Kubanische Ärzte in Italien: Europaabgeordnete warnen vor "Sklaverei"

Eine Gruppe EU-Abgeordneter hat den Gouverneur der italienischen Region Kalabrien aufgefordert, die Folgen der Entscheidung zu überdenken, zur Behebung des Personalmangels im Gesundheitswesen kubanische Ärzt:innen anzuheuern. Die Parlamentarier:innen warnen vor Ausbeutung.

Euractiv.com
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In der Kooperationsvereinbarung, die auf der Website der Region zu finden ist, heißt es, dass Kalabrien 4.700 Euro pro Monat für die von jedem Arzt geleistete Arbeit zahlen werde. [<a href="https://www.shutterstock.com/it/image-photo/havana-cuba-0330-cuban-doctors-who-1950191413" target="_blank" rel="noopener">[SHUTTERSTOCK/YANDRY_KW]</a>]
Eine Gruppe EU-Abgeordneter hat den Gouverneur der italienischen Region Kalabrien aufgefordert, die Folgen der Entscheidung zu überdenken, zur Behebung des Personalmangels im Gesundheitswesen kubanische Ärzt:innen anzuheuern. Die Parlamentarier:innen warnen vor Ausbeutung.

Angesichts der Personalknappheit im Gesundheitswesen haben die regionalen Behörden in Kalabrien im August eine Kooperationsvereinbarung mit dem kubanischen staatlichen Vermittlungsunternehmen Comercializadora de Servicios Médicos Cubanos (CSMC) über die Einstellung von 497 Ärzt:innen geschlossen.

Eine Gruppe von Europaabgeordneten warnte in einem Schreiben an den kalabrischen Gouverneur Roberto Occhiuto vor dieser „inakzeptablen Lösung“ des Problems, da diese sowohl den Gesundheitsschutz der Bürger:innen untergraben als auch die Region an der Ausbeutung von Arbeitskräften mitschuldig machen würde.

„Wir wissen sehr wohl, dass die Unterzeichnung eines Abkommens mit Kuba im Grunde genommen einer Billigung von Formen der Sklaverei gleichkommt“, sagte die italienische Abgeordnete Laura Ferrara, Mitglied des Ausschusses für Bürgerrechte des Europäischen Parlaments (LIBE) und eine der Mitunterzeichner:innen des Briefs.

In der Kooperationsvereinbarung, die auf der Website der Region zu finden ist, heißt es, dass Kalabrien 4.700 Euro pro Monat für die von jedem Arzt oder Ärztin geleistete Arbeit zahlen werde.

Allerdings erhalten die Ärzt:innen nur 1.200 Euro zur Erstattung ihrer Ausgaben und Kosten in Italien, während die restlichen 3.500 Euro an das staatliche Unternehmen fließen.

„Die kubanischen Ärzt:innen, die nach Kalabrien geschickt werden, erhalten weniger als ein Drittel dessen, was die Region normalerweise für Ärzte zahlt“, sagte die Abgeordnete der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung.

Außerdem werde mit den Kubaner:innen auf eine Weise umgegangen, die ihre persönliche Freiheit einschränke.

„Ihnen wird es nicht erlaubt, das Hotel, in dem sie untergebracht sind, zu verlassen; sie dürfen keine Beziehungen zu anderen Menschen haben und auf keinen Fall außerhalb der Arbeitszeiten mit ihnen in Kontakt treten; sie dürfen kein Auto fahren“, sagte Ferrara.

„Sie müssen die kubanische Regierung sogar informieren, wenn sie während der Mission eine Liebesbeziehung mit einer anderen Person eingehen, und sie dürfen die Mission nicht vor ihrem vorgesehenen Ende beenden“, fügte sie hinzu.

