitze sei jedoch etwas, was Gesundheitsfachleute im Umgang mit Selbstmordfällen bei heißem Wetter thematisieren, so Infosuicide gegenüber EURACTIV.

„Wir stellen globale, aber auch spezifischere Fragen: Wie fühlt sich die Person bei diesen Temperaturen? In welchem Zustand befindet sich die Person? Hat sie oder er die Ressourcen, um die Hitzewelle zu überstehen“, erklärte das Zentrum.

Anpassung an die globale Erwärmung

Die Studie untersuchte jedoch nur Todesfälle, die bis 2016 auftraten.

Seitdem hat der europäische Kontinent eine Reihe von immer intensiveren und häufigeren Hitzewellen erlebt. Einst vereinzelte Vorfälle, scheinen Hitzewellen nun zur Norm zu werden.

Zwischen Juli und August 2022 wurden in fast ganz Europa Rekordtemperaturen gemeldet – 40,1 Grad Celsius in Hamburg, 43,3 Grad in Orense, Spanien, und 42,9 Grad in Biarritz, Frankreich.

Nach Angaben der WHO liegt die ideale Außentemperatur für Menschen jedoch bei 18 bis 24 Grad Celsius.

Obwohl es noch viel gibt, was „wir nicht über die komplexe Wechselwirkung […] zwischen Klimawandel und psychischer Gesundheit – insbesondere die Auswirkungen von Hitzewellen – verstehen, […] sind Maßnahmen gegen die globale Erwärmung erforderlich“, heißt es in dem auf der WEF-Website veröffentlichten Papier.

„Ohne spezifische Präventivmaßnahmen, sei es in Bezug auf Selbstmord oder hohe Temperaturen, ist mit mehr Suizidfällen zu rechnen“, so Slama vom Institut.

Slama zufolge sind Strategien zur Klimafolgenanpassung notwendig – diese dürften aber „nicht zu größeren sozialen oder regionalen Ungleichheiten führen.“

Klimaanlagen zum Beispiel gefährden diejenigen, die sie sich nicht leisten können, da sie „die gesamte Wärme, die den Häusern ihrer Nachbar:innen durch Klimaanlagen entzogen wird, ausgesetzt werden“, fügte er hinzu.

[Bearbeitet von Daniel Eck/Alice Taylor]