Maroš Šefčovič: Vom Sowjet-Diplomaten zum ewigen EU-Kommissar

Ursula von der Leyen und der russlandfreundliche slowakische Premier Robert Fico könnten politisch kaum weiter voneinander entfernt sein – doch in einem Punkt herrscht Einigkeit: der Unterstützung für Maroš Šefčovič, zuständig für Handel und dienstältester Kommissar der EU-Kommission.

EURACTIV.com
[EPA/GUILLAUME HORCAJUELO]

Ursula von der Leyen und der russlandfreundliche slowakische Premier Robert Fico könnten politisch kaum weiter voneinander entfernt sein – doch in einem Punkt herrscht Einigkeit: der Unterstützung für Maroš Šefčovič, zuständig für Handel und dienstältester Kommissar der EU-Kommission.

„Wir sollten ihm gratulieren“, schrieb Fico auf Facebook, nachdem Šefčovič ein Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten unter Dach und Fach gebracht hatte. Von der Leyen zeigte sich ähnlich angetan und lobte den Slowaken für seine „unermüdliche Arbeit und kluge Steuerung“ – nach zehn Reisen nach Washington.

Mit einem 15-prozentigen Strafzoll, der der EU ab Freitag droht, bleibt Šefčovič im Zentrum der Gespräche mit den US-Unterhändlern Howard Lutnick (US-Handelsminister) und Jamieson Greer, die im Namen von Donald Trump agieren.

„Das ist die größte Herausforderung meiner bisherigen Laufbahn“, sagte Šefčovič in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber Euractiv. „Ich spüre eine enorme Verantwortung – für Millionen von Arbeitsplätzen und Billionen im Handelsvolumen. Ich bin überzeugt: Ein Abkommen ist besser als ein Handelskrieg.“

Um zu verstehen, was ihn antreibt – und wie er seinen unwahrscheinlichen Weg von einer sowjetischen Eliteschule bis nach Brüssel fand –, sprach Euractiv mit über 15 Personen aus seinem Umfeld.

Obwohl er seit über zwei Jahrzehnten Teil der EU Bubble ist, ist über sein Privatleben wenig bekannt.

Šefčovič, der kürzlich 59 wurde, gilt als humorvoller Familienvater dreier Kinder und treuer Ehemann. Er trinkt gerne Kaffee, liebt Haustiere und Volleyball, trainiert im Fitnessstudio der Kommission – gemeinsam mit den Leibwächtern von Ursula von der Leyen – und imitiert gelegentlich EU-Abgeordnete zur Belustigung seiner Kollegen.

Einen der wenigen privaten Einblicke gab es 2019, als in seiner Brüsseler Wohnung ein Feuer ausbrach – sein Sohn, ebenfalls Maroš genannt, entkam nur knapp.

Hinter dem Vorhang

Šefčovič wuchs in einem Vorort von Bratislava auf – damals noch Teil der Tschechoslowakei. Sein Vater war Elektroingenieur, die Mutter arbeitete als Sachbearbeiterin bei der Post.

Das Elternhaus lag nur drei Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt. Sein Vater war überzeugt, dieser werde ewig bestehen.

„Zu Studienzeiten war mein größter Traum, einfach nur den Eisernen Vorhang zu überqueren und nach Österreich zu reisen“, so Šefčovič. „Dass wir der EU beitreten würden oder ich einmal so lange in ihren Institutionen diene – daran hätte ich nie gedacht.“

Zwischen 1985 und 1990 studierte Šefčovič Diplomatie an der MGIMO in Moskau – einer Kaderschmiede des sowjetischen Außenministeriums und auch Alma Mater des heutigen russischen Außenministers Sergej Lawrow.

„Zu Gorbatschows Zeiten an der MGIMO zu studieren – als Begriffe wie Perestroika und Glasnost noch modern klangen – weckte in uns jungen Menschen die Hoffnung auf eine offenere Zukunft“, sagte Šefčovič. Er spricht fließend Russisch.

Diese Fähigkeit erwies sich später als nützlich – etwa bei heiklen EU-Gesprächen über Gaslieferungen zwischen Russland und der Ukraine, noch vor dem russischen Überfall 2022.

„Er hat sein Verständnis für die russische Mentalität konsequent im Dienste europäischer Interessen eingesetzt“, so ein hochrangiger EU-Diplomat.

In der Slowakei begegnet man MGIMO-Absolventen bis heute mit Misstrauen. Wie Fico war auch Šefčovič in jungen Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei.

Doch wenn er in den 1980ern Kommunist war, so wurde er in den 1990ern von keinem Geringeren als Milton Friedman unterrichtet und hörte Vorlesungen von Condoleezza Rice an der Stanford University. „Er war immer proeuropäisch – trotz seiner Moskauer [Schule]“, so ein weiterer Diplomat aus seinem Umfeld.

Seine diplomatische Laufbahn führte ihn unter anderem nach Simbabwe, Kanada und Brüssel. Mit 32 wurde er slowakischer Botschafter in Israel.

2004 kehrte er als Botschafter der Slowakei bei der EU zurück nach Brüssel. Fünf Jahre später wurde er EU-Kommissar – und ist seither fester Bestandteil der Kommission.

Er diente bereits unter verschiedenen Kommissionspräsidenten – mit Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Generationen, darunter Siim Kallas und dessen Tochter Kaja Kallas, heute EU-Außenbeauftragte.

Mr Fix It

Eleganter Auftritt, zurückhaltend gegenüber der Presse: In Brüssel hat sich Šefčovič den Ruf als „Mr Fix It“ erarbeitet.

