Kein Spiel: Stasi-Schnipsel als ePuzzle
700 Jahre würde es dauern, die Stasi-Schnipsel händisch zusammenzusetzen. Fünf bis zehn Jahre dauert es mit der Software des Fraunhofer-Instituts IPK. Hoffnung für Fahnder, Historiker, Archäologen, Versicherungen und nicht zuletzt die Stasi-Opfer. Panik bei den Betroffenen. Es gibt nicht wenig Widerstand.
700 Jahre würde es dauern, die Stasi-Schnipsel händisch zusammenzusetzen. Fünf bis zehn Jahre dauert es mit der Software des Fraunhofer-Instituts IPK. Hoffnung für Fahnder, Historiker, Archäologen, Versicherungen und nicht zuletzt die Stasi-Opfer. Panik bei den Betroffenen. Es gibt nicht wenig Widerstand.
Folgende Fälle haben eines gemeinsam:
In den Galeries Lafayette, dem französischen Nobelkaufhaus in der Friedrichstraße in Berlin-Mitte, springen 1997 fünf Glasscheiben aus der Fassung und stürzen auf die Straße.
Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs neben der U-Bahn-Baustelle im März 2009 hinterlässt unermesslichen Schaden an wertvollen historischen Dokumenten und Handschriften.
Prominente Steuersünder, die auf der bekannten DVD aus dem Fürstentum Liechtenstein aufscheinen und im Verdacht stehen, den deutschen Fiskus um Millionen betrogen zu haben, versuchen 2008, belastende Unterlagen zu vernichten.
Im September 1997 zerstört ein starkes Beben die weltberühmten Fresken in Assisi, sie zerspringen in 20 bis 30 Millionen Teilchen.
An Hand verschimmelter Aktenberge sollen südamerikanische Diktaturen aufgearbeitet und Schicksale geklärt werden.
Software für 3D
Gemeinsam ist all diesen Ereignissen, dass man sich zur Klärung von Schuldfragen, zur Feststellung von Schadensursachen oder zur Wiederherstellung von Materialien der Software von Bertram Nickolay bedient. Die Software, die auch winzige Teilchen nicht nur zwei-, sondern sogar dreidimensional erfassen und digital zusammensetzen kann.
Eine Software, die Bertram Nickolay eigentlich entwickelt hat, um aus sogenannten Stasi-Schnipseln wieder lesbare Dokumentenseiten zu machen.
Bertram Nickolay (geboren 1953) ist studierter Nachrichtentechniker. Nach seinem Diplom-Ingenieur-Studium im Saarland studierte er an der Technischen Universität (TU) Berlin Elektrotechnik und landete im Fraunhofer Institut zu Berlin. Für seine Forschungen und Entwicklungen wurde er vielfach geehrt.
Er ist Leiter des Fraunhofer Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK). Er hat die Software für die digitale Zusammensetzung der Stasi-Schnipsel entwickelt, mit der die 16.250 Säcke nicht in 700, sondern in fünf, maximal zehn Jahren wiederhergestellt sein sollen.
Zirndorf: Agenten statt Migranten
Im Fernsehen habe er einmal einen Bericht über die Stasi-Schnipsel gesehen, erzählt er. Ein paar Beamte, die im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im bayrischen Zirndorf mit ihrer ursprünglichen Aufgabe nicht ausgelastet waren, zeigten vor der Kamera, wie sie die Papierfetzen des Stasi-Akten aus den Säcken holten und mit ihnen quasi Puzzle spielten.
Um alle Akten von 30 Mitarbeitern manuell zusammenfügen zu lassen, sind nach Schätzungen Nickolays 700 Jahre zu veranschlagen. Das wollte er ändern. Er entwickelte die Software.
Die Erkennungssoftware, die er als Prototyp entwickelt hat, kann die zerrissenen Seite rekonstruieren. „Unsere Algorithmen arbeiten flächen- und konturbasiert, sie berücksichtigen also sowohl die Form als auch den Inhalt der Schnipsel.“
Die Schnipsel werden glattgebügelt und von beiden Seiten im Scanner fotografiert. Der Hochleistungsscanner erfasst mehrere tausend Schnipsel pro Stunde.
Worauf es ankommt, sind die Konturen der Papierstücke (Ecken, Riss- und Außenkanten), der Verlauf der Linien oder des Karos, die Textur, die Farbe des Papieres und der Schrift, die Art der Schrift und so weiter.
Die Schichten im Sack
Meist liegen die zusammengehörigen Papierfetzen (“Rekonstruktionspartner”) im jeweils selben Sack, was die Arbeit erleichtert, oft sogar in der selben Schicht, die beim hastigen Befüllen der Säcke entstanden ist. Eher selten wurden brisante Inhalte in Stücken auf viele Säcke aufgeteilt.
