Massenexodus in Schirnding

Dieses Ausbluten der DDR über Schirnding, diese endlose Trabi-Schlange, die sich im Schritttempo über die CSSR in die BRD schob, diesen Massenexodus musste ich mir unbedingt ansehen. Die letzte Nacht vor dem Mauerfall - fast hätte ich auf die historische Pressekonferenz mit Günter Schabowski verzichtet.

Die Trabi-Schlange in Schirnding ohne Anfang, ohne Ende: DDR-CSSR-BRD (Foto: dpa)
Die Trabi-Schlange in Schirnding ohne Anfang, ohne Ende: DDR-CSSR-BRD (Foto: dpa)

Dieses Ausbluten der DDR über Schirnding, diese endlose Trabi-Schlange, die sich im Schritttempo über die CSSR in die BRD schob, diesen Massenexodus musste ich mir unbedingt ansehen. Die letzte Nacht vor dem Mauerfall – fast hätte ich auf die historische Pressekonferenz mit Günter Schabowski verzichtet.

Am späten Nachmittag des 9. November 1989 sondierte ich im Internationalen Pressezentrum (IPZ) in Ostberlin, ob es Neuigkeiten oder Pressetermine gab. Ich hatte wenig Lust, mir um 18 Uhr wieder eine dieser todlangweiligen Pressekonferenzen anzuhören, diesmal eine mit Politbüromitglied Günter Schabowski in seiner neuen Funktion als Sprecher des ZK der SED.

Ich zögerte, weil ich völlig erschlagen und übermüdet war. In der Nacht davor hatte ich nicht einmal eine Stunde lang in einem Wald im Fichtelgebirge im Mietauto geschlafen.

Ich war von Bonn nicht direkt nach Berlin, sondern kurz entschlossen nach Frankfurt am Main geflogen und mit dem Mietwagen ins bayrische Schirnding an der tschechoslowakischen Grenze gerast, pardon, gereist, um eine Reportage über das ungestillte Ausbluten der DDR zu machen.

Tag und Nacht im Schritttempo

Eine endlose Schlange von Trabis und Wartburgs schob sich dort im Schritttempo über die CSSR in die Bundesrepublik. Die Tschechoslowakei hatte für die DDR-Flüchtlinge ihre Grenzen am 4. November 1989 um 2.30 Uhr früh geöffnet. Die Fahrt direkt über die deutsch-deutsche Grenze war nicht erlaubt.

24 Stunden ohne Unterlass. 370 Personen pro Stunde. Fast 50.000 in dieser einen Woche allein in Schirnding. In dem Grenzort mit 2.000 Einwohnern geben die DDR-Bürger den Wendehälsen von Ostberlin die endgültige Antwort.

Nun blutet hier die DDR aus. Besonders viel junges Blut verliert das Land. Tag und Nacht reicht der Stau kilometerweit in die CSSR zurück. Kein Ende ist abzusehen.

Schirnding bei Nacht. Es ist zwei Uhr jenes Tages, an dessen Ende die Maueröffnung in Berlin erzwungen werden wird.

Gespenstische Stimmung

Feiner Eisregen durchdringt den kaum erträglichen Gestank des Benzin- und Ölgemisches. Diese gespenstische Stimmung in der Nebelnacht! Das Tuckern Tausender Zweitakter, der Flüsterton der Flüchtlinge.

Es herrscht Hochbetrieb – und dennoch eigenartige Ruhe, Bedachtsamkeit. Die unaufgeregte Atmosphäre ist das genaue Gegenteil zum Sommer davor. Damals waren die DDR-Ausreisenden bei Blitzlichtgewitter, Sekt und Politikerreden über Ungarn und Österreich nach Bayern gekommen. Seither hat sich vieles geändert.

Zwei Übersiedler an der Zollabfertigung fallen gleich auf. Der eine, weil er mit acht Monaten zu den Jüngsten gehört. Neben der dicken Luft der immer wieder für ein paar Meter gestarteten Autos verschläft er seine „Flucht“. Martins Kinderwagen wird von der Großmutter bewacht, einer 56-jährigen Verkäuferin aus Merseburg. In den Troß der der Zwanzig- bis Dreißigjährigen passt sie nicht.

