Kohls Balanceakt in Dresden
Es war ein riskantes Spiel, das Bundeskanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 in Dresden gewagt hat. Der politische Balanceakt hätte ganz leicht außer Kontrolle geraten können und wirft bis heute einige Fragen auf. Während Kohl erstmals vor Publikum von der Einheit sprach, schmollte Francois Mitterrand. Er wollte nicht mit Kohl durchs Brandenburger Tor gehen.
Es war ein riskantes Spiel, das Bundeskanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 in Dresden gewagt hat. Der politische Balanceakt hätte ganz leicht außer Kontrolle geraten können und wirft bis heute einige Fragen auf. Während Kohl erstmals vor Publikum von der Einheit sprach, schmollte Francois Mitterrand. Er wollte nicht mit Kohl durchs Brandenburger Tor gehen.
Kohls Rede neben den Trümmern der Dresdner Frauenkirche gilt als Wendepunkt im Streben nach deutscher Einheit. Der Kanzler platzierte den entscheidenden Satz vorsichtig in der Mitte seiner viertelstündigen Ansprache: "Mein Ziel bleibt – wenn es die geschichtliche Stunde zulässt – die Einheit unserer Nation.“
Wettlauf mit Francois Mitterrand
Es war Kohls erster Besuch in der DDR. Eigentlich hätte er auch jetzt, sechs Wochen nach dem Mauerfall, immer noch keine Zeit dazu gehabt, weil er ständig außenpolitische Termine zu absolvieren, den Zehn-Punkte-Plan zu formulieren und Geschichte zu machen hatte.
Aber er stand mächtig unter Konkurrenzdruck. Francois Mitterrand wollte das erste Staatsoberhaupt einer westlichen Siegermacht des Zweiten Weltkriegs sein, das der DDR einen Besuch abstattete. Der französische Präsident setzte den zweitägigen Besuch in Berlin und Leipzig kurzfristig für den 21. und 22. Dezember an. Das versetzte Kohl in Zugzwang. Er konnte keinesfalls zulassen, dass Mitterrand noch vor ihm das Brandenburger Tor durchschreiten würde. So zwängte er den Dresden- und Berlin-Trip in seinen Terminkalender – gerade noch vor Mitterrands Ankunft in der DDR, gerade noch rechtzeitig, um ihm die Show zu stehlen.
Einige Merkwürdigkeiten
Einige Merkwürdigkeiten der Dresden-Reise vom späten Nachmittag des 19. Dezember 1989 bleiben im Gedächtnis haften.
Eigenartig, wie undifferenziert etwa der „Spiegel“ über den Dresden-Termin schreibt: „Bei seinem ersten offiziellen DDR-Besuch im Dezember 1989 brach Helmut Kohl mit einer als historisch geltenden Rede die Herzen der Ostdeutschen.“
Liest man heute den Wortlaut dieser Rede, gibt es nichts einzuwenden. Sie war wohldosiert zwischen den Erwartungen von DDR-Bürgern und der Rücksicht gegenüber den vier Alliierten.
Vorne Überschwang, hinten Ruhe
Doch damals fühlte ich mich gar nicht wohl. Ich rechnete mit dem Schlimmsten – und war froh, dass diese eigenartige Veranstaltung ohne Krawall, ohne Blutvergießen vorüber war.
Erst als Horst Teltschik seine Erinnerungen an diesen Abend veröffentlichte, verstand ich die Diskrepanz in den Wahrnehmungen. Teltschik war Kohls außenpolitischer Berater. Da die DDR aus Bonner Sicht nie als Ausland behandelt wurde, hielt sich Teltschik bei Politikerkontakten in der DDR zurück. Weil aber die Alliierten sehr nervös alle deutschen Vorgänge registrierten, musste auch der Außenpolitiker Teltschik auf dem Laufenden bleiben. In Dresden hielt er sich im hinteren Bereich des Publikums auf, am Rand der Menge.
Er beschreibt, wie „die Massen vor dem Rednerpult überschäumen und zahllose bundesdeutsche Fahnen schwenken“. Hinten jedoch „sind die Menschen sehr ruhig. Sie hören konzentriert zu, ihre Gefühle sind schwer auszumachen. Es herrscht kein Überschwang.“
Teltschik vermutete fast Teilnahmslosigkeit – wenn die Leute nicht doch immer wieder Beifall geklatscht hätten, „der differenziert ausfällt“. Die Gesichter seien jedoch auch beim Beifall sehr ernst geblieben.
Deutschland! Deutschland! Deutschland! Deutschland!
Ich dagegen stand in vorderster Reihe vor dem Podium, und ich erlebte da vorne ganz andere Szenen als Teltschik weiter hinten. Um mich herum standen viele große blonde Männer, die ihre Fäuste in den Himmel stießen und sich in militantem Rhythmus die Seele aus dem Leib brüllten: „Deutschland! Deutschland! Deutschland! Deutschland!“ Auch zwanzig Jahre danach erzeugt der Nachhall noch Gänsehaut.
Vermutlich stand ich da vorne falsch? Es gab ja auch andere Szenen in den vorderen Reihen. Alte Frauen, die Kohl wie einen Messias verehrten – sofern die Pressefotografen sie ließen.
