KI-Experte: EU vernachlässigt Investitionen, priorisiert Regularien
Laut Stefano da Empoli, Präsident des Instituts für Wettbewerbsfähigkeit (I-Com), habe die EU den industriepolitischen Teil ihrer KI-Strategie vernachlässigt. Es fehle den Mitgliedstaaten an "Mut".
Laut Stefano da Empoli, Präsident des Instituts für Wettbewerbsfähigkeit (I-Com), habe die EU den industriepolitischen Teil ihrer KI-Strategie vernachlässigt. Es fehle den Mitgliedstaaten an „Mut“.
Die Strategie der Europäischen Kommission zur KI hatte ursprünglich zwei Schwerpunkte: Regulierung und Investitionen. Während sich die jedoch EU in erster Linie auf den regulatorischen Aspekt der künstlichen Intelligenz konzentriert, wird das Think-Tank-Netzwerk „PromethEU“ nächste Woche eine Studie vorlegen, die das wirtschaftliche Potenzial von KI hervorheben soll.
Regulierung vor Innovation
Für da Empoli ist der Investitionsschwerpunkt, den die Europäische Kommission 2018 auf diese aufstrebende Technologie gelegt hat, hinter einem rein regulatorischen Ansatz verschwunden, der sich auf das KI-Gesetz konzentriert. Das KI-Gesetz ist ein richtungsweisendes EU-Gesetz, das KI auf der Grundlage ihres Schadenspotenzials reguliert.
Dieser zweiseitige Ansatz war noch vorhanden, als der KI-Gesetzentwurf 2021 zusammen mit einem Aktionsplan zur Koordinierung von KI-Programmen und -Strategien in der EU erstmals vorgelegt wurde. Seitdem, so der italienische Experte, sei jedoch die meiste Aufmerksamkeit und Anstrengung in die Fertigstellung des KI-Gesetzes geflossen, was zu einem Ungleichgewicht in Bezug auf die Innovation geführt habe.
„Der Investitionsaspekt wurde bisher leider ziemlich vernachlässigt“, sagte er und wies darauf hin, dass einige Teile des abgestimmten Plans nie eingehalten wurden, wie etwa die jährliche Überwachung der KI-Investitionen.
Für da Empoli liege die Verantwortung eher bei den Mitgliedsstaaten, die ohne wirkliche Koordinierung der nationalen KI-Strategien jeweils in eine andere Richtung gingen. Der regulatorische Weg hingegen sei einfacher zu verfolgen, da er in den Händen der EU-Institutionen liege.
In Bezug auf das KI-Gesetz betonte der Experte die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht zwischen Risikobegrenzung und Innovation herzustellen und gleichzeitig kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sowie Start-Ups nicht übermäßig mit hohen Verwaltungskosten zu belasten.
Generative KI
Da Empoli wies auf die kolossale Wettbewerbslücke zwischen Europa und den USA und anderen großen Volkswirtschaften wie Kanada, Großbritannien und Israel im entscheidenden Sektor der generativen KI hin. Dies zeige sich daran, dass es in Europa keine sogenannten „Einhörner“ gebe. Dabei handelt es sich um Start-ups, die in kurzer Zeit eine Marktkapitalisierung von einer Milliarde Dollar erreichten.
„Das einzige generative KI-Unternehmen in Europa, das in absehbarer Zeit in diese Liga aufsteigen könnte, ist das französische Start-up Mistral, das aber bisher leider nur am Rande zur generativen KI-Revolution beigetragen hat“, so da Empoli.
„Wenn man sich die Investitionen in Form von Risikokapital ansieht, hinkt Europa hinterher. Die Investitionen sind in der gesamten EU, aber auch in anderen geografischen Gebieten wie den USA gestiegen, sodass sich die Lücke nicht verkleinert hat.“
Was die Basismodelle anbelangt, so argumentierte da Empoli, dass auch in diesem Bereich einige Regeln vorgesehen werden könnten, dass die EU aber neue Unternehmen, auch europäische, nicht davon abhalten sollte, in dem derzeit strategisch wichtigsten Bereich der KI zu arbeiten.
„Ich sehe mögliche Nebeneffekte, die jetzt vielleicht noch nicht vorhanden sind, aber in Zukunft ein Hindernis auch für europäische Start-ups sein könnten.“
Internationale Entwicklungen
Der Leiter von I-Com merkte an, dass die EU bei vielen EU-Gesetzen, wie der Allgemeinen Datenschutzverordnung und dem Gesetz über digitale Märkte, auf den sogenannten „Brüsseler Effekt“ zählen könne, wenn es darum gehe, internationale Standards zu setzen. Ein solches Szenario gelte aber möglicherweise nicht für das KI-Gesetz.
„Zumindest die USA möchten aktiver werden, wie die von der Regierung unter Biden unterzeichnete Executive Order zeigt. Natürlich handelt es sich bei diesem Dekret nicht um ein Gesetz, aber vielleicht gibt es sogar in einem polarisierten US-Kongress nächstes Jahr einen parteiübergreifenden Konsens für ein Gesetz“, erklärte da Empoli.
Seiner Ansicht nach besteht der Unterschied zu früheren digitalen Themen darin, dass die USA die KI als eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit betrachten.
Wirtschaftliches Potenzial
In einem demnächst erscheinenden Bericht gehen die Think-Tanks des Netzwerkes detailliert auf die Aussichten für KI-Systeme in südeuropäischen Ländern ein, vor allem in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Da es sich bei den meisten Unternehmen dort um KMU handelt, wird in der Studie argumentiert, dass staatliche Unterstützung erforderlich ist, um sicherzustellen, dass die Unternehmen innovative KI-Anwendungen annehmen und sie in ihre Prozesse integrieren.
In Bezug auf Forschung und Entwicklung sollten die EU-Länder laut da Empoli ihre Ressourcen bündeln, um ausreichend Investitionen in diesem Bereich zu erreichen, zum Beispiel durch die Einführung von länderübergreifenden regulatorischen Sandkästen, wie sie im KI-Gesetz diskutiert werden.
„Ein echter Binnenmarkt für digitale und KI-Anwendungen ist für einige Start-ups und Großunternehmen das wichtigste Anliegen. Ohne ihn ist es schwer vorstellbar, dass europäische Unternehmen eine mit den US-amerikanischen und chinesischen vergleichbare Größenordnung erreichen“, sagte da Empoli.
„Es ist ein dynamisches Umfeld. Europa hinkt derzeit hinterher, aber es verfügt über die Arbeitskräfte und vielleicht sogar über die finanziellen Möglichkeiten, die Dinge zu ändern.“
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[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]