Interview: Wie Forschung zur Bewältigung der Lebensmittelkrise beitragen kann [DE]

Guy Riba, der stellvertretende Direktor des französischen nationalen Instituts für landwirtschaftliche Forschung (INRA), betont die vielen Herausforderungen, denen sich die Welt bis 2050 stellen muss, um ausreichend Nahrung für ihre neun Milliarden Bewohner zur Verfügung zu stellen, ohne die Umwelt zu zerstören. EURACTIV sprach mit Riba im Vorfeld einer wichtigen Konferenz der französischen Ratspräsidentschaft, die heute (3. Juli 2008) im Parlament stattfindet.

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Guy Riba, der stellvertretende Direktor des französischen nationalen Instituts für landwirtschaftliche Forschung (INRA), betont die vielen Herausforderungen, denen sich die Welt bis 2050 stellen muss, um ausreichend Nahrung für ihre neun Milliarden Bewohner zur Verfügung zu stellen, ohne die Umwelt zu zerstören. EURACTIV sprach mit Riba im Vorfeld einer wichtigen Konferenz der französischen Ratspräsidentschaft, die heute (3. Juli 2008) im Parlament stattfindet.

Riba betonte die Vielzahl an Herausforderungen, mit denen Politiker in der ganzen Welt konfrontiert sind, wenn sie sich mit den zunehmenden Problemen der Lebensmittelversorgung und einer gleichzeitigen weltweiten Bevölkerungsexplosion auseinandersetzen, darunter der Wettbewerb um Landnutzung zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, die Anpassung an den Klimawandel – insbesondere an die schwindenden Wasservorräte – und die Sicherstellung der Versorgung mit Lebensmitteln zu angemessenen Preisen, ohne dabei der Umwelt zu schaden. 

Die Herausforderungen, die im Zusammenhang mit nachhaltiger Lebensmittelherstellung stehen, könnten nicht durch technologische Forschung allein gelöst werden, behauptete Riba: „Wir können uns nicht nur auf agrarwissenschaftliche Forschung konzentrieren“, sagte er EURACTIV gegenüber. „Es ist entscheidend, dass wir einen integrierten Ansatz verfolgen.“ 

Riba meint damit beispielsweise die Integration von Fortschritten, die auf den Gebieten der Genetik, Agrarwissenschaft, Pathologie, Technologie, Wirtschaft und Soziologie erzielt werden, in ein einziges System. „Wir verlieren eine Menge Zeit, weil einige sehr interessante Innovationen nicht integriert werden. Warum wird beispielsweise die Ernte von Nutzpflanzen in einer Region erhöht, wenn weder die Organisation der Landwirte noch die Infrastruktur, mit der die Produkte auf den Markt gebracht werden, verbessert werden?“, bemerkte er.

„Wir müssen Forscher und Interessenvertreter von Anfang an miteinander ins Gespräch bringen“, sagte er und fügte hinzu dass Genetiker, Agrarwissenschaftler, Pathologen, Soziologen, Ökonome, private Unternehmen und Landwirte zusammenarbeiten müssten, um die Entwicklung in allen Bereichen mit der gleichen Geschwindigkeit voranzutreiben. 

Eine weitere Herausforderung sei es, die Diagnose von Krankheiten und Seuchen sowie die Wasser-, Boden- und Luftqualität zu verbessern, „da wir derzeit eine Menge Zeit und Geld darauf verschwenden, Probleme zu identifizieren“, wenn beispielsweise eine neue Pflanzenkrankheit in Erscheinung tritt.  

Im Hinblick auf nachhaltige Lebensmittelproduktion ist Riba der Meinung, dass „es sehr wichtig ist, die landwirtschaftliche Erzeugung zu diversifizieren, und zwar viel mehr, als es derzeit der Fall ist“. Es müssten neue Pflanzen kultiviert werden und Arten genutzt werden, die bisher noch nicht oder nur in geringem Umfang genutzt würden. „Zunächst müssen wir die genetischen Ressourcen vervielfältigen und somit auch die Arten, die wir nutzen, und anschließend müssen wir die genetische Grundlage einer jeden Art diversifizieren.“

Dies könne, so Riba, durch Molekularbiologie geschehen, die es ermöglicht, dass bestimmte Typen und Eigenschaften einer genetischen Grundlage einer Pflanze ausgewählt werden können. Durch die Nutzung molekularer Markierung können beispielsweise interessante Eigenschaften von genetischen Paketen verschiedener Getreidesorten kombiniert werden. Gleiches gelte für Früchte und Gemüse. „Wenn es eine große Basis genetischer Vielfalt gibt, werden die Abarten sich einfacher anpassen können und widerstandsfähiger gegen den Klimaveränderungen sein“, erklärte Riba.

Auf die Frage, welche Art von Lösung gentechnisch modifizierte Pflanzen darstellen, sagte er, dass „wir GVOs nutzen müssen, wenn wir ohne diesen Ansatz keine neuen Charakterzüge entwickeln können. Wenn wir es auf anderem Wege tun können, dann werden wir diese Möglichkeit wählen“. Während Gentransfer „nicht das Patentrezept“ sei, sei er doch ein notwendiges Instrument, da „wir bereits wissen, dass einige Eigenschaften nicht ohne Gentransfer modifiziert werden können“, fügte er hinzu.

Zu den Themen, die auf der Agenda der europäischen landwirtschaftlichen Forschung stehen sollten, zählen daher die Ausnutzung des natürlichen Potentials existierender Spezies und Arten ebenso wie die Schaffung von Neuerungen, die Endverbraucher nutzen können. Es werde viel Geld ausgegeben, um verschiedene Gene zu klonen und neue Methodologien zu entwickeln, die „niemand verwendet, da sie unbekannt sind oder nicht für Endverbraucher geeignet sind“, sagte er. Er betonte die Notwendigkeit, sowohl Erfindungen als auch Transfer in Erwägung zu ziehen und insbesondere Landwirte von Anfang an einzubeziehen.

Riba betonte weiterhin die Notwendigkeit, die Kapazitäten zu erhöhen, um eine Vorstellung von der Zukunft zu bekommen. „Es ist viel mehr Vorausschau notwendig und wir müssen uns viel stärker darüber austauschen. Es werden viele Studien über zukünftige Möglichkeiten betrieben, doch landen sie meist im Buchregal“, erklärte Riba und betonte die Wichtigkeit, dass diese Informationen weitergegeben werden und stets in Erwägung gezogen werden, wenn landwirtschaftliche Forschungsprogramme festgelegt werden.

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