Bestellte Einpeitscher?
„Es war eine emotionsgeladene, aber überhaupt nicht fanatische Stimmung“, so Kohl später in seinem Buch „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“. Wie gesagt, ich empfand es ganz anders, ich muss wohl falsch gestanden sein. Oder waren die Germanen um mich herum mit ihrem lautstarken “Deutschland!!!” und “Einheit!!!” gar als Einpeitscher hinbestellt worden?
Merkwürdig kamen mir auch die vielen Fahnen vor. Die Transparente und Spruchtafeln, die aus der Menschenmasse ragten, waren ja noch authentisch. „Deutschland einig Vaterland“ – in allen handgemachten Variationen und Stilen, bis hin zu gotischen Lettern. Oder: „Bundesland Sachsen grüßt den Bundeskanzler“ – hier konnten manche es nicht erwarten, denn damals gab es in der DDR weder Bundesländer (sondern Bezirke) noch einen Bundeskanzler (sondern einen Ministerpräsidenten). Oder: „Mit Kohl zur Einheit Deutschlands“. Und so weiter. Authentisch waren zweifellos auch jene Fahnen, aus denen händisch das DDR-Wappen herausgeschnitten worden war.
Wo kamen all die schwarz-rot-goldenen Fahnen her?
Aber die unzähligen großformatigen Fahnen in bundesdeutschem Schwarz-Rot-Gold (also ohne DDR-Emblem): Woher hatten die DDR-Bürger plötzlich all diese fabrikneuen „Winkelemente“? Gerüchten zufolge sollen sie vor Kohls Rede aus einem Fahrzeug heraus an die Zuhörer verteilt worden sein. Die beabsichtigte Wirkung wurde jedenfalls erzielt: Fernsehstationen aus vielen Ländern fingen das Fahnenmeer ein und vermittelten den gewünschten Eindruck.
Wieso berichten die Medien – wie hier etwa der rbb: “Die unzähligen schwarz-rot-goldenen Fahnen, die während Kohls Rede geschwenkt werden, markieren den Meinungsumschwung in der DDR-Bevölkerung: Statt innerer Reformen wird immer deutlicher die Wiedervereinigung gefordert.” -, ohne zu hinterfragen, woher die “unzähligen” Fahnen aufgetaucht waren? Es gab sie in Dresden nicht einfach am Marktstand zu kaufen.
Spontane Worte, wohlüberlegt
Außerdem: Wie spontan war Kohls Rede wirklich? Es hieß, er habe nur mit Hans Modrow Gespräche führen, aber nicht öffentlich auftreten wollen. Nach eigenen Angaben habe er sich spontan entschlossen, eine Rede zu halten. Sie sei im Protokoll nicht vorgesehen gewesen. Er habe vorher an eine öffentliche Rede gar nicht gedacht. Erst die Massen, die ihn gleich bei der Landung in Dresden-Klotzsche und auf der Fahrt in die Stadt hinein begrüßt und bejubelt hatten, hätten ihn dazu bewogen.
Fest steht: Ohne eine Ansprache hätte er die Dresdner jedenfalls schwer enttäuscht.
Dazu aber war die "spontane" Rede allzu ausgefeilt, ausgewogen, wohlüberlegt. Kohls Worte schienen mir ein nuanciertes Wechselspiel von Herz und Hirn, von Bekräftigung des Einheitswillens und Appellen zur Besonnenheit. Sie hielten sowohl dem Druck von außen (Alliierte) als auch dem Druck von innen (Landsleute) stand. Spontan klingt anders. Schon vorher kursierte nicht nur unter den Journalisten die Erwartung, dass Kohl etwas zur Einheit sprechen würde. Sonderzüge und Busse aus der DDR-Provinz brachten Kohl-Fans nach Dresden. Spontan.
Vereinigungsgegner abgedrängt
Und wie kommt man auf die Schätzung von 100.000 Zuhörern? Andere Schätzungen sprechen von 20.000 Menschen, die Wahrheit wird in der Mitte liegen. Und wer gab die Zahl der „1.500 Journalisten aus aller Welt“ aus, die stets zitiert wird? Akkreditieren musste sich ja keiner für die Rede. Wie konnten sie dann erfasst werden? Mir scheint die Zahl stark übertrieben.
Kleine Gruppen von Wiedervereinigungsgegnern am Rande der Veranstaltung wurden ausgepfiffen und wütend abgedrängt. Viele andere Wiedervereinigungsgegner blieben an diesem gespenstischen Abend daheim, um nicht Gewalt zu provozieren. Studenten, Intellektuelle, Künstler schilderten, wie sie sich in Wohnungen in Dresden-Neustadt, dem Altbauviertel, versammelt haben und sehr besorgt waren. Sie erwogen prompt, gegen ihre Überzeugung die SED zu wählen, weil es dort garantiert keine Wiedervereinigungsgelüste geben würde. Sie waren aber die Minderheit.