In einer am 16. September 2021 angenommenen Resolution des Europäischen Parlaments betonten die Abgeordneten, dass „der kubanische Staat weiterhin systematisch die Arbeits- und Menschenrechte seines Gesundheitspersonals verletzt, das für medizinische Missionen ins Ausland entsandt wird, was laut UNO [den Vereinten Nationen] moderner Sklaverei gleichkommt.“

Ein kürzlich erschienener Bericht der Human Rights Foundation beklagte ein System des ‚Menschenhandels‘ bei Kubas medizinischen Missionen, die zur Haupteinnahmequelle der Regierung im Ausland geworden sind und gleichzeitig die Legitimität und internationale Unterstützung des Regimes stärken.

Anerkennung von Berufsqualifikationen schwierig

Die Präsident:innen der Berufsverbände von Ärzt:innen und Zahnärzt:innen in der Region Kalabrien äußerten derweil starke Bedenken hinsichtlich der Qualität der ärztlichen Versorgung der Bürger:innen durch kubanisches Personal.

Verfahren zur Überprüfung und Anerkennung der im Ausland erlangten Qualifikationen im Gesundheitsbereich sind für die Berufsausübung von Ärzten in jedem EU-Land unerlässlich.

Während jedoch 2005 in einer Richtlinie ein europäischer Rahmen für die Anerkennung von Berufsqualifikationen geschaffen wurde, sind die Verfahren mit Drittländern oft weniger gut definiert.

„Es ist nicht einmal bekannt, ob diese Art von Gleichwertigkeit überprüft wurde oder ob es Integrationsprüfungen gibt, die Ärzte ablegen müssen, wenn sie von einem EU-Land in ein anderes ziehen“, so Ferrara.

Das andere Problem ist die Sprache, ein Schlüsselaspekt in der Beziehung zwischen Ärzten und Patient:innen. Präsident Occhiuto sagte, die Universität von Kalabrien werde Sprachkurse organisieren, um dieses Problem zu lösen.

„Aber eine gründliche Beherrschung der italienischen Sprache lernt man nicht über Nacht, sondern sie braucht Zeit“, sagte Ferrara.

Kalabrien: eine ‚medizinische Wüste‘

Einer der Hauptgründe dafür, dass Kalabriens Regierung überhaupt auf die kubanischen Ärzt:innen zurückgreifen muss, ist das Scheitern der jüngsten Ausschreibungen für freie Stellen in der Region, die zu den ärmsten Italiens gehört. So gingen für viele freie Stellen als Ärzt:innen keine Bewerbungen ein.

Diese Situation ist im Gesundheitswesen als ‚medizinische Wüste‘ bekannt und bezeichnet einen Mangel an medizinischem Personal oder medizinischen Dienstleistungen in bestimmten geografischen Gebieten, meist in ländlichen und abgelegenen Regionen.

„Dies ist eine der größten Herausforderungen, vor denen wir stehen“, sagte Natasha Azzopardi-Muscat, Direktorin der Abteilung für Gesundheitspolitik und -systeme der Länder in der Europäischen Sektion der Weltgesundheitsorganisation (WHO), kürzlich gegenüber EURACTIV.

Ferrara zufolge fehle es an Anreizen für Ärzte, nach Kalabrien zu ziehen, insbesondere, was die Vertragsbedingungen betreffe.

„Das Problem des kalabrischen Gesundheitssystems könnte besser angegangen werden, indem man unbefristete Arbeitsverträge anstelle von befristeten Verträgen ausschreibt“, sagte die Abgeordnete.

Bessere Daten über die Beschäftigung von Fachkräften im Gesundheitswesen auf subnationaler Ebene spielen laut einem 10-stufigen Aktionsplan, der von der europäischen Sektion der WHO veröffentlicht wurde, eine wichtige Rolle bei der Behebung solcher „medizinischer Wüsten.“

Auch die Unterzeichner des Briefes sind der Meinung, dass das Problem in Europa angegangen werden müsse. „Bevor die Europäische Kommission mit einer Warnung oder etwas anderem eingreift, ist es wichtig, rechtzeitig auf regionaler Ebene zu handeln“, so Ferrara abschließend.

[Bearbeitet von Alice Taylor]