Weg vom Fließband, weg vom Mann

Sie wollte ihren Sohn und das Enkelkind nicht verlassen. Mit ihrem Mann klappt es ohnehin nicht mehr, also hat sie sich von einer Minute auf die andere entschlossen mitzufahren. Ihrem Mann hat sie kein Wort davon gesagt. Auch im Kombinat weiß es niemand, „obwohl alle darüber reden. Die wollen alle weg“.

An der Hebebühne wartet eine Familie auf die Diagnose des ADAC-Mannes. Aber die in der CSSR ausgefallene Heizung des Lada lässt sich nicht reparieren. Den weiteren Weg in die Kaserne in Landshut werden die Kinder dick vermummt zurücklegen müssen. Nach der Kaserne hoffen sie auf Verwandte, die wissen aber – wie bei den meisten Flüchtlingen – noch gar nichts davon.

„Wir bereuen unseren Entschluss nicht“, macht sich ein 26-jähriger Schleifer selbst Mut, wo er noch keine fünf Minuten bundesdeutsches Territorium unter sich hat. Er ist hier mit seiner Schwester, einer 27-jährigen Tischlerin, seinem Schwager, einem 30 Jahre alten Maurer, und deren Kindern.

„Wir sind jung und gut auf dem Damm“

Noch am Vormittag waren alle drei arbeiten, der neunjährige Kai saß noch völlig ahnungslos in der Schule. Bloß der sechsjährige Peter musste vom Kindergarten daheim bleiben. „Der hat das gerochen. Der hätte das im Kindergarten nicht für sich behalten. Dann wär’s Essig gewesen mit der Reise.“ Peter war sofort dabei, der ältere Bruder hat geweint. Er sei „eigentlich einverstanden“, wäre aber lieber bei der Oma geblieben.

Wenige Tage zuvor sind seine Eltern noch bei den „Wir bleiben hier!“-Demonstrationen mitmarschiert und haben sich – obwohl sie SED-Mitglieder sind – am Dialog in der Kirche engagiert. Aber je mehr Nachrichten aus Ostberlin nach Stüllen in Thüringen drangen, desto misstrauischer wurden sei. „Der Krenz ist doch ein Züchtling von Honecker, dem glaub ich nichts. Mit dem ändert sich nichts.“

Jobs haben sie noch nicht. „Aber wir machen uns Hoffnung. Wir sind jung, gut auf dem Damm, und pfiffig sind wir auch.“ Und wenn das Klima in der Bevölkerung zu ihren Ungunsten umschlüge? „Möglich. Aber wenn bei uns die Polen, die Tschechen, die Kubaner und die Vietschis (Vietnamesen) reinkommen, die mögen wir ja auch nicht. Jeder kann sich sein Urteil selber bilden.“

Die Nähte noch im Gaumen

Eine Neunzehnjährige mit orangerotem Bürstenhaar sucht das Auto, das die Autostopperin bis zur Grenze mitgenommen hat. Der Fahrer ist mit der Arbeitshose direkt aus der Spätschicht abgehauen. In irgendeiner Turnhalle wartet der Freund auf sie. Heute hätte sie beim Zahnarzt die Nähte aus ihrem Gaumen entfernen lassen sollen, aber das ist ihr momentan egal. 

Ein Feuerwehrmann kehrt von seiner ersten Trabi-Fahrt zurück: Eine 27-jährige Mutter sei allein mit ihren zwei Kindern in dem 17 Jahre alten Gefährt von Rostock durch die ganze DDR hieher gefahren und hier zusammengebrochen. Der Feuerwehrmann chauffierte sie vorsichtig ins Erstaufnahmelager Marktredwitz.

