Kakaobauern in Sorge wegen drohender EU-Vorschriften gegen Abholzung
Die Kakaopreise erreichen Rekordhöhen und die Erzeuger in Zentral- und Westafrika haben mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen. Daher beeilt sich der Kakaosektor, seine Produktion an die EU-Verordnung zur Bekämpfung der Entwaldung (EUDR) anzupassen.
Die Kakaopreise erreichen Rekordhöhen und die Erzeuger in Zentral- und Westafrika haben mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen. Daher beeilt sich der Kakaosektor, seine Produktion an die EU-Verordnung zur Bekämpfung der Entwaldung (EUDR) anzupassen, die ab Januar 2025 in Kraft treten wird.
Die Verbraucher in der EU haben die Auswirkungen der steigenden Preise besonders zu spüren bekommen. Nach Angaben der Europäischen Kommission ist die EU mit einem Anteil von 60 Prozent an den weltweiten Kakaoeinfuhren der größte Kakaoimporteur der Welt.
Im März, während der Hauptverkaufszeit für Schokolade in Europa, schnellten die Kakaopreise auf dem New Yorker Terminmarkt auf 10.000 Dollar (9.212 Euro) pro Tonne in die Höhe. Bis zum 25. April sind sie auf diesem Niveau geblieben.
Der Preisanstieg fiel mit dem Rückgang der Kakaobohnenvorräte in den wichtigsten Erzeugerländern und der steigenden Nachfrage zusammen.
Der Produktionsrückgang betrifft vor allem die wichtigsten Kakaolieferanten der EU, nämlich Côte d’Ivoire, Ghana und Kamerun. Die kurz- bis mittelfristigen Prognosen bleiben düster.
In seiner Rede auf der Weltkakaokonferenz 2024, die diese Woche in Brüssel stattfand, warnte Michel Arrion, Exekutivdirektor der Internationalen Kakao-Organisation (ICCO), dass die Faktoren, die die Preise in die Höhe treiben, wahrscheinlich weiter anhalten werden.
Dazu gehören der Klimawandel, die steigende Nachfrage nach Schokolade in aufstrebenden Märkten und die Auswirkungen des für die Bäume tödlichen Badnavirus, insbesondere in Ghana.
„Die gleichen Ursachen werden wahrscheinlich auch die gleichen Folgen erklären oder verursachen“, teilte Arrion den Journalisten auf der Konferenz mit.
Er wies darauf hin, dass die großen Erzeuger, darunter Ghana und Côte d’Ivoire, einen „Wendepunkt“ erreicht hätten. Er prognostizierte, dass es ihnen schwerfallen werde, das frühere Produktionsniveau wieder zu erreichen.
In einem kürzlich erschienenen ICCO-Bericht wird auch die Alterung der Kakaobäume als der bedrohlichste Faktor für langfristige Marktungleichgewichte genannt. Neue Bäume erreichen nämlich erst nach zehn Jahren ihren maximalen Ertrag.
Unfaire Verteilung
Gleichzeitig profitieren die zum Großteil in Armut lebenden Kakaolandwirte kaum von der Preiserhöhung.
In Ghana und Côte d’Ivoire werden beispielsweise zentralisierte Preissysteme angewandt. Dabei werden die Preise für die Erzeuger festgelegt, was ihnen ein Grundeinkommen sichert, ihre Einkünfte bei Produktionsrückgängen jedoch einschränkt.
Eine Oxfam-Analyse, die auf der Weltkonferenz vorgestellt wurde, ergab, dass die großen Schokoladenhersteller Lindt, Mondelēz und Nestlé im Jahr 2023 einen Gewinn von vier Milliarden Dollar (3,7 Milliarden Euro) aus dem Verkauf von Schokolade erzielt haben.
Das Vermögen der Familien Ferrero und Mars stieg im gleichen Zeitraum auf 160,9 Milliarden Dollar (150,44 Milliarden Euro). Es übertraf damit das kombinierte Bruttoinlandsprodukt der weltweit führenden Kakaolieferanten Ghana und Côte d’Ivoire, auf die mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion entfällt.
