Macron will den Franzosen wieder Lust auf Arbeit machen
Eine Reihe von Reformen, die der französische Präsident Emmanuel Macron seit 2017 eingeführt hat, hat die Beschäftigung wieder auf das Niveau von vor 2008 gebracht. Doch die Franzosen sind immer unzufriedener mit ihrer Arbeit.
Eine Reihe von Reformen, die der französische Präsident Emmanuel Macron seit 2017 eingeführt hat, hat die Beschäftigung wieder auf das Niveau von vor 2008 gebracht. Doch die Franzosen sind immer unzufriedener mit ihrer Arbeit.
Nach monatelangen politischen Auseinandersetzungen über die weithin unbeliebte Rentenreform ist der französische Präsident Macron bestrebt, die Wogen zu glätten.
In einer Rede im April kündigte er den Beginn von „hundert Tagen der Besänftigung“ an, die die Einführung eines neuen „Pakts für das Leben am Arbeitsplatz“ beinhalten. Dieser zielt darauf ab, „der Arbeit wieder einen Sinn zu geben und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.“
Der Pakt wird wahrscheinlich in einer Reihe von Gesetzesreformen münden, von denen die Erste im Sommer das Licht der Welt erblicken soll.
Und das ist dringend notwendig, denn der Anteil der Franzosen, die Erfüllung durch ihre Arbeit sehen, war noch nie so gering wie heute.
„Die jüngste Rentenreform [mit der das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre angehoben wurde] hat gezeigt, wie sehr die Ansprüche der Menschen an Arbeit nicht mehr mit ihrem Alltag übereinstimmen“, erklärte Lisa Thomas Darbois, Chefvolkswirtin der Denkfabrik Institut Montaigne, gegenüber EURACTIV.
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Senkung der Arbeitslosenquote um jeden Preis
Macron kam 2017 mit dem Versprechen an die Macht, die Beschäftigung zu verbessern.
Das Arbeitsrecht werde „vereinfacht“, versprach er, während die Arbeitslosenunterstützung einer Generalüberholung unterzogen werde, damit sie zu einem „universellen Recht mit neuen Verpflichtungen für alle“ werde. Die Kosten für Arbeit würden gesenkt werden, um die Einstellung von Arbeitskräften zu erleichtern, betonte er.
Die Vermittlung von Menschen in und aus Arbeitsverhältnissen sei sowohl eine finanzielle als auch eine administrative Belastung für Unternehmen, ein wenig Bürokratieabbau könne also nicht schaden, so dachte Macron damals.
Eine groß angelegte Arbeitsmarktreform, die 2018 eingeführt wurde, schränkte die Möglichkeiten der Unternehmen für kurzfristige Verträge ein und machte Leistungen der Arbeitslosenversicherung von einer aktiven Arbeitssuche abhängig.
Im Februar 2023 knüpfte die Regierung das Arbeitslosengeld an die nationale Arbeitslosenquote. Im Rahmen der neuen Änderungen würden Arbeitslose 25 Prozent ihrer monatlichen Leistungen verlieren, wenn die nationale Arbeitslosenquote unter einen Schwellenwert von 9 Prozent fällt – ein Anreiz für sie, die Arbeitssuche zu beschleunigen.
Gleichzeitig hat die Regierung Personen, die ihre Stelle ohne Vorankündigung verlassen haben, den Bezug von Leistungen untersagt. Außerdem werden Arbeitnehmern mit befristetem Arbeitsvertrag, die innerhalb eines Jahres zweimal eine unbefristete Stelle ablehnen, die Leistungen verweigert.
Im Rahmen des neuen „Pakts für das Leben am Arbeitsplatz“ soll eine neue Reform eingeführt werden, die auf die arbeitsmarktfernen Personen abzielt. Deren einzige Möglichkeit zum Überleben ist eine staatliche monatliche Leistung von 600 Euro. Nach dem neuen Gesetz wäre der Erhalt des Geldes an die wöchentliche Ableistung von 15 bis 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit gebunden.
Martinot ist der Ansicht, dass „die Regierung seit Macrons Amtsantritt viel getan hat, um den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.“ Für ihn sind die jüngsten Arbeitslosenzahlen eine Folge der durchgeführten Strukturreformen.
In der Tat waren die Arbeitslosenzahlen seit der Finanzkrise 2008 noch nie so niedrig wie heute. Während der größte Teil der 2010er-Jahre von einer Arbeitslosenquote von 10 Prozent geprägt war, begann sich die Lage ab 2017 zu verbessern. Im März 2023 lag sie bei 7 Prozent – nur noch 0,1 Prozent von den Zahlen vor der Krise von 2008 entfernt.
