Macrons Besuch in Algerien ist "insgeheim" Gasdiplomatie
Die Reise des französischen Präsidenten Emmanuel Macron nach Algerien soll die angespannten Beziehungen zwischen den beiden Ländern beruhigen, ist aber auch eine Gelegenheit, um in der anhaltenden Krise zusätzliche Gaslieferungen zu sichern.
Die Reise des französischen Präsidenten Emmanuel Macron nach Algerien soll die angespannten Beziehungen zwischen den beiden Ländern beruhigen, ist aber auch eine Gelegenheit, um in der anhaltenden Krise zusätzliche Gaslieferungen zu sichern.
Auch wenn der Elysée betonte, dass das Gas bei diesem „Freundschaftsbesuch“ nicht im Vordergrund stehe, zeigte die Anwesenheit der Chefin vom französischen Energieunternehmen Engie, Catherine MacGregor, im Präsidentenflugzeug die Bedeutung der Reise für Frankreichs Energiepolitik.
Gasimporte aus Algerien steigen um 168 Prozent
Nach Angaben des französischen Finanzministeriums sind die Einfuhren fossiler Brennstoffe aus Algerien zwischen 2021 und dem ersten Trimester 2022 um 87 Prozent gestiegen. Die Erdgaseinfuhren stiegen in diesem Zeitraum sogar um 168 Prozent.
Das Interesse Frankreichs am algerischen Gasmarkt erklärt sich durch den Versuch die Abhängigkeit der EU von russischen Importen in Folge des Ukraine-Krieges zu verringern.
Die Gaspreise erreichten am Dienstag ein Rekordhoch und kletterten am niederländischen TTF-Futures-Markt auf 290 Euro pro Megawattstunde (MWh).
Um den steigenden Gaspreisen zu begegnen, machten sich die europäischen Staats- und Regierungschefs auf die Suche nach neuen Partnerschaftsabkommen mit afrikanischen Ländern.
So reiste Bundeskanzler Olaf Scholz im Mai in den Senegal, um ein Gasabkommen auszuhandeln, das bis zu 7 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland ersetzen könnte.
Der italienische Premierminister Draghi reiste im Juli nach Algerien, um ein Gasabkommen über die Lieferung von vier Milliarden Kubikmetern (bcm) vor dem Winter auszuhandeln, was etwa 5 Prozent des Jahresverbrauchs entspricht.
Wie Draghi könnte auch Macron den Besuch zur Aufnahme von Gasverhandlungen nutzen. Algerien konzentriert sich derzeit auf bilaterale Handelsbeziehungen, so Sébastian Boussois, Forscher für euro-arabische Beziehungen an der Université Libre de Bruxelles (ULB), im Gespräch mit EURACTIV Frankreich.
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Schwierigkeiten bei der Produktionssteigerung
Algerien, das derzeit etwa 10 Prozent des gesamten europäischen Erdgasbedarfs deckt, sei jedoch nicht in der Lage, „die Produktion um das Zehnfache zu steigern“, sagte Boussois.
Ines Bouacida, Forscherin am Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI), wies gegenüber des Nachrichtenmagazins L’Obs darauf hin, dass nur die Hälfte der algerischen Gasexportkapazitäten genutzt werde, was bedeute, dass das Land „Spielraum“ habe.
Allerdings „setzt dies eine Änderung der Betriebsstrukturen voraus, und das steht im Prinzip nicht auf der Tagesordnung“, fügte sie hinzu.
Hinzu kommt, dass ein leichter Produktionsanstieg zu verzeichnen ist, seit Algerien im Juli ein Abkommen zur Kapazitätserweiterung mit westlichen Betreibern unterzeichnet hat, wie das französische Finanzministerium berichtet.
Algerien ist allerdings auch mit einer steigenden Gasnachfrage im eigenen Land konfrontiert.
„Die Frage lautet, wer ein paar Millionen Kubikmeter Gas mehr bekommt“, sagte Boussois, die ebenfalls die Bedeutung der jüngsten Energieverhandlungen zwischen Macron und dem Kronprinzen von Saudi-Arabien, Mohammed bin Salman Al Saud, hervorhob.
„Algerien ist ein Land, das von einer endlosen Miete lebt, das keine Investoren anzieht und das, wie Saudi-Arabien, keine Anstrengungen unternimmt, um die Produktionsinfrastrukturen zu modernisieren und den Bedarf vorauszusehen. Anders als beispielsweise Katar, das über die beste Technologie zur Förderung von Flüssigerdgas verfügt und die größten Tanker der Welt betreibt“, so die Expertin weiter.
Angespannte diplomatische Beziehungen
Der Besuch des französischen Präsidenten findet vor dem Hintergrund der angespannten Beziehungen zu Algerien statt.
Die diplomatischen Beziehungen erreichten Ende 2021 einen Tiefpunkt, nachdem Macron Berichten zufolge die Existenz Algeriens als Nation vor der französischen Invasion des Landes im Jahr 1830 in Frage gestellt und die Machthaber beschuldigt hatte, die Geschichte umzuschreiben und „Hass gegen Frankreich“ zu schüren. Als Reaktion darauf zog Algerien seinen Botschafter aus Frankreich ab, obwohl sich die Beziehungen seitdem stabilisiert haben.
Der französische Präsident, der eine für Anfang Juli geplante Reise abgesagt hat – wahrscheinlich, weil sie zu nahe am algerischen Unabhängigkeitstag am 5. Juli stattfinden sollte – wird also „Wiedergutmachung leisten müssen“, so Boussois.
Macrons Reise nach Algerien wird auch von anderen EU-Ländern genau verfolgt werden. Insbesondere würde sich die Bundesregierung über jede zusätzliche Gaslieferung aus Algerien freuen.
„Wenn Macron Gas für die Franzosen sichern kann, ist das auf jeden Fall [zusätzliches] Gas für die Europäer“, sagt Thierry Bros, Professor an der Sciences Po Paris, der für das Magazin Natural Gas World schreibt.
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[Bearbeitet von Frédéric Simon und Alice Taylor]