Korrespondenten der DDR in Bonn

Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte, das wenig bekannt ist: Es gab nicht nur Korrespondenten westdeutscher Medien, die aus der DDR, sondern auch Korrespondenten von DDR-Medien, die aus Bonn berichteten. Wie sie beim “Klassenfeind” am Rhein lebten, unter welchem Druck sie arbeiteten, wie sie im Visier der Geheimdienste von Ost und West standen und natürlich selber der Spionage verdächtig waren, erinnert an Agentenfilme aus dem Kalten Krieg. Aber es war Realität.

Einer der Höhepunkte für die DDR-Journalisten in Bonn war der Besuch von Volkskammerpräsident Horst Sindermann (Mitte) 1986. Neben Sindermann: Hans-Jochen Vogel, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion (Foto: Archiv)
Einer der Höhepunkte für die DDR-Journalisten in Bonn war der Besuch von Volkskammerpräsident Horst Sindermann (Mitte) 1986. Neben Sindermann: Hans-Jochen Vogel, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion (Foto: Archiv)

Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte, das wenig bekannt ist: Es gab nicht nur Korrespondenten westdeutscher Medien, die aus der DDR, sondern auch Korrespondenten von DDR-Medien, die aus Bonn berichteten. Wie sie beim “Klassenfeind” am Rhein lebten, unter welchem Druck sie arbeiteten, wie sie im Visier der Geheimdienste von Ost und West standen und natürlich selber der Spionage verdächtig waren, erinnert an Agentenfilme aus dem Kalten Krieg. Aber es war Realität.

Die DDR-Korrespondenten aus der BRD und die BRD-Korrespondenten aus der DDR: Sie waren nicht nur Beobachter, sondern durch ihre Arbeit auch Akteure deutsch-deutscher Politik.

Die Konstellation der westdeutschen Korrespondenten in der DDR und der DDR-Korrespondenten in Westdeutschland war weltweit wohl einmalig. Sie wurden vom Gastland beschattet, aber auch von den eigenen Leuten beobachtet, und sie standen selbstverständlich im Ruf, Spionageaufträge zu haben.

Dieser unglaubliche Druck als Arbeitsbedingung – obwohl sie als überzeugte Genossen doch zu den verlässlichsten Leuten der DDR gehört haben. Bei vielen Druckerzeugnissen und Presseleuten kann man durchaus etymologisch ins Grübeln kommen, wie Druck und Presse in mehrfacher Bedeutung letztlich doch die dieselbe Wurzel haben.

Pikant war, dass die DDR-Journalisten, obwohl Deutsche in Deutschland, in Bonn als Auslandskorrespondenten agierten. Dazu hatte es besonders heftige Diskussionen gegeben. In der Bundespressekonferenz (BPK) der deutschen Parlamentsberichterstatter wollten und durften die DDR-Journalisten keinesfalls mitmachen, das war mit dem Selbstverständnis der DDR als souveränes Ausland unvereinbar.

Kampf um Status: Inlands- oder Auslandspresse?

Doch gegen ihren Beitritt zur Auslandspresse gab es große Vorbehalte im Bonner Politikbetrieb. Deutsche auf deutschem Boden als Auslandsjournalisten, BRD und DDR füreinander Ausland, das war in Bonn mit dem Ziel der Wiedervereinigung nicht vereinbar. Das Bundespresseamt war nicht bereit, die Journalisten aus der DDR als Auslandskorrespondenten zu akkreditieren.

Erst mit Hilfe des Grundlagenvertrags (1972) fand sich ein Weg für die Mitgliedschaft der DDR-Kollegen im Verein der Auslandspresse (VAP). In diesem Berufsverband hatten sie die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen 500 Korrespondenten aus 70 Ländern dieser Welt. Es gab weder Bevorzugungen noch Einschränkungen.

Der einzige Vorteil, den die Kollegen gegenüber den anderen Vertretern der Weltpresse genossen, war ihre Sprache. Andere Auslandskorrespondenten mühten sich im Gastland mit Deutsch als Fremdsprache ab; Schweizer, Österreicher und die DDR-Vertreter hatten es da einfacher.

