Klimaschutz trotz Energiekrise weiter oberste Priorität in Europa

Trotz der Energiekrise bleibt die Bekämpfung des Klimawandels das wichtigste Thema für die Europäer. Den nationalen Regierungen wird allerdings ein schlechtes Zeugnis ausgestellt, denn eine Mehrheit traut ihnen nicht zu, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, so eine Studie der EIB.

/ EURACTIV.fr
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Der Vertrauensverlust der Bürger:innen in den Hauptstädten könnte weitere Probleme für Brüssel bedeuten, wo die EU angesichts der Energiekrise unter zunehmenden Druck einiger Mitgliedstaaten gerät, von ihren grünen Zielen abzurücken. [EPA-EFE/ANDY RAIN]

Trotz der Energiekrise bleibt die Bekämpfung des Klimawandels das wichtigste Thema für die Europäer:innen. Den nationalen Regierungen wird allerdings ein schlechtes Zeugnis ausgestellt, denn eine Mehrheit traut ihnen nicht zu, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, so eine Studie der Europäischen Investitionsbank.

Die am Donnerstag veröffentlichte Umfrage, zu der EURACTIV vorab exklusiven Zugang erhielt, ist das Ergebnis der jüngsten Umfrage der Europäischen Investitionsbank (EIB)-BVA, die vom 1. bis 31. August 2022 unter mehr als 25.700 Personen in Europa, Großbritannien, Amerika und China durchgeführt wurde.

Die Befragten stimmten darin überein, dass sowohl der aktuelle Anstieg der Lebenshaltungskosten als auch der Klimawandel zu den größten Herausforderungen gehören, denen sie gegenüberstehen.

Während jedoch in Amerika die aktuelle Wirtschaftskrise als die größte Sorge angesehen wird (60 Prozent), verglichen mit 45 Prozent der Europäer:innen und 40 Prozent der Chines:innen, räumten ein Großteil der in Europa Befragten, dem Klimawandel die oberste Priorität ein.

Doch ihre Regierungen wären der Herausforderung nicht gewachsen, so die 88 Prozent der Befragten in Europa. Sie trauen ihren Regierungen nicht zu, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen. Inzwischen glauben 84 Prozent der befragten Europäer:innen, dass die Welt kurz vor einer Katastrophe steht, wenn keine zusätzlichen Schritte unternommen werden und werfen ihrer Regierung vor, zu langsam zu handeln.

Der Vertrauensverlust der Bürger:innen in den Hauptstädten könnte weitere Probleme für Brüssel bedeuten, wo die EU angesichts der Energiekrise unter zunehmenden Druck einiger Mitgliedstaaten gerät, von ihren grünen Zielen abzurücken.

Nicht alle sind mit dem Vorstoß der EU-Institutionen einverstanden, im Angesicht der Abhängigkeit von russischen fossilen Brennstoffen, die Ziele nach oben zu schrauben.

Einem Dokument zufolge, das EURACTIV Anfang des Monats vorlag, erwogen die EU-Länder, den als REPowerEU bekannten Plan der Europäischen Kommission zur Abkehr von russischen fossilen Brennstoffen abzuschwächen und das für 2030 vorgeschlagene Ziel von 45 Prozent erneuerbarer Energie zu verwässern.

Der Klimawandel ist spürbar

Die (EIB)-BVA-Umfrage hat außerdem ergeben, dass 80 Prozent der Europäer:innen die Auswirkungen des Klimawandels in ihrem Alltag spüren, wobei sich die Südeuropäer:innen mehr Sorgen um das Klima machen als ihre nördlichen Pendants. 66 Prozent von ihnen sehen Russlands Einmarsch in der Ukraine als Katalysator für Veränderungen.

Unterdessen glaubt nur eine kleine Zahl von Europäern (36 Prozent), dass die CO2-Emissionen in ihrem Land bis 2030 zurückgehen werden, obwohl 52 Prozent der Dän:innen dies glauben. Bei den Chinesen liegt die Zahl sogar bei 90 Prozent.

Bei den nächsten Schritten, die die Regierungen unternehmen sollten, nannten die Befragten Investitionen in erneuerbare Energien, die Deckelung der Energiepreise und die Änderung der täglichen Gewohnheiten, wobei die Zahlen von Land zu Land variieren.

Im Gegensatz zu Nordeuropa, das historisch gesehen dazu neigt, erneuerbare Energien zu entwickeln, sind die Franzosen weniger hungrig nach erneuerbaren Energien (41 Prozent) und setzen stattdessen auf Atomkraft.

Was die wirtschaftlichen Maßnahmen betrifft, so befürworten 40 Prozent der Europäer:innen eine Senkung der Energiesteuern für Unternehmen und Privatpersonen, obwohl eine Begrenzung der Energiepreise nur in fünf EU-Mitgliedstaaten positiv bewertet wird.

Was das Energiesparen anbelangt, so sind 88 Prozent der Europäer:innen der Meinung, dass die Bevölkerung nicht bereit wäre, ihre bisherige Energieverbrauchsweise zu ändern.

Der Umfrage zufolge sind nur die Franzosen bereit, ihre Thermostate auf 19 Grad herunterzudrehen, was wahrscheinlich auf die Sommerkampagne der Regierung zurückzuführen ist. In den anderen EU-Ländern sind 27 Prozent der Deutschen, 20 Prozent der Österreicher:innen, 12 Prozent der Rumän:innen und 4 Prozent der Zypriot:innen weit weniger bereit, dies zu tun.