KMU im Zentrum europäischer Innovationspolitik

Die EU verabschiedet kommende Woche ihre neue Forschungs- und Innovationsstrategie. Schon jetzt verstärken die europäischen Regierungen ihre Anstrengungen, Innovation zu fördern. In Europas Innovationssystem der Zukunft sollen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) eine wichtige Rolle spielen. EURACTIV zeigt die Ansätze verschiedener EU-Staaten.

Innovationen in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gelten als Schlüssel für eine erfolgreiche Wirtschaft. Foto: EC.
Innovationen in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gelten als Schlüssel für eine erfolgreiche Wirtschaft. Foto: EC.

Die EU verabschiedet kommende Woche ihre neue Forschungs- und Innovationsstrategie. Schon jetzt verstärken die europäischen Regierungen ihre Anstrengungen, Innovation zu fördern. In Europas Innovationssystem der Zukunft sollen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) eine wichtige Rolle spielen. EURACTIV zeigt die Ansätze verschiedener EU-Staaten.

Die europäischen Regierungen haben viele Maßnahmen ergriffen, um kleinen Unternehmen zu helfen. Dazu zählen unter anderem Steuergutschriften für Forschungsinvestitionen, Unternehmensförderer (so genannte "Business Angels"), die Entwicklung von Innovationszentren und Pläne, die KMU mit Universitäten und Groß-Industrie zu vernetzen.

Die KMU stehen dabei vor großen Herausforderungen: Bereits vor der Krise beschränkte der mangelnde Zugang zu Risikokapital ihre Innovationsleistung. Zudem ist es für sie sehr teuer, ihr geistiges Eigentum zu verteidigen und schwierig, an Gelder aus dem EU-Forschungsbudget zu kommen.

Trotzdem die nationalen Budgets in ganz Europa unter großen Druck geraten sind, hat man sich bemüht, die Gelder für Forschung und Entwicklung unangetastet zu lassen. Das Vorgehen variiert jedoch stark innerhalb der EU. Brüssel versucht, dies mit einer neuen Strategie zu ändern.

Wirtschaftsverbände haben betont, im Zentrum der bevorstehenden Innovationsstrategie müsse der Patentschutz stehen. Bereits im Vorfeld wurde kritisiert, das Unternehmertum werde eventuell nicht genügend berücksichtigt (EURACTIV 07. Mai 2010).

Frankreich: dem deutschen Beispiel folgen

Das französische Innovationsniveau gilt als unzureichend. KMU benötigen Hilfe, um ihre Exporte zu steigern. In diesem Bereich ist Frankreich weit hinter Deutschland und Italien zurückgefallen. Deswegen ist der Bedarf an Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) gerade in Zeiten der Krise groß. Derzeit liegen die F&E-Investitionen bei 2,08 Prozent des BIP.

Frankreich will dem deutschen Modell folgen, um KMU wettbewerbsfähiger zu machen. Hervé Novelli, Staatssekretär für Handel und KMU, hat für Patente vom Nationalen Institut für Geistiges Eigentum (INPI) und für Forschungssteuergutschriften geworben. Sie seien wichtige Instrumente, um die Innovation unter den KMU zu verbessern.

Der Richelieuausschuss, ein französischer KMU-Verband, veröffentlichte im Juli 2010 eine Studie. Laut dieser Studie unterstützen die Mitglieder des Ausschusses Steuergutschriften für Forschung und einen Small Business Act für KMU.

Die Steuergutschrift ist der französischen Generalvereinigung von KMU (CGPME) zufolge ein Symbol guter "Rahmenregulierung". Allerdings mangele es an Informationen. Dagegen geht die Vereinigung mit örtlichen Innovationsausschüssen vor. Die CGPME sagte gegenüber EURACTIV Frankreich, französische KMU hätten wegen ihrer kleinen Größe und des Steuersystems Kapitalprobleme. Die Vereinigung fügte hinzu, es arbeiteten zu viele Einzelne an Innovationen. Es fehle eine klare Vision für KMU.

Deutschland: Steuergutschriften für innovative Firmen

Georg Schütte, Staatssekretär beim Deutschen Bundesministerium für Ausbildung und Forschung hofft, daß die "Europa 2020"-Strategie helfen wird, die Innovationslücke zu schließen. In einem Interview mit EURACTIV betonte er, dass engere Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung dazu beitragen solle, Forschungsresultate kommerziell zu nutzen. Davon könnten KMU profitieren.

Der Bund der deutschen Industrie (BDI) wünscht sich Steuergutschriften für Unternehmen, die in Forschung investieren. Deutschlands Zukunft liege in der Innovation: Innovative Produkte und Dienstleistungen, seien entscheidend, um Arbeitsplätze zu schaffen, den Wohlstand zu steigern und Lebensstandards anzuheben. Der BDI fordere daher eine Steuergutschrift in Höhe von zehn Prozent der Gesamtausgaben für F&E, sagte ein Sprecher.

