Kasachstan positioniert sich als „Mittelmacht“ mit globalen Ambitionen

Während die Großmächte schwächeln und eine neue Weltordnung entsteht, entwickeln sich „Mittelmächte“ mit neuem Einfluss und bieten strategische Investitionsmöglichkeiten.

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Astana hat zu einer vertieften regionalen Zusammenarbeit, verstärkten Investitionen in Konnektivität und einer Neukalibrierung der globalen Governance aufgerufen. [Getty Images: Javier Ghersi]

Angesichts neu gezogener geopolitischer Grenzen und einer sich verschärfenden Konkurrenz zwischen den Großmächten rücken die „Mittelmächte“ zunehmend in den Fokus der globalen Führungsrolle. Auf dem jüngsten Astana International Forum (AIF) 2025 positionierte sich Kasachstan klar im Zentrum dieser sich abzeichnenden multipolaren Ordnung.

Astana hat zu einer vertieften regionalen Zusammenarbeit, verstärkten Investitionen in die Konnektivität und einer Neukalibrierung der globalen Governance aufgerufen. Für die EU-Mitgliedstaaten bietet dies eine zeitgemäße und strategische Gelegenheit, sich sinnvoller mit der größten Volkswirtschaft der Region zu engagieren, die ein wichtiger Transit- und Ressourcenknotenpunkt zwischen Ost und West ist.

Pragmatische „Mittelmacht“

In einem Gespräch mit Al Jazeera während des AIF bekräftigte Präsident Kassym-Jomart Tokayev das Bekenntnis Kasachstans zum Multilateralismus und zur Reform des UN-Sicherheitsrats und betonte die Notwendigkeit, dass aufstrebende Mittelmächte eine größere Rolle bei der Sicherung des weltweiten Friedens und der Stabilität spielen müssen.

„Der Multilateralismus gerät ins Stocken“, warnte Tokajew und verwies auf die derzeitige Lähmung etablierter internationaler Institutionen. „Mittlere Mächte sollten ihre Kräfte bündeln, um die Vereinten Nationen gerechter zu gestalten.“

Seine Botschaft findet im heutigen postglobalistischen Kontext breitere Resonanz, betont Darren G. Spinck, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Henry Jackson Society.

Er argumentiert, dass der Zusammenbruch der Unipolarität – beschleunigt durch den nationalistischen Kurs der Trump-Regierung und eine breitere Zweiteilung der globalen Wirtschaftssysteme – Raum für Länder wie Kasachstan schafft, um einflussreiche Vermittler für wirtschaftliche und geopolitische Stabilität zu werden.

„Zentralasien steht nicht mehr am Rande des Weltgeschehens – es wird zu einem zentralen Akteur bei der Gestaltung der Zukunft“, so Spinck.

Chancen für Europa

Kasachstan setzt sich für die Transkaspische Internationale Transportroute (Mittlerer Korridor) als wettbewerbsfähige Alternative zu den traditionellen Routen durch Russland ein. Präsident Tokajew bekräftigte seine Unterstützung für eine multimodale Infrastruktur, die China, Zentralasien, den Kaukasus und Europa über die Türkei verbindet.

Für die EU steht die Investition in diese Route im Einklang mit den Zielen der Global Gateway-Initiative und trägt zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der eurasischen Lieferketten bei.

Europäische Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen könnten eine zentrale Rolle spielen, indem sie bei der Koordinierung öffentlich-privater Investitionsplattformen helfen, insbesondere da Astana Vorschläge für eine spezielle Transkaspische Entwicklungsbank prüft.

Angesichts der wachsenden Besorgnis über Chinas Dominanz bei kritischen Rohstoffen bieten Kasachstans riesige Vorkommen an schweren Seltenen Erden, Uran und anderen strategischen Mineralien der EU eine zuverlässige, nicht gebundene Alternative zur Diversifizierung der Lieferketten zur Unterstützung der grünen und digitalen Wende.

Europäische Unternehmen prüfen bereits Joint Ventures im Bereich der Verarbeitung und Förderung von Seltenen Erden. Präsident Tokajew begrüßte ein weiteres Engagement Europas und versprach Transparenz, ökologische Nachhaltigkeit und rechtliche Garantien für ausländische Investoren.

Wie Spinck betont, sollte es keinem Land gestattet sein, Lieferketten als Waffe einzusetzen. Die strategische Zusammenarbeit im Bereich kritischer Rohstoffe ist nun sowohl im Rohstoffgesetz der EU als auch in der nationalen Entwicklungsroadmap Kasachstans zu einer gemeinsamen Priorität geworden.

Tokajew äußerte sich pragmatisch zur Energiezukunft des Landes. Obwohl Kohlenwasserstoffe nach wie vor dominieren, bekräftigte er das Engagement Kasachstans für Diversifizierung, versprach CO2-Neutralität bis 2060 und hob erneuerbare Energien und digitale Technologien als wichtige Wachstumssektoren der Zukunft hervor.

Da sich Astana rasch zu einem regionalen Technologiezentrum entwickelt – die IT-Exporte steigen und es werden umfangreiche Investitionen in künstliche Intelligenz und E-Governance getätigt –, gibt es für Europa erheblichen Spielraum, sein Fachwissen in den Bereichen saubere Technologien, Energieeffizienz und digitale Governance weiterzugeben, um die Modernisierung Kasachstans zu beschleunigen und gleichzeitig für beide Seiten vorteilhafte Möglichkeiten zu erschließen.

Ausgewogenes Engagement

Kasachstans multivektorielle Außenpolitik – verankert in guten Beziehungen zu Russland, China, der EU, den USA und den Golfstaaten – positioniert das Land als einzigartigen Gesprächspartner in einer zunehmend polarisierten geopolitischen Landschaft.

Die Herausforderung für die EU-Mitgliedstaaten besteht darin, hochrangige Erklärungen in konkrete bilaterale Rahmenwerke umzusetzen, insbesondere in Bereichen wie Infrastrukturfinanzierung, Rohstoffversorgungsketten, Bildung und Innovation.

Die nationalen Regierungen könnten dem Beispiel Italiens folgen und maßgeschneiderte Partnerschaften mit Kasachstan anstreben. Das erweiterte Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Kasachstan bildet dabei das Gerüst. Nun liegt es an den einzelnen Hauptstädten, sinnvolle Kooperationen zu entwickeln und umzusetzen.

Angesichts des Aufstiegs von Mittelmächten wie Kasachstan ist Europa bewusst, dass es sein Engagement anpassen und von Rhetorik zu Strategie übergehen muss. Mit gemeinsamen Interessen in den Bereichen Konnektivität, Resilienz und offene Märkte kann die EU von engeren Beziehungen zu Astana profitieren, nicht nur als zentralasiatischer Partner, sondern auch als aufstrebender Akteur in der zukünftigen globalen Governance.

Wenn Brüssel eine multipolare Ordnung auf der Grundlage von Zusammenarbeit und regelbasiertem Engagement anstrebt, ist Kasachstan ein Land, das man im Auge behalten sollte und das zunehmend als Investitionsziel angesehen wird.