Sensible Pressetermine

Wer hier nun lesen möchte, dass die DDR-Journalisten von brisanten Hintergrundgesprächen mit bundesdeutschen Politikern, von Pressefahrten in die Bundesländer oder von VAP-Terminen im Bundeskriminalamt, im Bundesnachrichtendienst oder beim Verfassungsschutz ausgeschlossen gewesen wären, muss enttäuscht werden.

Auch wer sich vorstellt, die DDR-Kollegen hätten mit ihren Fragen bei Politikerterminen vielleicht in Kategorien von Klassenkampf und Kaltem Krieg agitiert, muss ebenfalls korrigiert werden. Selbst bei Besichtigungsfahrten in möglicherweise sensible Betriebe fielen die DDR-Kollegen nicht dadurch auf, dass sie allzu viele Fotos gemacht hätten, wie man das von manchen chinesischen Besuchern westlicher Industriemessen kennt.

Als Mitglieder des VAP hatten sie auch ganz normalen Zugang zu den Regierungspressekonferenzen in der Bundespressekonferenz. Diesen Zugang hatten (und haben) ausschließlich die Mitglieder der BPK und des VAP. Sogar am Bundespresseball, dem wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Jahres mit enger Nähe zur geballten politischen Prominenz, durften sie als VAP-Mitglieder teilnehmen. 

Wenn DDR-Korrespondenten bei den vom VAP organisierten Terminen dabei waren, verhielten sie sich ganz normal und professionell. Ich glaube, sie wussten diese Gesprächstermine der Auslandspresse sehr zu schätzen. Denn eigene Interviews mit bundesdeutschen Politikern zu bekommen, war für sie recht schwierig, meist aussichtslos.

Was sie dann über VAP-Gespräche schrieben beziehungsweise was in ihrem Medium unter ihrem Namen erschien, das konnte und wollte der VAP nicht kontrollieren. Solche Kontrollen gab es in der mehr als hundertjährigen Geschichte des VAP aber auch sonst nie und wird es auch nie geben.

Ausschluss um Mitternacht 

Die Mitgliedschaft endete aber um Mitternacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990. Denn mit dem Ende der DDR und dem Tag der deutschen Einheit waren sie über Nacht keine Auslands-, sondern Inlandsjournalisten geworden. Beitritt zur BRD = Austritt aus dem VAP. Für die weitere Mitgliedschaft fehlten eben die Voraussetzungen.

Einer der DDR-Korrespondenten, Horst Schäfer von der Ostberliner Nachrichtenagentur ADN, war 1990 sogar Mitglied des VAP-Vorstands. Er hatte für diese Position kandidiert und war von der VAP-Generalversammlung auch prompt in das Gremium gewählt worden.

Per 2. Oktober 1990 musste natürlich auch er ausscheiden. Auf seinen frei gewordenen Platz im Vorstand rückte am 3. Oktober automatisch der amerikanische Kollege Don Jordan nach, das Mitglied mit der nächsthöheren Stimmenzahl der VAP-Generalversammlung.

Ich war damals Vorsitzender des VAP. Dieser historische Moment und die "Ausladung" der DDR-Kollegen war uns schon einen Sektumtrunk wert. In der letzten Vorstandssitzung mit Horst Schäfer stießen wir auf das Ende eines VAP-Kapitels an und wünschten ihm und seinen Kollegen alles Gute für die Zukunft.

Den Rest der VAP-Mitgliedsgebühr für die Monate Oktober bis Dezember 1990 erhielten sie ordnungsgemäß rückerstattet. Das hätten sie sich Anfang des Jahres, als sie den Mitgliedsbeitrag für 1990 einzahlten und von Wiedervereinigung noch kaum die Rede war, wohl nie träumen lassen.

Im Pendant der deutschen Inlandskorrespondenten zum VAP, der Bundespressekonferenz (BPK), wurden sie aber nicht automatisch übernommen. Sie mussten einzeln ihre Mitgliedschaft beantragen und die Voraussetzungen belegen. Genau so wie jeder andere Neueintritt in der BPK auch. Es gab keine Sonderregelung. Ich hatte den Eindruck, sie empfanden das als ziemlich entwürdigend.

