Medfluencer: Eine Dosis Berühmtheit, Ratschläge und Nebenwirkungen?

Medizinische Ratschläge gehen in den sozialen Medien viral. Doch während sogenannte „Medfluencer“ - oft ohne formale medizinische Qualifikationen - Millionen von Followern sammeln, warnen Kritiker, dass ihre vermeintlich einfachen Lösungen mehr schaden als nützen könnten.

EURACTIV.com
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Oft in OP-Kleidung und mit Benutzernamen, die auf „Doc“ oder „Doktor“ verweisen, erklären sie komplexe Gesundheitsthemen und stellen dabei Produkte vor – viele davon gesponsert. [Mixmedia via GettyImages]

Medizinische Ratschläge gehen in den sozialen Medien viral. Doch während sogenannte „Medfluencer“ – oft ohne formale medizinische Qualifikationen – Millionen von Followern sammeln, warnen Kritiker, dass ihre vermeintlich einfachen Lösungen mehr schaden als nützen könnten.

Die Medizinstudentin Alina Walbrund ist noch keine zugelassene Ärztin, aber hat unter dem Instagram-Namen „Doc Alina“ über 300.000 Follower gewonnen. Die meisten ihrer Beiträge konzentrieren sich auf Wellness-Tipps, wie das Mischen von Magnesium in Kakao für einen besseren Schlaf. Doch immer wieder begibt sie sich auch auf medizinisches Terrain.

In einem Video verwendete die Nicht-Diabetikerin Walbrund ein Blutzuckermessgerät, um ihren Blutzucker zu überwachen und stieß mit ihrem Selbstversuch auf Kritik. Zugelassene Ärzte argumentieren, dass solche Tests für gesunde Menschen ungenau und irreführend sein können. Außerdem könnten sie Gesundheitsängste und zwanghafte Selbstüberwachung schüren.

Walbrund gehört zu einer wachsenden Gruppe von Influencern, die auf Social Media Videos über medizinische Themen erstellen, sogenannte „Medfluencer“.

Oft in OP-Kleidung und mit Benutzernamen, die auf „Doc“ oder „Doktor“ verweisen, erklären sie komplexe Gesundheitsthemen und stellen dabei Produkte vor – viele davon gesponsert.

Doch was wie ein Hype unter Jugendlichen erscheint, hat eine deutlich größere Reichweite. Eine Studie der Universität Wien aus dem Jahr 2023 ergab, dass etwa 30 Prozent der 15- bis 25-Jährigen unter 1.000 Befragten in Österreich Gesundheits-Influencern folgen.

Rechtliche Grauzone für deutsche Medizinstudenten

In Deutschland gibt es laut der Influencer-Agentur Medservation etwa 1.000 aktive Medfluencer, detaillierte Daten sind jedoch kaum verfügbar.

Nach geltendem deutschen Recht ist es zugelassenen Ärzten untersagt, für Medikamente zu werben und sie müssen sich an die Vorschriften der Ärztekammer halten. Medizinstudenten bewegen sich jedoch in einer rechtlichen Grauzone.

Zwar dürfen sie unter bestimmten Bedingungen für Produkte werben, dürfen jedoch nicht den Titel „Doktor“ verwenden, wenn keine abgeschlossene Berufsausbildung vorliegt.

Obwohl Walbrund ihren Nutzernamen von „Doc Alina“ in Alina Walbrund geändert hat, erscheint in ihrer Instagram-Biografie weiterhin der Verweis „Doc“. Viele andere Medfluencer nutzen weiterhin den „Doktor“-titel.

Doch nicht alle Medfluencer sind ohne abgeschlossene Ausbildung. David Reckers, ein zugelassener Allgemeinarzt in Deutschland, der online als „Der Hausarzt“ bekannt ist, produziert professionell aussehende Videos zu Gesundheitsthemen. Ein Video, in dem er über die primäre biliäre Cholangitis (PBC), eine seltene Autoimmunerkrankung der Leber, spricht, erregte kürzlich die Aufmerksamkeit vom ZDF „Magazin Royale“.

Das in einem Krankenhaus gedrehte Video wurde als bezahlte Partnerschaft mit Ipsen Pharma gekennzeichnet und warf bei Journalisten Fragen auf. Handelte es sich um echte Aufklärungsarbeit – oder um subtile Marktvorbereitung für das neue Medikament von Ipsen?

Aufklärungsarbeit bei seltenen Krankheiten?

In Italien haben Ärzte Bedenken geäußert, dass unqualifizierte Gesundheits-Influencer ein sogenanntes „paralleles Gesundheitssystem“ schaffen und haben daraufhin eine Kampagne mit dem Titel „La salute è troppo importante per affidarla a chiunque“ (Gesundheit ist zu wichtig, um sie irgendjemandem anzuvertrauen) gestartet.

Zur Bekämpfung von Fehlinformationen im Gesundheitsbereich hat in Frankreich der französische Nationalrat der Ärztekammer (CNOM) Anfang dieses Jahres in Zusammenarbeit mit YouTube neue Regeln für Medfluencer eingeführt.

Laut Ipsen Pharma erfolge eine Zusammenarbeit mit Medfluencern lediglich im Sinne von Disease-Awareness-Kampagne, um das Bewusstsein für seltene Krankheiten zu schärfen, und sie „enthalten keine Informationen über Medikamente“. Das Pharmaunternehmen sagte gegenüber Euractiv, dass Patienten aufgrund mangelnder Kenntnisse über Symptome von seltenen Krankheiten im Durchschnitt 4,8 Jahre auf die korrekte Diagnose warten würden.

Aber können Medfluencer wirklich das Bewusstsein schärfen und gleichzeitig ihre kommerziellen Beziehungen aufrechterhalten – ihre Existenzgrundlage, um weiterhin Online-Inhalte zu produzieren?

Der ungarische Mitte-Rechts-Abgeordnete András Kulja bejaht dies – mit Vorsicht.

Kulja, selbst Herzchirurg und Medfluencer, sitzt heute im Ausschuss für öffentliche Gesundheit des Europäischen Parlaments. „Das Bewusstsein zu schärfen – insbesondere für seltene Krankheiten – ist äußerst wertvoll“, erklärte er und betonte, dass diese Krankheiten oft nicht ausreichend diagnostiziert werden.

Vor seiner Wahl ins Europäische Parlament im Jahr 2024 baute Kulja eine TikTok-Fangemeinde von über 370.000 Followern auf. Oft in Operationskleidung teilte er medizinische Einblicke und Erklärungen zur menschlichen Anatomie.

Seine Doppelrolle als EU-Abgeordneter und Medfluencer sieht er als Chance, „die Gesundheitskompetenz zu verbessern – von den täglichen Gewohnheiten bis hin zu den Gesundheitssystemen – und Fehlinformationen zu bekämpfen“. Sein Ziel sei es, „Menschen zu befähigen, fundierte Entscheidungen zu treffen und vertrauenswürdigen Online-Quellen zu vertrauen“.

Dennoch ist sich Kulja der Risiken bewusst. Er warnte davor, dass unqualifizierte Influencer oder solche, die kommerziellen Motiven folgen, das Verständnis der Öffentlichkeit verzerren können. „Gesundheit ist nicht immer schwarz-weiß, aber Algorithmen belohnen oft dramatische oder stark vereinfachte Inhalte.“

(de, kn)