KI-Dominanz der USA: Kann Europa sein eigenes Stargate erschaffen?
Wenn Europa den USA beim Thema Künstliche Intelligenz Konkurrenz machen will, dann muss es deutlich mehr Investitionen geben. Das sei möglich, sagen Experten, wenn führende EU-Politiker ihren Worten auch Taten folgen lassen.
Wenn Europa den USA beim Thema Künstliche Intelligenz Konkurrenz machen will, dann muss es deutlich mehr Investitionen geben. Das sei möglich, sagen Experten, wenn EU-Staats- und Regierungschefs die Zügel in die Hand nehmen.
„Mega“-Einrichtungen, die Teil der europäischen Recheninfrastruktur von „Weltklasse“ sind. So beschreibt die EU-Kommission die geplanten „KI-Fabriken“ im Wert von 1,96 Milliarden Euro im Entwurf des „Wettbewerbs-Kompass“.
Kritiker halten sie für zu klein – dem angekündigten US-Projekt „Stargate“ seien sie fast zu 250:1 unterlegen.
„Europa fährt einen kleinen Fiat 500 und versucht, mit einem großen BMW zu konkurrieren“, sagte Bertin Martens, Senior Fellow beim europäischen Thinktank Bruegel, gegenüber Euractiv.
Stargate, eine vollständig privat finanzierte Gemeinschaftsunternehmung, soll die US-Dominanz im KI-Bereich sichern. Dazu sollen bis zu 20 riesige, auf Künstliche Intelligenz spezialisierte Rechenzentren gebaut werden. 96 Milliarden Euro sollen direkt investiert werden, über vier Jahre soll die Summe auf 480 Milliarden Euro erhöht werden, kündigten die beteiligten Unternehmen an.
Der konservative Europaabgeordnete Axel Voss (CDU) sieht in Stargate einen „Angriff auf die globale KI-Führungsrolle“. Eine Einschätzung, die Andrea Renda, Forschungsdirektor am Centre for European Policy Studies, teilt.
„Die Zeit der Abrechnung ist gekommen“, sagte Renda.
Der Traum vom CERN für Künstliche Intelligenz
Renda gehört zu den Befürwortern eines über 100 Milliarden Euro schweren europäischen „CERN für KI“. Um eine Größenordnung und Koordination zu erreichen, die für den globalen Wettbewerb nötig ist, könnten Mittel der Mitgliedstaaten gebündelt werden.
Hinter der Idee steht die Hoffnung, für den KI-Bereich das zu erreichen, was CERN für die Grundlagenphysik geschafft hat: Das Gravitationszentrum von den USA nach Europa zu verschieben. Möglich gemacht haben das Investitionen in einen leistungsstarken Teilchenbeschleuniger und ein Forschungszentrum.
Auf das Stargate-Projekt angesprochen, hat die EU-Kommission ihre Pläne verteidigt. Die EU strebe eine Zusammenarbeit mit den USA im KI-Bereich an, unternehme aber auch „große Schritte“, um selbst eine Führungsrolle einzunehmen, sagte Kommissions-Sprecher Thomas Regnier.
Dem „Wettbewerbskompass“-Entwurf zufolge, könnte ein „CERN für KI“ die Koordination und Unterstützung der KI-Nutzung in Schlüsselindustrien wie Energie, Automobil, Fertigung und Luftfahrt gewährleisten.
Zwar bedient sich die EU-Kommission am „CERN für KI“-Narrativ, doch ein 100-Milliarden-Euro-Projekt scheint noch lange nicht in greifbarer Nähe zu sein.
Ein steiniger Weg
In Europa gibt es wenige Technologiegiganten. Auch öffentliches und privates Investitionskapital ist zu national zerstreut, um ein Investitionsniveau zu erreichen, dass die Entwicklung modernster generativer KI ermöglicht.
Darüber hinaus sind EU-Finanzierungen durch ihre vorab ausgehandelten siebenjährigen Budgets begrenzt – was eine signifikante Mittelumschichtung vor dem Jahr 2028 ausschließt.
Die Verhandlungen über das nächste Budget für die Jahre 2028-2034 sollen in diesem Jahr starten. Allerdings könnte es schwierig werden, die EU-Mitgliedsstaaten, die derzeit eigene KI-Strategien verfolgen, davon zu überzeugen, in absehbarer Zeit Milliarden in ein Gemeinschaftsprojekt zu investieren.