Drei Kommissionspräsidenten verließen sich auf ihn, wenn es darum ging, besonders schwierige Dossiers zu verhandeln – von der Reform interner Kommissionsprozesse über Gastransitverträge zwischen der Ukraine und Russland bis hin zu den Beziehungen zur Schweiz.

„Er kennt seine Themen von A bis Z“, sagt Katarína Roth Neveďalová, Europaabgeordnete der Smer-Partei von Fico. Der britische Politiker Michael Gove nannte ihn einst den „Sausage King“ – wegen seiner Rolle im Nordirland-Protokoll während der Brexit-Verhandlungen.

Šefčovič gilt als ruhig unter Druck – seine Risikoaversion könnte ein Grund für seine politische Langlebigkeit sein. Ein Kommissionsmitarbeiter, der ihn aus nächster Nähe erlebte, sagte: „Er ist wie ein Aal – gleitet überall durch, ohne anzuecken.“

„Er ist kein homo politicus, sondern ein sehr guter und sehr anständiger Beamter“, so der bereits zitierte Diplomat.

Viktor Orbán und Robert Fico in 2024 [Nicolas Economou/NurPhoto via Getty Images]

Aber Šefčovič blieb nicht immer im technokratischen Modus.

Bereits 2019 vollzog er einen dezidiert politischen Schritt: Er bewarb sich mit Unterstützung von Ficos Partei um das Amt des slowakischen Präsidenten – und unterlag letztlich der liberalen Zuzana Čaputová.

Auf dem Wahlkampftrail trat ein anderer Šefčovič in Erscheinung: Er schlug einen deutlich sozialkonservativeren Ton an, um die Wählerschaft von Smer anzusprechen. So sprach er sich gegen das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare aus – und ließ Kameras in sein Zuhause, wo Ehefrau Helena für ihn ein Schnitzel zubereitete.

„Ich habe das gehasst, denn so ist er nicht“, sagte ein Diplomat, der Šefčovič seit Langem kennt. „Er kommt aus einem sehr liberalen Umfeld, mit Konservatismus hat er nichts am Hut.“

„Das war sein Tiefpunkt in der slowakischen Politik“, sagt Milan Nič, Senior Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Šefčovič habe damals einen „faustischen Pakt“ mit Fico geschlossen: Wahlkampf gegen eine erneute Nominierung für die EU-Kommission 2019.

Šefčovič selbst weist das zurück: „Ich bin nicht ins Präsidentschaftsrennen gegangen, um mir einen anderen Posten zu sichern“, ließ er per E-Mail wissen.

Maroš in der Mitte

Bisher gelingt Šefčovič der Spagat zwischen Brüssel und Bratislava – zwischen der Kommissionspräsidentin von der Leyen und dem slowakischen Regierungschef Fico.

Obwohl selbst kein Smer-Mitglied, ist Šefčovič politisch eng mit Fico verbunden, der ihn mehrfach für Spitzenposten in Brüssel nominiert hat.

„Ich denke, der Hauptgrund für seine wiederholte Nominierung durch Fico ist, dass er ihm nie widersprochen hat“, so ein ehemaliger slowakischer Diplomat.

Doch Ficos Haltung im Ukraine-Krieg hat seinen Kommissar in Brüssel teilweise isoliert.

Von der Leyen und Šefčovič im April 2025 | EPA/OLIVIER HOSLET

Tage nachdem Robert Fico die slowakische Parlamentswahl 2023 gewonnen hatte – nach einem Wahlkampf, in dem er sich klar gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen hatte – wurde Maroš Šefčovič im Europaparlament zu seinen Ansichten zum Krieg befragt.

„Er war etwas verärgert, weil er sich so stark für die Ukraine engagiert hat – und man ihm dennoch misstraute“, sagte ein EU-Beamter.

Nach dem Attentatsversuch auf Fico im Mai 2024 bezeichnete Šefčovič den Ministerpräsidenten als „Freund“. Doch Vertraute beschreiben ihr Verhältnis als überwiegend professionell. „Mit Ministerpräsident Robert Fico pflege ich einen offenen Austausch und wir respektieren unsere jeweiligen Rollen“, erklärte Šefčovič per E-Mail.

In Brüssel, wo Ficos Partei Smer mittlerweile von der sozialdemokratischen Parteienfamilie suspendiert ist, steht Šefčovič fest im pro-europäischen Lager von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Er hat dieses Ressort bekommen, weil er sehr eng mit von der Leyen verbunden und ihr loyal ergeben ist. Er ist im Grunde ihr Mann, ihr Problemlöser“, sagte Milan Nič.

Im April 2027 wird Šefčovič der am längsten amtierende EU-Kommissar der Geschichte sein. „Ich glaube an den Dienst im öffentlichen Amt, solange ich etwas bewirken kann“, schrieb Šefčovič per E-Mail.

Während er gemeinsam mit seinen US-amerikanischen Gesprächspartnern an einer abschließenden gemeinsamen Erklärung zum neuen EU-USA-Handelsabkommen arbeitet, bemüht sich Šefčovič zugleich darum, den Deal als pragmatischen Erfolg zu vermitteln. Auch wenn die Kritik aus den Mitgliedstaaten und von Fachleuten, die der Meinung sind, die EU hätte härter auftreten sollen, anhält.

„Es wäre einfach, sich mit einer harten Linie beliebt zu machen“, sagte er. „Doch das würde die transatlantischen Beziehungen für eine Generation gefährden.“

Thomas Møller-Nielsen und Natália Silénska haben zur Berichterstattung beigetragen.

(mm, jp, jl)