Lufttaxi-Pleite zeigt Herausforderungen der europäischen Industriestrategie

Der deutsche Lufttaxi-Entwickler Lilium hat diese Woche Insolvenz angemeldet. Damit werden erneut die Herausforderungen Europas bei der Entwicklung neuer Technologien und der Förderung neuer Industrie-Champions deutlich.

EURACTIV.com
Lilium EVTOL At Farnborough Airshow
Das Unternehmen, das Lufttaxis entwickelt, vermarktete diese als dekarbonisierte Lösung für die Verkehrsüberlastung in den europäischen Megastädten. [Richard Baker / In Pictures via Getty Images]

Der deutsche Lufttaxi-Entwickler Lilium hat diese Woche Insolvenz angemeldet. Damit werden erneut die Herausforderungen Europas bei der Entwicklung neuer Technologien und der Förderung neuer Industrie-Champions deutlich.

Europäische Entscheidungsträger setzen auf eine europaweite Industriestrategie, um der Deindustrialisierung entgegenzuwirken und die Dekarbonisierung zu fördern. Öffentliche Gelder fließen dabei gezielt in nachhaltige Technologien und Unternehmen, um deren Entwicklung zu unterstützen.

In Deutschland gehörte Lilium zu den Unternehmen, die von dieser Förderung profitierten. Das Start-up, das an der Entwicklung von Lufttaxis arbeitete, präsentierte seine Technologie als umweltfreundliche Lösung für Verkehrsprobleme in den Metropolen Europas.

Durch Kooperationen mit der Europäischen Weltraumorganisation (European Space Agency, ESA), der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen und einem vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr finanzierten Projekt zog Lilium bereits politisches Interesse auf sich. Diese Partnerschaften sollten dazu beitragen, auch private Investitionen anzuziehen, und führten im Sommer 2022 zum Börsengang des Unternehmens.

Allerdings schrieb das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2015 technisch gesehen nie schwarze Zahlen.

Nachdem ein Antrag auf staatliche Unterstützung vom Haushaltsausschuss des Bundestags abgelehnt wurde, meldete das Unternehmen am Montag (28. Oktober) Insolvenz an. Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundesfinanzminister Christian Lindner hatten dem Unternehmen zuvor ihre Unterstützung für ein staatlich abgesichertes Darlehen in Höhe von 50 Millionen Euro zugesagt, wie Der Spiegel berichtete.

Unterstützung der richtigen Technologien

In Europa herrscht ein breiter Konsens über die Notwendigkeit, neue klimafreundliche Technologien zu unterstützen. Allerdings weisen Experten darauf hin, dass die Umsetzung einer solchen Industriestrategie mit einigen Herausforderungen konfrontiert werden könne.

Dies gilt insbesondere für öffentliche Geldgeber. Diese müssen rationale Entscheidungen darüber treffen, welche Technologien und Unternehmen am ehesten in der Lage sind, ein gesellschaftliches Problem wirtschaftlich anzugehen und somit erfolgreich zu sein.

In Deutschland zeigten sich Politiker begeistert von den Lufttaxi-Prototypen von Lilium und Volocopter, einem weiteren deutschen Start-up. Auf Messen und Gipfeln präsentierten die Unternehmen ihre Lufttaxis als Beweis für deutsche Ingenieurskunst und als mögliche Lösung zur Entlastung des Stadtverkehrs.

Jedoch äußerten Experten schon früh Zweifel an der Praktikabilität von elektrischen Lufttaxis infrage gestellt. So wurden Bedenken geäußert, ob senkrecht startende Flugzeuge (VTOL) ihre Umweltversprechen wirklich einhalten können, da die ökologischen Vorteile der Technologie davon abhängen, wie sie genutzt werden.

Eine Studie der University of Michigan ergab beispielsweise, dass elektrisch betriebene Senkrechtstarter (VTOL) auf Strecken unter 35 Kilometern mehr Emissionen verursachen als benzinbetriebene Autos, womit eine Nutzung der neuen Technologie als Lufttaxis keine klimafreundliche Lösung darstellt.

Zum Vergleich: Ein Berliner Taxi legt täglich durchschnittlich 150 Kilometer zurück, verteilt auf viele kurze Fahrten.

„Elektrische Senkrechtstarter (eVTOL) werden die Verkehrsstaus in der EU wahrscheinlich nicht verringern, da jede Lufttaxifahrt sehr teuer wäre“, erklärte Jayant Mukhopadhaya, leitender Luftfahrtforscher beim Think-Tank International Council on Clean Transportation (ICCT), gegenüber Euractiv.

Daher würden Flugtaxis möglicherweise keine wirtschaftliche Alternative zu bestehenden städtischen Mobilitätsoptionen dar. Zudem seien, laut Mukhopadhaya, die Herstellung und der Betrieb teuer. Ein chinesisches eVTOL-Modell von EHang koste beispielsweise 410.000 US-Dollar (379.100 Euro) pro Stück.

„Sie werden mehr Strom verbrauchen als batteriebetriebene Elektrofahrzeuge, insbesondere bei kurzen Strecken“, so der Experte.

Innovationshürden

Selbst wenn öffentliche Fördermittel die „richtigen“ Technologien unterstützen, verlaufen Entwicklung und Skalierung oft anders als geplant.

Das Unternehmen Volocopter, welches sich als erster Anbieter von Lufttaxis in Europa positionieren wollte, plante für die Olympischen Spiele in Paris einen Service und führte letztlich nur einen kurzen Demoflug über dem Anwesen von Versailles durch.

Volocopter-CEO Dirk Hoke machte „einen amerikanischen Zulieferer für die Absage verantwortlich“, der sein Versprechen nicht einzuhalten konnte.

Gleichzeitig bringt die Skalierung neuer Technologien oft größere Veränderungen mit sich – abgesehen vom Produkt selbst. In Deutschland erschweren regulatorische Vorgaben den praktischen Einsatz von Lufttaxis.

Zudem ist auch der Luftraum nicht frei zugänglich. Die deutsche Flugsicherung schreibt einen Mindestabstand von 300 Metern zwischen einem Lufttaxi und anderen Luftfahrzeugen vor.

Insgesamt sind die Unwägbarkeiten einer solchen Industriestrategie jedoch nicht nur negativ. Sie können auch unerwartete positive Ergebnisse bringen.

„Ein möglicher positiver Nebeneffekt der Entwicklung von elektrischen senkrecht startenden Flugzeugen […] könnte darin bestehen, dass die von [ihnen] geforderte Batterietechnologie den Stand der Technik bei der Entwicklung leichterer Batterien vorantreiben könnte“, sagte Mukhopadhaya und verwies damit auf eine entscheidende Technologie für die Energiewende.

[Bearbeitet von Donagh Cagney/Martina Monti/Jeremias Lin]