Allerdings sind die Arbeitslosenzahlen in der gesamten EU aufgrund einer robusten fiskalischen Reaktion auf die Pandemie zurückgegangen, was es schwierig macht, den genauen Grund für den Rückgang der Arbeitslosigkeit zu ermitteln.
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Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung
Macron hat nicht nur den Zugang zu Arbeitslosengeld verschärft, sondern seit 2017 auch die Weiterbildung gefördert und damit die Nichtlinearität moderner Karrierewege anerkannt.
Die Kündigung eines Arbeitsverhältnisses, um ein Unternehmen zu gründen oder eine Umschulung in einem neuen Sektor zu absolvieren, wurde erleichtert. Die finanzielle Belastung einer solchen Entscheidung wurde durch staatliche Mittel gemildert.
Dazu gehören auch größere Investitionen, um jungen Menschen den Zugang zu einem ersten Arbeitsplatz zu erleichtern: Die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen liegt im Land seit jeher über dem EU-Durchschnitt. Im März 2023 lag diese Zahl in Frankreich bei 17,9 Prozent und in der EU bei 14,3 Prozent.
Am Donnerstag kündigte Macron neue Maßnahmen zur Förderung der beruflichen Bildung an, darunter auch höhere Gehälter. Ein Drittel aller 16- bis 18-jährigen Schüler besucht derzeit Berufsschulen.
„Es handelt sich nicht nur um eine Reform, sondern um eine Sache von nationaler Bedeutung“, sagte der Präsident.
Letztlich geht es bei der Reform des „Lebens am Arbeitsplatz“ um Macrons Absicht, Frankreich bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2027 zur „Vollbeschäftigung“ zu führen – was nach seinen Angaben bei einer Arbeitslosenquote von etwa 5 Prozent erreicht werden würde.
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Problem der Unternehmenskultur
Hinter der Debatte über die Arbeitslosigkeit verbirgt sich jedoch eine komplexere und schwerer zu fassende Frage: die nach dem Wert der Arbeit und dem Gefühl der Erfüllung, das sie im Leben der Arbeitnehmer vermittelt.
„Beschäftigung und Arbeit sind zwei verschiedene Dinge“, sagte Martinot. Erstere – wie beispielsweise die Höhe der Arbeitslosigkeit – lässt sich leicht quantifizieren, aber die Arbeitsbedingungen und der innere Sinn, den die Menschen in ihrer Arbeit sehen, sind eine ganz andere Sache.
Und „es gibt nicht viel, was die Regierung tun kann“, um die Menschen dazu zu bringen, ihre Arbeit zu mögen, wenn nicht gleichzeitig ein Umdenken in Unternehmen stattfindet.
Die Arbeitsökonomin Malo Mofakhami erklärte gegenüber EURACTIV: „Die Arbeitszufriedenheit ist in Frankreich sehr niedrig, weil die bestehende Unternehmenskultur nicht auf den Sinn der Arbeit eingeht.“
Europaweite Umfragen zeigen, dass Frankreich bei der Frage nach der Bedeutung der Arbeit im Leben einen hohen Platz einnimmt, obwohl es bei den Arbeitsbedingungen sehr niedrig abschneidet.
„Die Möglichkeiten, Arbeit und Freizeit miteinander zu vereinbaren, sind [in Frankreich] schlechter als in allen anderen EU-Mitgliedstaaten. Auch Karriereperspektiven und Weiterbildungen sind „strukturell schwächer“ als im Rest der EU, schrieb Malokhami in einer wissenschaftlichen Arbeit, die diese Woche veröffentlicht werden soll.
Nach Ansicht der Experten ist eine radikale Überarbeitung der Unternehmenskultur von entscheidender Bedeutung. Dabei sollte den Arbeitnehmern mehr Autonomie eingeräumt und die hierarchischen Strukturen abgeflacht werden.
Einem Bericht der Jean-Jaures-Stiftung zufolge liegt der Anteil der französischen Arbeitnehmer, die ihre Arbeit als „sehr wichtig“ ansehen, heute bei 24 Prozent. 1990 waren es noch 60 Prozent.
Macrons neuer „Pakt“ soll das verbessern, was sich nur schwer quantifizieren lässt: Er sieht Maßnahmen gegen Berufsmüdigkeit und für den Verbleib älterer Arbeitnehmer vor. Außerdem sollen die Löhne erhöht und der soziale Dialog wiederbelebt werden, nachdem die Gewerkschaften den Verhandlungstisch in Sachen Rentenreform verlassen haben.
Dies könnte jedoch zu wenig Substanz haben, warnen Experten. Sie befürchten, dass der Verweis auf Gesetze an der Sache vorbeigeht. Martinot fasst es so zusammen: „Um den Arbeitnehmern mehr Spielraum zu geben und den sozialen Dialog zu fördern, bedarf es eines kulturellen Wandels, nicht eines legislativen.“
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[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]