Die beiden westafrikanischen Staaten haben 2018 eine Prämie von 400 Dollar pro Tonne Kakao eingeführt, um die Lebensbedingungen der Landwirte zu verbessern. Der Oxfam-Bericht zeigt jedoch, dass diese Maßnahme gescheitert ist, da die Käufer die Preise herunterhandelten.
„Es ist heuchlerisch. Die Schokoladenriesen zahlen hohe Preise, weil der Markt es verlangt, aber sie haben sich jedes Mal gewehrt, wenn die Kakaolandwirte dies getan haben“, sagte Oxfams Politikberater Bart Van Besien.
Drohende EU-Vorschriften
Inmitten dieser Herausforderungen zeichnet sich die EU-Gesetzgebung zur Bekämpfung der Entwaldung als großes Problem ab.
Unternehmen, die Produkte auf den EU-Markt bringen wollen, die unter die Vorschriften fallen – die sich auf Rinder, Kakao, Kaffee, Palmöl, Soja und Holz beziehen -, müssen mit Hilfe von Geokoordinaten nachweisen, dass sie nach Dezember 2020 nicht von abgeholzten oder degradierten Flächen bezogen wurden.
Hanne Vandersteegen, Regionalberaterin bei Trias, einer internationalen NGO mit Wurzeln in Belgien, die Landwirte in Entwicklungsländern unterstützt, lobte das Ziel der Verordnung, der Entwaldung Einhalt zu gebieten. Sie äußerte jedoch die Befürchtung, dass dadurch kleinere Landwirte ausgeschlossen werden könnten.
Sie betonte, dass Landwirte in Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo (DRC), einem wichtigen Kakaoerzeuger, Schwierigkeiten haben könnten, sich an die Regeln anzupassen. Die Kakaoproduktion ist dort nämlich weniger zentralisiert als in Ghana und Côte d’Ivoire.
„Die Käufer verlagern die Wertschöpfungsketten, um sicherzustellen, dass der gesamte Kakao zurückverfolgt werden kann, aber sie lassen eine ganze Reihe von Erzeugern zurück […] und das ist nicht die Intention“, erklärte Vandersteegen gegenüber Euractiv.
„Die EUDR besagt, dass es in der Verantwortung der Käufer liegt, sicherzustellen, dass ihre Wertschöpfungsketten nachhaltig sind, und nicht nur diejenigen [Landwirte] herauszupicken, die mehr Geld und mehr Informationen haben“, erläuterte sie.
Führende Vertreter von Erzeugerorganisationen in Ghana und Côte d’Ivoire äußerten sich optimistisch über die Umsetzung der ehrgeizigen Verordnung. Sie betonten jedoch, dass die Landwirte unterstützt werden müssten.
Aly Touré, Sprecher der Erzeuger der ICCO und Botschafter von Côte d’Ivoire, erklärte gegenüber Euractiv, dass Côte d’Ivoire dank eines „fruchtbaren“ Austauschs mit den EU-Behörden auf die EUDR-Verordnung vorbereitet sei.
„Als Ivorer kann ich Ihnen sagen, dass wir am 1. Januar 2025 den EU-Vorschriften entsprechen werden“, sagte Touré. Er räumte auch ein, dass andere Mitglieder der ICCO „sicherlich Schwierigkeiten“ haben werden, die Anti-Abholzungsvorschriften umzusetzen.
Joseph Boahen Aidoo, Leiter des ghanaischen Cocoa Board, betonte dagegen, dass die Verordnung gegen Abholzung „die Landwirte teuer zu stehen kommen wird.“ Dies könne zu weiteren Preissteigerungen führen.
Die EU-Kommission stößt auch auf den Widerstand einiger EU-Staaten, die auf eine Verzögerung bei der Durchsetzung der Vorschriften drängen. Sie befürchten, dass die neue Gesetzgebung den Verwaltungsaufwand für die Mitgliedstaaten und die europäischen Landwirte erhöhen wird.
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[Bearbeitet von Angelo Di Mambro/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]