Langfristige Investitionen in F&E waren in der jüngsten Vergangenheit keine Priorität für kleine Unternehmen. Dies gilt besonders für die Wirtschaftskrise. Eine Studie des Fraunhoferinstituts kommt zu dem Ergebnis, dass KMU ihr Innovationspotential auf Grund mangelnden langfristigen Innovationsmanagements nicht erfüllten.

Nur 30 Prozent der Firmen gäben ihren Angestellten die Zeit, um neue Ideen zu entwickeln und weniger als 50 Prozent hätten einen klar definierten Innovationsprozess. Tatsächlich haben 60 Prozent der KMU Probleme, Innovationen umzusetzen, befand die Studie.

Großbritannien: Unternehmerkultur schaffen

Ein Expertenbericht, den noch die ehemalige britische Regierung in Auftrag gegeben hatte, fordert die Schaffung von "geschäftsbezogenen" Technologie- und Innovationszentren (TICs). Sinn dieser Zentren soll die Forschung, aber auch die Einbindung von KMU sein. Das kann zum Beispiel in Form von Ratschlägen zur Finanzierung, zur Vermarktung und zum geistigen Eigentum geschehen.

Die neue britische Regierung will trotz des allgemeinen Sparzwangs mit dieser Politik fortfahren. Minister Vince Cable betonte, es sei wichtig, Unternehmen zu unterstützen. Dies gelte trotz der Notwendigkeit, Ausgaben zu senken.

Seine Abteilung hat sich verpflichtet, freie und offene Märkte zu unterstützen. Außerdem will man "durch Unternehmertum und persönlichen Einsatz Handel und Innovation fördern“.

Die neue liberal-konservative Koalition hat zudem versprochen, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der begabte Menschen Ideen in erfolgreiche Unternehmen verwandeln könnten. Auch Bürokratieabbau und Fördermittel für Start-up-Unternehmen zählen zu den Versprechen.

Irland: Mehr Finanzmittel von den Business Angels

Bei einer Kabinettsumbildung hat Irland das Ressort seines Unternehmensministeriums erweitert. Nun zählt auch Innovation dazu. Zeitgleich veröffentlichte eine von der Regierung ernannte Innovations-Task-Force einen detaillierten Bericht. Die Task-Force bestand aus Vertretern der Industrie, Wissenschaft und Regierung.

Der Bericht der Task-Force empfiehlt, die von Business Angels zur Verfügung gestellten Finanzmittel zu erhöhen, eine neue Startkapitalregelung und steuerliche Initiativen, die die Unternehmensgründung fördern. Außerdem schlagen die Experten eine Reform des Konkursrechts, verbesserte Systeme zum Schutz geistigen Eigentums und einen größeren Fokus auf Produktgestaltung vor.

Ziel der Task-Force ist es laut eigener Aussage, Irland bis 2020 eine bedeutende Anzahl an weltführenden und innovativen Unternehmen zu sichern. Von diesen solle jedes eine weltweite Präsenz und den Hauptsitz in Irland haben sowie in irischem Besitz sein.

Irland, das gegenwärtig mit einer tiefen wirtschaftlichen Rezession und der Bankenkrise zu kämpfen hat, unterstreicht seine Vorteile für Innovation und Wachstum. Die Iren nennen unter anderem ihre vorteilhafte Demographie, das irische Bildungssystem und ein unternehmerfreundliches regulatorisches Umfeld. Langfristig könne man daher optimistisch sein.

Tschechien: EU-Förderung ausbauen

Radim Kudla, Leiter eines tschechischen Technologieunternehmens, bedauert, dass es an Unterstützung für junge Firmen mangele. Er sagte, man wäre für ein breiteres Angebot an Förderprogrammen für Start-ups und kleine Unternehmen dankbar.

Dennoch herrscht unter tschechischen KMU weitgehende Einigkeit, dass es möglich ist, für innovative Projekte EU-Gelder zu bekommen. Karel Havlí?ek vom Verein Kleine und mittlere Unternehmen und Handwerksbetriebe CZ sagte, es sei durchaus möglich, für gute Projekte Förderungen zu bekommen.

Havlí?ek wies darauf hin, den tschechischen KMU mangele es in Folge der Wirtschaftskrise allgemein an Geld für Innovationen. In der derzeitigen wirtschaftlichen Situation seien die tschechischen Banken insgesamt weniger risikofreudig.

Petr Chládek, Strategieleiter für regionale Innovation am Südmärischen Innovationszentrum (JIC), sagte, für KMU sei es teilweise schwer, mit Universitäten und Forschungsinstituten zusammen zu arbeiten. Er bedauere, dass Unternehmen üblicherweise nicht in der Lage seien, ihre Anfragen an Universitäten, angemessen zu formulieren.

Slowakei: gemäßigte Erneuerung

Das Innovationsniveau der Slowakei war in der Vergangenheit sehr niedrig. Zahlen aus dem Jahr 2006 zufolge war damals nur ein Viertel der slowakischen Unternehmen in der F&E aktiv. Von den innovativen Unternehmen hat die Mehrheit (56 Prozent) mehr als 250 Angestellte. Nur 19,2 Prozent der kleinen Unternehmen (mit weniger als 50 Mitarbeitern) und 34,4 Prozent der mittleren Unternehmen (weniger als 250 Mitarbeiter) waren 2006 innovativ tätig.

