Mit weniger Klischees zu mehr Fachkräften
Der Fachkräftemangel in Deutschland ist in Berufen, die typischerweise mit Geschlechterklischees behaftet sind, besonders groß, sagten Spitzenpolitiker bei einer Konferenz zur Berufsorientierung am Donnerstag (4. Mai) und betonten die Notwendigkeit, Vorurteile bei der Berufswahl abzubauen.
Der Fachkräftemangel in Deutschland ist in Berufen, die typischerweise mit Geschlechterklischees behaftet sind, besonders groß, sagten Spitzenpolitiker bei einer Konferenz zur Berufsorientierung am Donnerstag (4. Mai) und betonten die Notwendigkeit, Vorurteile bei der Berufswahl abzubauen.
Da Deutschland mit einem ernsthaften Fachkräftemangel konfrontiert ist, vor allem in Berufen, die für die Energiewende und die Digitalisierung entscheidend sind, wie der IT- oder der Bausektor, versucht die Bundesregierung, gegenzusteuern.
Neben der Verbesserung des Arbeitsmarktzugangs für qualifizierte Einwanderer sollte dies auch eine bessere Berufsorientierung für Schüler beinhalten, betonten Politiker auf einer Konferenz in Berlin.
Dazu müssten Geschlechterklischees bei der Berufswahl bekämpft werden, die junge Menschen daran hindern, ihr volles Potenzial zu entfalten, sagten sie.
„Als Wirtschaftsminister habe ich natürlich ein besonderes Anliegen, dass wir in Deutschland keine Potenziale ungenutzt lassen“, sagte Robert Habeck (Grüne) am Donnerstag auf einer Konferenz in seinem Ministerium. Damit meinte er, „dass Menschen wegen gläsernen Decken, wegen Klischees vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden oder sich nicht trauen, in bestimmte Berufe reinzugehen“.
Da die rechtlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern abgeschafft worden seien, sei dies keine juristische Frage mehr, sondern eher eine Frage des Umdenkens, betonte Habeck.
„Wie wirkungsmächtig Klischees sind, wissen wir, glaube ich alle, selbst in unserem Alltag“, fügte er hinzu.
Dennoch sei die Bekämpfung von Geschlechterstereotypen eine politische Aufgabe, um allen jungen Menschen die besten Chancen auf Erfolg im Arbeitsmarkt zu geben.
Zudem betonte Habeck: „Wir werden auch in anderen Bereichen nie ans Ziel kommen, wenn es nicht gelingt, die Zugänge zu Berufen maximal klischeefrei zu gestalten“, und verwies auf die Herausforderungen der Energiewende und Digitalisierung sowie die Notwendigkeit, in Rente gehende Arbeitnehmer zu ersetzen.
Der Zusammenhang zwischen Geschlechterstereotypen und dem Fachkräftemangel wurde auch von Miguel Diaz hervorgehoben, Leiter der von der Regierung finanzierten Initiative „Klischeefrei“. Diese zielt darauf ab, Geschlechterstereotypen bei der Berufswahl abzubauen.
„Wir wissen, dass Berufe, die besonders hohe Geschlechterkonzentration aufweisen, auch die Berufe sind, die einen besonders ausgeprägten Fachkräftemangel haben“, sagte Diaz.
„Das heißt, je höher der Männer- oder Frauenanteil in Berufen ist, desto größer ist in der Regel auch der Fachkräftemangel“, fügte er hinzu.
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2,5 Millionen junge Menschen ohne Ausbildung
Wenn es darum geht, junge Menschen an Qualifizierungsprogramme heranzuführen, hat Deutschland noch eine Menge Hausaufgaben zu erledigen, betonten die Politiker.
„Wir haben einen traurigen Rekord von inzwischen über zweieinhalb Millionen jungen Erwachsenen, die ganz ohne Abschluss, wieder akademisch noch beruflich, in die Arbeitswelt starten“, sagte Jens Brandenburg (FDP), Staatssekretär im Bundesbildungsministerium.
„Wenn zweieinhalb Millionen Menschen die Schule ohne berufsbezogenen Abschluss verlassen, dann liegt es doch vielleicht nicht nur allein an den 2,5 Millionen Menschen, sondern möglicherweise an der Struktur, wie wir sie zu dem Berufsabschluss hinführen“, sagte Habeck.
Zudem hängt der Bildungserfolg in Deutschland stark vom Bildungs- und Einkommensniveau der Eltern ab, wie eine aktuelle Studie gezeigt hat, was zu einer geringeren sozialen Mobilität in Deutschland als in anderen europäischen Ländern führt.
Um dem entgegenzuwirken, will Brandenburg die Berufsorientierung an Schulen fördern, auch für Schüler an Gymnasien. Gymnasien „bilden eben nicht nur für die Hochschulen aus. Auch da sollte man klischeefrei rangehen“, sagte Brandenburg.
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EU-Plan für mehr grüne Industrie: Jugendliche und Frauen an die Arbeit
Da die Arbeitslosigkeit in ganz Europa auf ein Rekordtief gesunken ist, hat die Europäische Kommission eine höhere Beschäftigung von jungen Menschen und Frauen als Schlüssel zur Behebung des Arbeitskräftemangels hervorgehoben.
Dies sei auch entscheidend, um die Ziele des „Green Deal Industrial Plan“ zu erreichen, der EU-Initiative zur Ausweitung der heimischen Produktion von grünen Technologien, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung des Plans im Februar.
Um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, wurde das Jahr 2023 auch zum „Europäischen Jahr der Kompetenzen“ ernannt, ein eher symbolischer Schritt, da die meisten Bildungs- und Arbeitsmarktthemen weiterhin in der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten liegen.
Auch bei der Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt hinkt Deutschland anderen europäischen Ländern hinterher, sagte Kerstin Griese (SPD), Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, bei der Konferenz.
„Es ist in Deutschland so, dass zwar der Anteil der Mütter, die erwerbstätig sind, gestiegen ist, etwa 10 % in den letzten zehn Jahren. Aber wir sind in Europa immer noch nicht ganz vorne“, sagte Griese.
„Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir ziemlich lange Nachholbedarf hatten beim Ausbau der Kinderbetreuung“, so Griese weiter. Zudem gebe es auch bei der Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit noch Geschlechterklischees.
Eurostat-Daten zufolge ist die Kluft zwischen der Teilzeitbeschäftigung von Frauen und Männern in Deutschland besonders groß. Deutschland liegt innerhalb der EU an dritter Stelle, nur in den Niederlanden und Österreich ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern noch größer.
[Bearbeitet von János Allenbach-Ammann/Zoran Radosavljevic]