Klimaschutz versus Agrarproduktion: Neue EU-Moorschutzziele umstritten
Bis 2040 soll, wenn es nach der EU-Kommission geht, die Hälfte aller landwirtschaftlich genutzten Moore renaturiert werden, um als Klimasenken wirken zu können. Doch bei der Landwirtschaft stößt der Vorschlag auf Widerstand.
Wenn es nach der EU-Kommission geht, soll bis 2040 die Hälfte aller landwirtschaftlich genutzten Moore aus Klimaschutzgründen renaturiert werden. Doch bei der Landwirtschaft stößt der Vorschlag auf Widerstand – sie sieht sich mit einem Verlust von Ackerfläche konfrontiert.
Bereits bis 2030 sollen die EU-Mitgliedstaaten auf 30 Prozent der Moore, die zur landwirtschaftlichen Nutzung trockengelegt sind, Renaturierungsmaßnahmen durchführen – so sieht es der Vorschlag für ein “Gesetz zur Wiederherstellung der Natur” vor, den die Europäische Kommission vor Kurzem vorgelegt hat.
Ein Viertel davon soll wiedervernässt werden, was durch die Erhöhung der Wasserstände dieser Flächen erreicht werden soll.
Moore sind für den Klimaschutz von besonderer Bedeutung, sie gelten neben beispielsweise Wäldern als eine der wenigen natürlichen Klimasenken, die zur Bindung von CO₂ genutzt werden können.
“Trockengelegte Moore sind verantwortlich für fünf Prozent der EU-Treibhausgasemissionen”, erklärte Sabien Leemans, Senior Policy Officer bei der Umweltorganisation WWF, am Donnerstag (14. Juli) gegenüber EURACTIV.
Die Renaturierung der Gebiete “stoppt diese Emissionen und gibt den Mooren dann die Gelegenheit, nach und nach CO₂ aus der Atmosphäre zu ziehen und zu speichern”, fügte sie hinzu.
Doch vor allem aufseiten der Landwirtschaft sind die Renaturierungsziele umstritten: Werden Moore, die für die landwirtschaftliche Nutzung trockengelegt worden waren, wiedervernässt, ist kaum noch oder gar keine Bewirtschaftung der Flächen mehr möglich.
Aufgrund der Vorschläge seien “fatale Auswirkungen im Hinblick auf die ländlichen Räume” zu befürchten und die Maßnahmen würden “die Versorgungssicherheit massiv belasten”, warnte der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, während einer Pressekonferenz diese Woche.
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Hindernis oder Bedingung für Ernährungssicherheit?
Bis 2050 will die EU-Kommission 70 Prozent der Moore renaturiert sehen. Dadurch würden laut Rukwied rund 350.000 Hektar an Flächen für die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland wegfallen.
Während vor allem in nordeuropäischen Ländern der Anteil der Moore an der Gesamtfläche besonders hoch ist, gehört auch Deutschland mit 4,3 Prozent zu den Ländern mit einem signifikanten Anteil an Moorflächen. Damit steht Deutschland auch bei der Wiedervernässung vor einer größeren Aufgabe als beispielsweise Italien oder Spanien, die jeweils nur 0,1 Prozent verzeichnen.
Angesichts der durch den Ukrainekrieg ausgelösten Unsicherheit auf den globalen Agrarmärkten ist der Vorschlag der EU-Kommission mit seiner Einschränkung der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche aus Sicht des Bauernverbands zu einschneidend.
“Ich sage es ganz deutlich: Versorgungssicherheit, Ernährungssicherheit in Europa wäre dann Geschichte”, so Rukwied.
Leemans vom WWF argumentierte dagegen, gerade die Wiederherstellung der Moore trage zur Sicherung einer resilienten Nahrungsmittelversorgung bei – einerseits durch die Eindämmung des Klimawandels, andererseits aber auch, weil die Flächen im natürlichen Zustand überschüssiges Wasser aufnehmen und so Überflutungen vorbeugen könnten.
“Die Dringlichkeit ist offensichtlich, sowohl für die Umwelt als auch fürs Klima”, fügte sie hinzu.
Während die EU-Kommission mit dem Gesetz zur Wiederherstellung der Natur Renaturierungsziele vorgeben möchte, liegt die Gestaltung und Umsetzung der einzelnen Maßnahmen weitgehend in der Hand der Mitgliedstaaten.
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Wirtschaftliche Perspektive sichern
In Deutschland hatte die Bundesregierung bereits im vergangenen Herbst das Programm “Klimaschutz durch Moorbodenschutz” auf den Weg gebracht, 330 Millionen Euro aus dem Energie- und Klimafonds sind dafür bis 2025 vorgesehen.
“Wir werden als Bundesregierung den Klimaschutz durch den Schutz unserer Moorböden stärken”, erklärte Bundesagrarminister Cem Özdemir am Dienstag auf der einer Fachtagung zum Thema Moore. “Gleichzeitig sehe und verstehe ich die Sorgen bei denen, die Flächen in Moorgebieten bewirtschaften – und deren Lebensunterhalt davon abhängt”, fügte er hinzu.
Damit ebendiese Akteure bereit sind, die Renaturierung der Moore mitzutragen, ist aus Sicht von Expert:innen vor allem die Höhe und Ausgestaltung der finanziellen Entschädigung entscheidend.
“Viele Landwirt:innen sind gewillt, Moore nass zu bewirtschaften, sofern sie eine faire Honorierung ihrer Anstrengungen für den Klimaschutz und eine langfristige Perspektive für die Bewirtschaftung bekommen”, schreiben Vertreter:innen des Greifswald Moore Centrums (GMC) und des Deutschen Verbands für Landschaftspflege (DVL) in einem kürzlich veröffentlichten Brief.
Aus Sicht des Bauernverbands braucht es außerdem Ideen dafür, wie die Gebiete trotz Wiedervernässung weiter wirtschaftlich genutzt werden können – beispielweise durch sogenannte Paludikulturen wie Schilf, die auch auf nassen Flächen angebaut werden können, oder durch die Nutzung der Flächen für Photovoltaikanlagen.
“Es geht um den grundsätzlichen Ansatz: Wie bringen wir den Erhalt dieser Kulturlandschaften und ihrer wirtschaftlichen Nutzung (…) mit den Zielen der Emissionsreduktion und Biodiversität zusammen?”, schloss Rukwied.
[Bearbeitet von Oliver Noyan]