Nur zwei Wohnadressen in Bonn

Die DDR-Korrespondenten wohnten in der damaligen Bundeshauptstadt nur an zwei Adressen: Zum Teil am Bismarckturm in Bonn/Bad Godesberg in zwei Mietwohnungen eines Drei-Parteien-Hauses, wobei die Hauseigentümer und Vermieter selbst im Erdgeschoß wohnten, und zum Teil in Wachtberg-Villip, einem Dorf nahe Bad Godesberg.

Ihre Büros hatten sie im Pressehaus II im Tulpenfeld, dem Bonner Regierungsviertel, inmitten der anderen Parlamentskorrespondenten aus dem In- und Ausland. Meist hielten sie die Bürotüren geschlossen, wogegen fast alle anderen Journalisten ihr Büro gern offenhielten, um am Flurfunk nichts an neuen Nachrichten oder Gerüchten zu verpassen. Der eine oder andere DDR-Kollege fiel dann doch durch eine offenstehende Türe auf. Vereinzelte Versuche, etwas Normalität hineinzubringen…

Das Tabu-Buch mit den Sprachregelungen

Für die DDR-Kollegen galten viele Sprachregelungen. Weil sie sich nicht alle merken konnte, gab es etwa bei ADN, dem Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst, ein richtiges Tabu-Buch.

Dass Zwischenfälle an der Mauer zu den Tabus zählten, war noch nachvollziehbar. Aber auch Meinungsverschiedenheiten unter westdeutschen Friedensbewegungen mussten totgeschwiegen werden. Kritik an der chinesischen Führung oder an Willy Brandt und sogar am bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (der ja den berühmten Milliardenkredit für die DDR eingefädelt hatte) war zeitweise untersagt.

Das Wort "Rotstift" war untersagt

Wenn die Korrespondenten über Streichungen im Bonner Haushalt schrieben, durften sie nie das Wort "Rotstift" verwenden.

Auch Reportagen über westdeutsche Landschaften waren untersagt, sie hätten das Fernweh der DDR-Bürger fördern können.

Dagegen mussten die DDR-Journalisten bei jeder Erwähnung Erich Honeckers dessen Funktionen angeben, und zwar voll ausgeschrieben und in der richtigen Reihenfolge: "Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR". Sie wussten selbst: Das killt jede Nachrichtenmeldung.

Die Bonn-Besuche von DDR-Spitzenpolitikern verliefen für die DDR-Korrespondenten sehr unterschiedlich. Die einen Politiker gaben offen zu, vor den westlichen Medien Angst zu haben, und erbaten sich Tipps für den Umgang mit den Bonner Journalisten. Andere ignorierten die eigenen Korrespondenten in Bonn und ließen vom mitgebrachten Hofberichterstatter nur vorgefertigte Pressemeldungen verbreiten.

Die Journalistennamen gehörten oft der SED

Der eigene Name war nicht das alleinige Eigentum des DDR-Korrespondenten, sondern ein Instrument der Politik. Da kam der Autorenname unter Artikel, die der Korrespondent selber nie gesehen, geschweige denn geschrieben hatte. Sie stammten in der Regel vom ZK der SED. Das passierte, wenn die ADN-Zentrale im Auftrag der Partei Beiträgen besonders Gewicht beimessen wollte. Oder im Gegenteil, wenn die Zentrale sich distanzieren und eine Meldung als persönliche Meinung eines einzelnen darstellen wollte. Auf diese Praxis hatten die DDR-Kollegen, mit deren Namen operiert wurde, in der Regel keinerlei Einfluss.

Von den meisten der westlichen Kollegen in Bonn wurden sie anfangs mit Skepsis und Misstrauen beäugt. Erst langsam und zögernd entwickelten sich sogar einige kollegiale Freundschaften. Die westdeutschen Büronachbarn wollten gelegentlich manche Vorgänge in der DDR erläutert haben. Das war stets gefährlich. Westdeutsche Journalisten waren für die DDR nichts als "Soldschreiber des Großkapitals”. 

Unter doppelter Kontrolle der Geheimdienste

Regelmäßig wurden die DDR-Journalisten beschattet – und zwar von beiden Seiten. Sie standen in Bonn unter doppelter Kontrolle der Geheimdienste.