Der Europäische Innovationsanzeiger (EIS) aus dem Jahr 2009 identifiziert die Slowakei allerdings als gemäßigten Erneuerer. Die Leistung liege unter dem Durchschnitt der 27 Mitgliedsstaaten. Verglichen mit früheren Studien des EIS habe das Land jedoch bereits deutlich aufgeholt.

Die Studie "Inno Policy Trendchart“ aus dem Jahr 2009 identifiziert die größten Schwächen der slowakischen Innovationsleistung. Mangel herrscht demnach vor allem bei öffentlichen und privaten R&D-Investitionen, der internen Innovation der KMU, den Patenten des Europäischen Patentamts und der Beschäftigung in wissensintensiven Bereichen.

Daten der Regierung zufolge gibt die Slowakei nun etwa 1,2 Prozent des BIP für R&D und Innovation aus. Die Slowakei hatte zu den EU-Ländern gehört, die befürchteten, das Ziel von drei Prozent des BIP für Investition in R&D sei unerreichbar.

Zwei große Probleme der Slowakei sind das Defizit in der Innovationsinfrastruktur und der Mangel an Risikokapital. In der Slowakei fehlt es außerdem an Synergien zwischen fünf großen Elementen, die zum Innovationspotential einer ganzen Region beitragen könnten: Universitäten, Unternehmen, Presse, Regierungsinitiativen und NGOs. Da Möglichkeiten für die Finanzierung junger Firmen fehlen kommt es kaum zu Unternehmensneugründungen.

Viele innovative Ideen werden in der Slowakei zwar veröffentlicht aber nicht umgesetzt. Business Angels sind selten und sehr schlecht organisiert. Die in der Slowakei tätigen Risikokapitalsfonds arbeiten gewöhnlich eher als Buchprüfer und geben kein Fachwissen oder Kontakte weiter.

Um einige dieser Probleme anzugehen, wurde Anfang Juni ein neues Projekt gegründet, Zur Stärkung der Innovation bei Kleinen und Mittleren Unternehmen (BISMES) genannt. Das Projekt soll das Innovationsbewusstsein unter den KMU fördern, die regionale Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Dienstleistungsanbietern stärken und benötigte Informationen über Innovationen und Finanzierungsmöglichkeiten liefern.

Bulgarien: florierende Innovationen

Der bulgarische Innovationssektor boomt. Der Anteil bulgarischer Firmen, die im Innovationsbereich tätig sind, stieg 2009 von 43 auf 71 Prozent. Diese Statistik ist Teil einer aktuellen Umfrage zur Innovationsaktivität in Bulgariens Geschäftswelt.

Die Umfrage mit dem Titel „Innovation.bg 2010: Die Innovationspolitik Bulgariens – Möglichkeiten für die nächsten zehn Jahre“ wurde vom Fonds zur angewandten Forschung und Kommunikation (ARC FUND) durchgeführt.

Die Innovationstätigkeit Bulgariens ist aber stark auf bestimmte Bereiche begrenzt. Beinahe 19 Prozent der Innovationsleistung der bulgarischen Unternehmen geschehen im Bereich der Arbeitsmethoden. 26 Prozent der Unternehmen führten im letzten Jahr neue und verbesserte Dienstleistungen ein. Ein großer Teil der neu eingeführten Technologie in bulgarischen KMU wird von ausländischen Partnern zur Verfügung gestellt.

Demgegenüber zeigt die Patent- und Lizenzvergabe durch bulgarische Unternehmen, dass im Bereich der Methoden- oder Produktinnovationen kaum etwas von internationaler Bedeutung passiert.

Der Bericht besagt außerdem, die innovationsfördernden Maßnahmen der bulgarischen Regierung seien unzureichend.

Die Umfrage stellte außerdem fest, EU-Gelder zur Entwicklung der Innovation, Wissenschaft und Technologie befänden sich unter den am wenigsten genutzten Förderungen. Das gelte sogar im Kontext der insgesamt geringen Nachfrage nach europäischen Geldern im Land.

Angel Milev, Programmleiter des ARC FUND und Koordinator des Enterprise Europe Network in Bulgarien, sagte, Bulgarien benötige daher eine neue Innovationspolitik um sein R&D-Investitionsziel zu erreichen.

EURACTIV.com

Links

EURACTIV: Schütte: EU muss "Innovationslücke" schließen (24. August 2010)

EURACTIV: EU pumpt Milliarden in die Forschung (20. Juli 2010)

EURACTIV: "Deutschlands KMU Förderung ist weltweit einmalig" (14. Juni 2010)

EURACTIV: KMU in der Krise – Verlust von Millionen Arbeitsplätzen (11. Juni 2010)

EURACTIV: Kommission will Zugang zu EU-Geldern erleichtern (28. Mai 2010)

EURACTIV: Mittelstand als schneller Weg zum Markt für Innovation (17. April 2009)