Irlands Pharmaindustrie: Der lange Weg an die Spitze

Irland hat sich in weniger als 50 Jahren dank einer konsequenten Regierungsstrategie, die das Land für Investitionen attraktiv machte, zum größten EU-Nettoexporteur von Arzneimitteln und zu einem starken internationalen Akteur entwickelt.

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Laut der irischen Wirtschaftsförderungsagentur IDA Ireland liegt das Land weltweit an dritter Stelle bei Arzneimittelexporten. Andere Analysten sehen Irland weltweit an fünfter Stelle - keine schlechte Bilanz für ein Land, mit nur fünf Millionen Einwohnern. [[Shutterstock/Stock Studio 4477]]

Irland hat sich in weniger als 50 Jahren dank einer konsequenten Regierungsstrategie, die das Land für Investitionen attraktiv machte, zum größten EU-Nettoexporteur von Arzneimitteln und zu einem starken internationalen Akteur entwickelt.

Laut der irischen Wirtschaftsförderungsagentur IDA Ireland liegt das Land weltweit an dritter Stelle bei Arzneimittelexporten. Andere Analysten sehen Irland weltweit an fünfter Stelle – keine schlechte Bilanz für ein Land, mit nur fünf Millionen Einwohnern.

Die Handelsdatenbank OEC World berichtet, dass pharmazeutische Erzeugnisse weltweit an sechster Stelle der meistgehandelten Produkte stehen. Im Jahr 2021 waren die wichtigsten Exporteure von pharmazeutischen Produkten Deutschland (115 Milliarden Dollar), die Schweiz (90,2 Milliarden Dollar), die USA (81,5 Milliarden Dollar), Belgien (71,1 Milliarden Dollar) und Irland (70,6 Milliarden Dollar).

Es wird Geschichte geschrieben

Oliver O’Connor, Geschäftsführer der Irish Pharmaceutical Healthcare Association (IPHA), sagte Euractiv, dass das Fundament für Irlands Erfolg eine konsequente und langfristige Politik sei.

„Obwohl Irland eines der kleineren Länder in der EU ist, haben alle Top-10-Pharmaunternehmen der Welt hier Niederlassungen. Dieser Erfolg kommt nicht von heute auf morgen, sondern ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Kontinuität der Politik“, sagte er.

„Seit dem Brexit ist Irland als englischsprachiges Land in der EU besonders attraktiv. Geografisch gesehen liegt Irland in der Nähe anderer EU-Staaten und Großbritanniens und bietet eine hervorragende Anbindung an die USA, Asien und andere Nicht-EU-Märkte“, fügte er hinzu.

Nach Angaben der IPHA ist Irland heute der größte Nettoexporteur von Arzneimitteln in der EU. Über 50 Prozent aller Exporte des Landes sind pharmazeutische Erzeugnisse. Eurostat berichtete, dass Deutschland (49 Milliarden Euro), Belgien (36 Millarden Euro) und Irland (35 Milliarden Euro) im Jahr 2022 die größten Handelsbilanzüberschüsse bei Arzneimitteln und pharmazeutischen Produkten aufwiesen.

Das irische Zentralamt für Statistik meldete, dass die Ausfuhren medizinischer und pharmazeutischer Erzeugnisse um 17 Milliarden Euro (28 Prozent) auf 80 Milliarden Euro im Jahr 2022 gestiegen sind.

Ein 50-Jahres-Projekt

Pfizer eröffnete seine Produktionsstätte in Irland in den frühen 1970er Jahren, woraufhin alle großen Pharmaunternehmen diesem Beispiel folgten.

Mit der Investition von Wyeth Pharmaceuticals in eine irische Fabrik im Wert von 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2005 hat die Herstellung von Biopharmazeutika der Industrie in Irland einen neuen Aufschwung gegeben. Dies war eine der größten Investitionen in Biopharmazeutika zu dieser Zeit.

Nach Angaben der IPHA haben seit 2005 mehr als 23 Biopharmazieunternehmen in Irland investiert. Insgesamt sind in diesem Sektor rund 50.000 Menschen beschäftigt.

„Wir haben erkannt, dass ausländische Direktinvestitionen (ADI) der Wirtschaft zugutekommen können, und haben uns auf die Sektoren Pharmazie, Technologie und Finanzdienstleistungen konzentriert“, sagte Rory Mullen, Manager für Biowissenschaften und Lebensmittel bei der IDA, der irischen ADI-Agentur, gegenüber Euractiv.

Mullen ist der Ansicht, dass Irlands Erfolg im Pharmasektor größtenteils auf eine einheitliche Regierungsstrategie zurückzuführen ist. Diese hat für ein „solides legislatives und regulatorisches Umfeld, eine sektorspezifische Infrastruktur und Investitionen in eine Schulungs- und Bildungsstruktur gesorgt. All diese Bereiche sind so aufeinander abgestimmt, dass sie die Unternehmen im gesamten Sektor unterstützen.“

Auf die Frage, welche Schlüsse andere EU-Staaten aus der irischen Exportstärke im Pharmabereich ziehen können, sagte Oliver O’Connor: „Irland hat sich ein flexibles und gut ausgebildetes Personal im Pharmabereich aufgebaut, das sich ständig an die sich ändernden Bedürfnisse der Branche anpasst.“

„Wir haben uns in neuen Technologiebereichen wie Zell- und Gentherapien, mRNA und jetzt auch KI weitergebildet. Die Erweiterung der Ausbildung für die Herstellung von Zell- und Gentherapien am irischen National Institute for Bioprocessing Research and Training (NIBRT) ist ein Beispiel für solche Programme.“

O’Connor führte den anhaltenden Erfolg Irlands auf „ein Maßnahmenpaket zurück. Dieses umfasst hoch qualifizierte und flexible Arbeitskräfte, einen einfachen Marktzugang zu den USA und der EU, eine offene internationale Handelspolitik, ein wettbewerbsfähiges Geschäfts- und Steuerumfeld innerhalb der internationalen Normen und ein Ökosystem der kooperativen Forschung.“

Wirtschaftliche Lage

Trotz Irlands Ruf als Niedrigsteuerland hat die irische Pharmaindustrie in der Weltwirtschaft eindeutig mehr zu bieten als reine steuerliche Vorzüge.

Obwohl im Januar eine Erhöhung des Körperschaftssteuersatzes von 12,5 Prozent auf 15 Prozent ansteht, dürfte sich das von der OECD geführte globale Steuersystem nicht gravierend auf die Investitionen in Irland auswirken.

Die irische Wirtschaft ist nach wie vor robust. Nach Angaben der irischen Zentralbank ist die Gesamtinflation rückläufig, die Arbeitslosenquote liegt erstmals seit 2004 unter 4 Prozent, und die inländische Nachfrage wird voraussichtlich steigen.

Ein angespannter Arbeitsmarkt könnte die Arbeitgeber jedoch unter Lohndruck setzen und ihre Gewinnmargen schmälern.

Auf kurze Sicht könnte der Anstieg des Dollars die Nachfrage nach in Euro gehandelten Produkten erhöhen, was der irischen Pharmaindustrie einen Exportschub verleihen könnte.

[Bearbeitet von Vasiliki Angouridi/Zoran Radosavljevic]