Die Mitarbeiter der Ständigen Vertretung – sie hatte die Funktion der DDR-Botschaft in Bonn – waren selbst strengen Regeln unterworfen. Sie durften beispielsweise nur zu zweit einkaufen gehen. Aber die DDR-Journalisten waren "Frei Bewegliche" – und mussten daher speziell kontrolliert werden.

Wie, das war ziemlich perfide: Nach dem Überlaufen Hans-Joachim Tiedges in die DDR wurde den Korrespondenten mitgeteilt, der Spion habe die Frequenz mitgebracht, über die die Autos des bundesdeutschen Verfassungsschutzes Bewegungsmeldungen an ihre Zentrale geben. Ob das tatsächlich zutraf, wussten die Korrespondenten nicht. Dennoch mussten sie wöchentlich alle ihre Autobewegungen aufzeichnen, die dann mit den Informationen der Berliner Stasi-Zentrale verglichen wurden.

Die Sicherheitsbeauftragten der Ständigen Vertretung in Bonn meldeten nach Berlin sogar, wann welcher Korrespondent was in welchem Kaufhaus zu welchem Preis erstand.

Telefonate zweifach abgehört 

Telefongespräche wurden häufig oder immer abgehört. Selbst bei ihren Heimatbesuchen in Berlin mussten die DDR-Korrespondenten damit rechnen, dass sie beobachtet und abgehört werden.

Aber auch der Westen beobachtete die DDR-Korrespondenten relativ genau und hörte zumindest phasenweise ihre Gespräche ab. Das Bundesamt für Verfassungsschutz – es gab mindestens einen Anwerbeversuch für Spionagetätigkeit – registrierte sehr wohl, welchen Umgang der eine oder andere Journalist aus der DDR pflegte. Die "Betreuung" durch den Verfassungsschutz dürfte indes nicht permanent, sondern nur stichprobenartig erfolgt sein.

Außer mit Ost- und Westagenten hatten sie es aber auch mit Doppelagenten zu tun. Es gab Fälle von versuchter Anwerbung von DDR-Korrespondenten durch den bundesdeutschen Verfassungsschutz. Ein verbürgter Versuch fand völlig unbeachtet am Rheinufer in Bonn/Bad Godesberg statt. Der angesprochene DDR-Korrespondent lehnte trotz des guten Honorars das Angebot ab, weil er sein Land nicht verraten wollte.

"Bewegliche" unter Generalverdacht

Er wunderte sich sehr viel später, dass Details aus dieser Unterredung, die niemand sonst gehört haben kann, nach Ostberlin berichtet wurden. Jemand hatte den Anwerbeversuch von der Rheinpromenade gemeldet, nannte dabei aber nicht den Namen des angesprochenen Kollegen. Dies hätte nämlich zur Folge gehabt, dass der Korrespondent – obwohl er abgelehnt hatte – sofort zurückbeordert worden wäre.

Der Informant teilte nur mit, dass es "ein Beweglicher" gewesen sei. "Bewegliche" waren eben nur die paar Journalisten und ein paar Handelsleute. Somit fiel auf alle "Beweglichen" ein Generalverdacht.

Der Anwerber des west- und der Informant des ostdeutschen Dienstes waren ein und dieselbe Person – ein klassischer Fall von Doppelagent.

Nicht nur, dass die DDR-Korrespondenten ständig das Ziel der östlichen und westlichen Geheimdienste waren, sie standen darüber hinaus auch unter Generalverdacht, selbst Spione zu sein.

Einer der Kollegen schilderte mir, wie aus dem Wohnhaus gegenüber seiner Mietwohnung ein Nachbar überzeugt war, dass er und seine Frau Spione seien. Es habe sich um einen pensionierten Bonner Beamten gehandelt, der penetrant alle ihre Bewegungen registrierte und notierte. Er tat dies auch gar nicht versteckt, wollte ihnen damit offenbar ständig signalisieren, dass sie unter Beobachtung stünden.

Die Lebenswege einiger der DDR-Korrespondenten beschäftigen uns noch in dieser Serie.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: [email protected] oder [email protected]

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