Umfragen zur Einheit im Rekordtempo veraltet
Große Teile der DDR-Bevölkerung haben in diesem rasanten Tempo die Orientierung verloren. Seit kurzer Zeit kennt man hier nur das eine Fernziel: die Wiedervereinigung. Und zwar so schnell wie möglich.
Nach der Umfrage, die nur einen Tag vor der Dresdner Rede veröffentlicht wurde, wollten nur 27 Prozent der Ostdeutschen, dass die DDR „mit der BRD einen gemeinsamen Staat bildet“. 71 Prozent meinen dagegen, die DDR solle „ein souveräner Staat bleiben“.
Doch dieses Ergebnis war am Tag der Veröffentlichung längst überholt. Es widersprach massiv dem aktuellen Stimmungsbild in Dresden und dem Rest der DDR. Meinen Eindrücken zufolge war das Verhältnis pro und kontra Vereinigung exakt umgekehrt.
In den wenigen Tagen zwischen Ende November und Mitte Dezember hat die Stimmung gründlich gewechselt. Da konnte keine Studie mithalten, selbst wenn sie von so renommierten Auftraggebern wie „Spiegel“ und ZDF stammt.
Kleiner CDU-Parteitag, große Wirkung
Aber auch hier hat der Westen taktisch etwas nachgeholfen. Eine Woche vor Kohls Dresden-Besuch fand in Westberlin ein Kleiner Parteitag der CDU statt (am 11. Dezember 1989). Auch einige DDR-Vertreter waren eingeladen. Kohl ruft ihnen zu, dass sie nicht allein stünden: “Wir sind ein Volk! Wir gehören zusammen!” Genau dieser Kleine Parteitag war der Ausgangspunkt von reichlich Info-Material („Wir sind ein Volk!“ statt dem bisherigen „Wir sind das Volk!“) zur Verteilung in Ostdeutschland.
Wie groß sein Risiko in Dresden war, wusste Kohl. „Jeder falsche Zungenschlag wäre sofort in Paris, London oder Moskau als nationalistisch ausgelegt worden“, notierte er. Zu Recht: Misstrauen, ja Missgunst waren groß.
Ein falscher Zungenschlag
Es hätte viel passieren können. Kohl hätte sich zu Worten und Gesten hinreißen lassen oder missverstanden werden können, was Konflikte mit der sowjetischen Besatzungsmacht oder mit den Westalliierten zur Folge gehabt hätte.
Michail Gorbatschow verdächtigte Kohl ohnehin, den Nationalismus anzuheizen. Er ließ im Bonner Kanzleramt seine Sorge übermitteln, dass bei Kohls Dresden-Besuch Aufruhr und Chaos entstehen könnten.
Francois Mitterrand und Margaret Thatcher überboten einander in diesen Tagen an Germanophobie – er etwas leiser, sie laut genug.
Auch Ostberlins Regierungschef Hans Modrow warnte Kohl: Bei einem einzigen falschen Wort könne die instabile Lage eskalieren, ja sogar Blut fließen.
Kohls Umgang mit Modrow: Im Vier-Augen-Gespräch war das Wort Einheit oder Wiedervereinigung kein einziges Mal ausgesprochen worden. Bei der darauf folgenden Rede vor der Öffentlichkeit war das Tabu gefallen. Wenig später achtete Kohl sogar darauf, nicht mehr mit Modrow auf Fotos abgebildet zu werden.
Angst vor der ersten Strophe
Kohl fürchtete sogar, dass die Massen oder auch nur ein Häuflein im Gefühlstaumel plötzlich die erste Strophe des Deutschlandlieds anstimmen könnten. Nur dessen dritte Strophe (Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland! …) ist die deutsche Nationalhymne, wogegen die erste Strophe (Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt…) seit der NS-Zeit tabu ist.
Die erste Strophe in Dresden – das hätte die Veranstaltung gekippt. Das hätte verheerende Wirkung gehabt. Kohl bemühte sich kurzfristig sogar um einen Kantor, der im Fall des Falles das Deutschlandlied mit "Nun danket alle Gott" hätte übertönen sollen.
Kohls Schlüsselerlebnis zur Einheit
Später bezeichnete Kohl Dresden als sein Schlüsselerlebnis auf dem Weg zur deutschen Einheit. Der Jubel der Massen habe ihm gezeigt, dass die Menschen in der DDR die Wiedervereinigung wirklich wollten, und zwar bald. Bis zum 19. Dezember 1989 sei er überzeugt gewesen, dass die deutsche Einheit erst in drei oder vier Jahren möglich wäre. Dresden habe ihm jedoch schlagartig bewusst gemacht, wie günstig die Lage für eine Wiedervereinigung war. "Ich dachte bei mir: Die Sache ist gelaufen. Dieses Regime ist am Ende, die Menschen wollen die Einheit."
Als Kohl mit Modrow das Brandenburger Tor durchschritt und es für geöffnet erklärte, hätte Mitterrand es in seine DDR-Visite einbauen können. Aber er war nicht eingeladen, machte kurz vorher selber einen Abstecher ans Tor und reiste unmittelbar vor dem deutsch-deutschen Festakt ab. Außenpolitik ohne Worte, ohne Waffen – und trotzdem getroffen.
Wird fortgesetzt.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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