Am 17. Januar diskutierten EU-Ratsbeamte in einer Arbeitsgruppe über die begrenzten finanziellen Ressourcen der EU – und die Schwächen im Vergleich zu den Investitionen der USA und Chinas in KI-Infrastruktur.
Dazu kommen die komplexen digitalen EU-Vorschriften.
„Regulatorische Hürden werden zu einem echten Problem für KI“, sagte Martens.
Die Vorschriften des KI-Gesetzes [AI Act] seien noch nicht in Kraft, aber die Datenschutzgrundverordnung [DSGVO] und Urheberrechtsvorschriften würden bereits für Kopfschmerzen bei Anbieter datenhungriger KI-Systeme sorgen, fügte er hinzu.
Hürde oder Wettbewerbsvorteil?
US-Präsident Donald Trump hob letzte Woche Bidens Verordnung zur KI-Sicherheit auf. Gleichzeitig signalisierte seine Teilnahme an der Stargate-Ankündigung, dass er rechtliche Hürden für Unternehmen beseitigen möchte.
Die beiden Maßnahmen sorgten innerhalb europäischer Kreise für Besorgnis, aber auch für vorsichtigen Optimismus.
Ein Zurückrudern bei Sicherheitsaspekten eröffne eine Chance für Europa, sagte Max Reddel, Direktor für fortgeschrittene KI am Centre for Future Generations, gegenüber Euractiv.
„Sowohl Unternehmen als auch Bürger werden KI-Tools wollen, denen sie vertrauen können“, fügte er hinzu.
Renda sagte, dass eine große KI-Initiative durch Investitionen in datenschutzfreundliche Technologien und andere Technologien, die mit den ethischen Prinzipien der EU kompatibler sein, ergänzt werden sollte.
Die EU brauche 120 Milliarden Euro allein für KI sowie möglicherweise weitere 200 Milliarden Euro für die technische Infrastruktur, die KI erst möglich macht – einen „Eurostack“.
Statt einer Bürde könnten vertrauenswürdige Technologien tatsächlich „ein Trumpf für die EU“ sein, fügte Renda hinzu.
Martens und Voss vertreten eine gegensätzliche Ansicht. Die EU solle ein lockereres Regelwerk verfolgen, um KI zu fördern.
Bruegel-Fellow Martens sagte, es müsse auf EU-Ebene kommuniziert werden, „dass es in Ordnung ist, KI mit öffentlich zugänglichen persönlichen Daten zu trainieren“. Die jüngste Stellungnahme des Europäischen Datenschutzausschusses lasse in dieser Hinsicht noch zu viel Raum für Unsicherheit.
Der Europaabgeordnete Voss sprach sich für eine „Modernisierung der DSGVO und des KI-Gesetzes“ aus.
Öffentlich oder privat?
Privat finanzierte Initiativen wie Stargate seien ein besserer Weg als das öffentliche „CERN für KI“-Modell, sagte Martens.
Eine privat geführte Initiative würde auf einem Geschäftsmodell basieren, das die Investitionskosten amortisiere und letztlich Einnahmen generiere.
„Es sollte nicht und kann nicht mehrheitlich mit Steuergeldern finanziert werden“, fügte er hinzu.
„Wir brauchen eine öffentlich-private Partnerschaft“, sagte Forschungsdirektor Renda. Öffentliche Mittel könnten die Partnerschaft attraktiver machen und öffentliche Vorteile sichern.
Stiftungen wie Novo Nordisk oder Wallenberg könnten ebenfalls helfen, „weil ihre Werte und Prinzipien nicht mit dem übereinstimmen, was in den USA passiert“, sagte Renda.
Fehlende Führung
Voss, Martens und Renda waren sich einig, dass Europa das Ausmaß der US-Projekte erreichen könnte, wenn die EU-Staats- und Regierungschefs die Zügel in die Hand nehmen würden.
Martens kritisierte jedoch die fehlende Zusammenarbeit europäischer Unternehmen beim Aufbau größerer Infrastrukturen. „Es ist wirklich notwendig, aber niemand ergreift die Initiative.“
Jemand müsse „einige große Unternehmensköpfe zusammenstoßen“ und politischen sowie regulatorischen Schwung bringen, sagte er.
Laut Renda müsse die EU-Kommission „so bald wie möglich“ eine große Initiative ankündigen. „Andernfalls wird Kapital aus Europa abfließen“.
Voss betonte die Dringlichkeit der Angelegenheit: „Die existenzielle Frage, die wir uns stellen sollten, ist: Werden wir überleben oder nicht?“
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[AB/VB]