Italien erwägt Rückkehr zur Kernenergie
Der italienische Ministerrat befasst sich heute mit einem Gesetzentwurf, der den Weg für eine Rückkehr zur Kernenergie ebnen könnte – Jahrzehnte nach den Volksabstimmungen von 1987 und 2011, die zum Atomausstieg führten.
Der italienische Ministerrat befasst sich heute mit einem Gesetzentwurf, der den Weg für eine Rückkehr zur Kernenergie ebnen könnte – Jahrzehnte nach den Volksabstimmungen von 1987 und 2011, die zum Atomausstieg führten.
Rom – Der Entwurf sieht die Schaffung eines umfassenden regulatorischen Rahmens für eine nachhaltige Kernenergieproduktion vor. Dieser soll die Stromerzeugung aus Kernkraft, den Rückbau stillgelegter Anlagen, die Entsorgung radioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente sowie die Forschung und Entwicklung im Bereich der Fusionsenergie regeln. Zudem sollen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten innerhalb des Sektors neu geordnet werden.
Die Umsetzung wird voraussichtlich Zeit in Anspruch nehmen. Der Gesetzentwurf ist Teil einer langfristigen Strategie, die bis 2027 in einen konsolidierten Nuklearkodex münden soll. Ziel der Regierung ist es, die Energiesicherheit zu stärken, die Kosten für Verbraucher und Unternehmen zu senken und zur Erreichung der Dekarbonisierungsziele beizutragen.
Besonders Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Umwelt- und Energiesicherheitsminister Gilberto Pichetto Fratin haben sich wiederholt für die Wiederaufnahme der Kernenergie in Italien ausgesprochen.
Laut dem Nationalen Integrierten Energie- und Klimaplan könnte Atomkraft bis 2050 zwischen elf und 22 Prozent der Stromversorgung des Landes decken.
Unklar ist bislang, auf welche Technologien und Reaktortypen die Regierung setzen will. Interesse besteht jedoch an fortschrittlichen Reaktoren der dritten und vierten Generation – insbesondere an nachhaltigen Konzepten wie Small Modular Reactors (SMRs) und Advanced Modular Reactors (AMRs).
Als wahrscheinlich gilt die Gründung eines neuen staatlich kontrollierten Unternehmens, das Enel, Ansaldo Nucleare und Leonardo umfassen könnte. Die Auswahl eines internationalen Technologiepartners läuft derzeit. Die neue Gesellschaft soll sich auf die Forschung und Entwicklung moderner Kerntechnologien konzentrieren und die Wiederbelebung der italienischen Atomindustrie vorantreiben.
Energiekrise
Die Diskussion über die Kernenergie fällt in eine Zeit steigender Strompreise.
Italien gehört derzeit zu den Ländern mit den höchsten Energiekosten in Europa. Im Januar 2025 lag der Strompreis um 25 Prozent über dem deutschen Niveau, 40 Prozent über dem französischen und 48 Prozent über dem spanischen. Laut Daten des italienischen Energie-Marktbbetreibers GME betrug der durchschnittliche Großhandelspreis für Strom im Januar 2025 rund 143 Euro pro Megawattstunde – ein Anstieg von 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.
Experten machen vor allem die Abhängigkeit von Erdgas für die hohen Strompreise verantwortlich. Italien sei dadurch besonders anfällig für Preisschwankungen. Zudem würden bürokratische Hürden den Ausbau erneuerbarer Energien verlangsamen und die Energieunabhängigkeit des Landes beeinträchtigen.
Neben der Kernenergie-Debatte wird der Ministerrat heute auch Maßnahmen zur Entlastung von Haushalten und Unternehmen bei den Energiekosten beraten.
[KN]