Die Kosten dieses Verfahrens sind nicht wegen der Spitzentechnologie hoch, sondern wegen der Handarbeit, die beim Vorsortieren und Scannen nötig ist, und wegen der anschließenden Lagerung und Speicherung auf DVD. Das Speichergesamtvolumen dürfte am Ende 100 Terrabyte betragen.
vReko, mReko, ePuzzle
Das Ergebnis sind die „rekonstruierten Unterlagen“, sie werden in der Birthler-Behörde schlicht “Reko” genannt. „vReko“ sind im Fachjargon die virtuellen, „mReko“ die manuellen Rekonstruktionen. Die eigentliche Rekonstruktion, das „Matchen“, nennen die Fachleute des IPK „ePuzzle“ (elektronisches Puzzle).
Diktaturen, Steuerbetrug, Katastrophen
Die von Nickolay entwickelte Methode hat weltweit Interesse geweckt, wo es Diktaturen aufzuarbeiten, Mafiosi zu entlarven und Terrorismus zu bekämpfen gilt. Aus vielen Ländern kamen bereits Anfragen. Auch Kriminal-, Zoll- und Steuerfahnder versprechen sich davon viel. Andere fürchten den Besuch eines Staatsanwalts, Nickolay dagegen ist es gewohnt. Meldet sich ein Staatsanwalt an, ahnt er, dass es wieder um große Dinge geht und der Ankläger die Hilfe Nickolays benötigt.
Banden von grenzüberschreitender organisierter Kriminalität wurde das Handwerk gelegt, “weil wir geschredderte, nur drei Millimeter breite Streifen zusammensetzen konnten, das ist weltweit einmalig”, ist Nickolay stolz. Die in seinem Institut wiederhergestellten Papiere seien das einzige Beweisstück gewesen, mit dem die Banden überführt werden konnten.
Auch die bei der Kölner U-Bahn-Baustellenkatastrophe zerstörten Dokumente des Stadtarchivs, die wertvolle Sammlung von Handschriften gehen durch die Hände des Nickolay-Teams.
Die Software lässt sich sogar für dreidimensionales Scannen anwenden. Glassplitter, Tonscherben, Freskenteile lassen sich virtuell zusammensetzen. Versicherungen erleichtert diese Technik nicht nur die Feststellung von Schadensursachen, sondern auch das Festsetzen des Risikos bei ungewöhnlichen Versicherungswerten. Auch Archäologen bieten sich ungeahnte neue Möglichkeiten.
Keine Unterlagen aus der Wendezeit 1989/90
Es scheint, als hätte Nickolay den Anreiz für die bahnbrechende Software-Entwicklung der Vernichtungsaktion von Stasi-Akten zu verdanken.
Am schnellsten und gründlichsten vernichtet wurden die Akten aus Oktober, November und Dezember 1989. Ausgerechnet aus dieser wichtigsten und brisantesten Zeit der Wende fehlen Erkenntnisse über Täter und Taten. Werden die Schnipsel nicht mehr bearbeitet, könnten sich die Täter für immer aus der Verantwortung stehlen.
“Unsere Methodik der virtuellen Rekonstruktion kann man vergleichen mit der Methodik eines Menschen, der ein Puzzle zusammensetzt”, erklärt Nickolay. “Auch der Mensch verwendet für sein Geduldspiel eine Vielzahl von Merkmalen, ob zwei Teile zueinanderpassen oder nicht.
Es handle sich um ein Projekt, das weltweit ohne Beispiel und Vorbild sei, ergänzt die Birthler-Behöde.
Beweise für staatliches Doping an Minderjährigen
Allein mit den wenigen in Zirndorf manuell geretteten Akten ließen sich schon das gezielte Doping an minderjährigen Leistungssportlern durch verdeckte „Offiziere im besonderen Einsatz“ (OibE) der Stasi nachweisen und schwere Krankheits- und sogar Todesfälle aufklären. Welche Wahrheiten werden dann erst mit der effizienteren Methode des ePuzzle ans Licht kommen!
Politische Widerstände
Nickolay hätte mit seiner Technik schon zehn Jahre früher anfangen können. Doch die Stasi-Unterlagen-Behörde, nach ihrem damaligen Leiter noch Gauck-Behörde genannt, reagierte ein Jahr lang nicht auf seine Vorschläge.
Über die Gründe lässt sich spekulieren. Welche politischen Widerstände gegen das Projekt bereits bekannt geworden sind und welche noch gar nicht bekannt sind, davon im nächsten Kapitel.
Die lange Verzögerung des Projekts und die bürokratischen Hindernisse haben jedenfalls dazu geführt, dass exzellente Wissenschaftler aus dem Team des IPK in die USA oder nach Japan abgeworben wurden. „Das machen die nicht nur wegen des Geldes“, seufzt Nickolay. „Wegen der Bürokratie seh ich für Europa ganz schwarz.“
Wird fortgesetzt.
Links:
Bildergalerie der virtuellen Schnipsel-Rekonstruktion
Stasi-Unterlagen-Behörde bzw. sogenannte Birthler-Behörde
Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK)
Statement von Dr. Bertram Nickolay
Bericht der Regierung Modrow zur Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit vom 15. Januar 1990
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: [email protected] oder [email protected]