Derweilen läutet in der Einsatzleitung des Bundesgrenzschutzes in Schirnding auch in dieser Nacht oft das Telefon. Entweder will sich gerade der Sonderstab in Coburg „wichtig machen“, wie einer der zwanzig BGS-Männer spöttisch meint. Oder jemand will wissen, ob seine Schwester über diesen Grenzübergang gekommen sei, und wird an den Rotkreuz-Suchdienst verwiesen. Oder jemand bietet eine Wohnung für eine Nichtraucherfamilie für zwei Tage an. Solche Hilfsangebote landen hier an der falschen Stelle und blockieren die Leitung. Und Journalisten rufen an, sie wollen neueste Zahlen von Ausreisen wissen.

Zu Spitzenzeiten kommen 370 Leute pro Stunde über die Grenze, schildert Polizeihauptkommissar Uwe Lüthje. Sie kommen mit dem Auto, zu Fuß oder per Fahrrad. Die Bahnfahrer werden hier nicht mitgezählt. Zusammen sind es fast 50.000, die seit der Ausreisemöglichkeit über die CSSR seit dem Wochenende die Republik gewechselt haben. „Dabei haben wir schon bei den ersten 5.000 gesagt: Donnerwetter!“, so Lüthje.

CSSR erlaubt keine Rückkehr

Die Ankommenden erhalten vom Bundesgrenzschutz eine Bescheinigung für den Grenzübertritt, die Kopie einer Landkarte und die Adressen der ersten Aufnahmelager.

Böse Überraschungen warten indes auf abenteuerlustige Kurzausflügler aus der DDR. Wer die Berliner Mauer umfahren will, einfach um einmal im Westen gewesen zu sein, und dann wieder in Richtung DDR umdreht, der wird von den CSSR-Grenzern nicht eingelassen. Es fehlt ja das Visum.

Das gilt auch für Leute, die gefälligkeitshalber eine Familie hergefahren haben und selbst wieder zurück wollen. Sie müssen weiter nördlich direkt über die deutsch-deutsche Grenze zurück.

Unbedingt im Bayernstil

So geschah es auch dem 48-jährigen Mosterei-Inhaber Edgar Jahn aus Roßlau bei Leipzig, seiner Tochter und ihrem Mann. Sie wollten in Bayern nur ein paar Fotos von Einfamilienhäusern schießen, weil ihre geplante Most-Taverne „unbedingt im Bayernstil“ gebaut werden soll. Dafür hätten sie gern Anregungen gesammelt.

Den Fotoapparat haben sie aber vergeblich mitgenommen. Sie kriegen Bayern nicht bei Tageslicht vor die Linse. Noch in dieser Nacht müssen sie zurück, und zwar über den achtzig Kilometer entfernten Grenzübergang Rudolphstein-Hirschberg. Selber „rübermachen“ wollten sie ja nicht. Zuviel Arbeit haben sie schon in die Mosterei investiert. „Aber in den Leuten brodelt das Blut, das können Sie mir glauben.“

Sie besitzen keinen einzigen West-Pfennig. Gegen zwei Flaschen Apfelschaumwein aus eigener Produktion dürfen sie kurz beim Onkel in Dortmund anrufen und ihn fragen, warum er vorige Woche nicht zur Silbernen Hochzeit gekommen sei.

Grenze der Belastbarkeit

Die Wirtin hat gerade vorher noch über die Flüchtlingsinvasion geschimpft, weil ihr Neffe in der Bamberger Bundeswehrkaserne plötzlich ins Manöver muss, nur damit neue Massenquartiere zur Verfügung stehen.

Jetzt diskutiert sie mütterlich-besorgt mit ihren „exotischen“ Gästen. Und der junge Schirndinger an der Gasthaustheke, der gerade noch in unfeinem Bayrisch beteuert hat, das verkrafte die Bundesrepublik doch alles nicht mehr, gibt für die „anderen Deutschen“ einen aus.

Die Recherche in Schirnding hat mehr Zeit gekostet als geplant. Auf der Strecke von Schirnding nach Frankfurt am Main stelle ich das Mietauto im Wald des Fichtelgebirges ab, fröstle und schlafe knapp eine Stunde. Ich erwische die erste Maschine nach Berlin und hoffe dort auf eine ruhige Nacht.

Es sollte ganz, ganz anders kommen. Weder die nächste noch die dritte Nacht konnte ich ein Auge zumachen. Der Schirnding-Nacht folgten die Schabowski-Pressekonferenz und die Nacht des Mauerfalls, danach kam die Nacht der ersten Mauerdurchbrüche. Welcher Reporter kann da ans Schlafen denken?

Kein Wort vom Arbeitsamtspräsidenten

Eine kleine Episode vom Berlin-Flug: Beim Einchecken in Frankfurt stand Heinrich Franke vor mir, damals Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Der CDU-Mann, zuvor Staatssekretär in Norbert Blüms Arbeitsministerium, war gerade zu dieser Zeit eine Schlüsselfigur. Die Unmenge an DDR-Flüchtlingen sollte im Westen mit Jobs versorgt werden. Erster Unwille über die ostdeutschen Arbeitskräfte war im Westen längst erkennbar.

Gerade mit meinen aktuellen Schirnding-Eindrücken also genug Stoff für Fragen an Deutschlands obersten Arbeitsamtschef. Ich sprach Franke dezent an, fragte höflich, ob ich ihm als Korrespondent – ich gab ihm meine Visitenkarte – ein paar Fragen zu Aussiedler-Situation und Arbeitsmarkt stellen dürfe. In der Ausnahmesituation des Herbstes 1989 hatte ich mit solchen spontanen Begegnungen immer Erfolg.

Ich gebe zu, dass ich in dem Moment nicht so fein gewandet war wie Heinrich Franke. Mit Lederjacke und Stoppelbart sah ich so aus, wie man halt aussieht, wenn man nach nächtlicher Vor-Ort-Recherche nur kurz in einem Wald im Auto geschlafen hat.

Frankes Reaktion war an Arroganz nicht zu übertreffen. Er sah von ganz weit oben aus seinem Nadelstreif heraus und verwies mich kurz angebunden an die Pressestelle. Er war ein einziges Naserümpfen. Er hätte durchaus Zeit genug gehabt, mir ein paar Sätze über die jüngste Entwicklung und seine Sorgen und Pläne zu sagen. Vielleicht aber hatte er noch gar keine Pläne und musste sich hinter seiner Pressestelle verschanzen.

An Bord der Maschine nahm er schräg hinter mir Platz. Da beschwerte sich ein Flugpassagier mit der Bordkarte in der Hand bei der Stewardess über seinen besetzten Platz. Franke hatte sich in der Reihe geirrt. Er musste aufstehen und eine Sitzreihe vorrücken – auf meinen Nachbarsitz. Der feine Herr Präsident musste mich bitten, ihn reinzulassen. Seine falsche Platzwahl war ihm sichtlich peinlich. Bis zum Ausstieg kein Wort- und kein Blickkontakt und keine Erkenntnisse über die Belastung des Arbeitsmarkts.

Prag wollte die Grenze schließen

Schirnding hat ein Grenzmuseum eingerichtet. "Im November 1989 wurde in Schirnding ein Stück Geschichte geschrieben", sagte Museumsleiter Wolfgang Brauner zur Ausstellungseröffnung zwanzig Jahre nach dem Massenexodus.

Die endlosen 24-Stunden-Staus waren auch für die CSSR eine Belastungsprobe. Die Regierung in Prag hatte Angst vor den eigenen Oppositionellen und übermittelte der DDR-Führung ihre Bitte, die Ausreise ihrer Bürger in die Bundesrepublik "direkt und nicht über das Territorium der CSSR" abzuwickeln. Parteichef Milos Jakes wurde gegenüber SED-Generalsekretär Egon Krenz sogar sehr deutlich und machte ihm klar, dass die tschechoslowakische Regierung nicht länger bereit sei, über ihr Territorium die DDR-Bürger einfach nach Bayern ausreisen zu lassen. Er drohte Krenz an, die CSSR werde ihre Grenze zur DDR schließen.

Am Abend des 9. November hat die DDR-Führung die Bitte aus Prag erfüllt. Ohne es zu wissen, ohne es zu wollen. Darüber im nächsten Kapitel.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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