Interview: Umkehrung des herkömmlichen Lobbyings [DE]

Der Versuch, politische Entscheidungsträger von den eigenen Argumenten zu überzeugen, sei nur bis zu einem gewissen Grad erfolgreich, so Wilfried Hansel von PlasticsEurope. Lobbyisten müssten sich an die Bedürfnisse der Gesellschaft als Ganzes wenden, um Ergebnisse positiv zu beeinflussen. Dies sagte er EURACTIV in einem Interview.

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Der Versuch, politische Entscheidungsträger von den eigenen Argumenten zu überzeugen, sei nur bis zu einem gewissen Grad erfolgreich, so Wilfried Hansel von PlasticsEurope. Lobbyisten müssten sich an die Bedürfnisse der Gesellschaft als Ganzes wenden, um Ergebnisse positiv zu beeinflussen. Dies sagte er EURACTIV in einem Interview.

Politische Entscheidungsträger dazu zu bringen, von bestimmten Industrieverbänden vorgebrachte Argumente zu „kaufen“, war lange Zeit das erklärte Ziel von Kommunikationsberatern, Firmenlobbyisten und Handelsverbänden. Um sie zu beeinflussen, werden jedes Jahr große Beträge in Lobbying-Strategien investiert.

Diese geduldige Arbeit kann jedoch über Nacht von Nichtregierungsverbänden (NGOs) vernichtet werden. Dabei handelt es sich um eine andere Sorte von Lobbyisten, die normalerweise stark gegensätzliche Ansichten haben und Experten darin sind, die Aufmerksamkeit der Journalisten oder der allgemeinen Öffentlichkeit mit kreativen Kommunikationskampagnen zu gewinnen.

Die Schaffung von Bündnissen mit NGOs hat den Firmenlobbyisten eine Lösung dieses Problems geliefert. Dennoch versuchen einige, diesen Ansatz noch zu erweitern, indem sie die allgemeine Öffentlichkeit direkt einbeziehen wollen. Dies ist auch der Ansatz von Wilfried Haensel, dem Executive Director von PlasticsEurope – einem Verband, der die Industrie der europäischen Kunststofferzeuger repräsentiert. 

In der herkömmlichen Interessenvertretung sei das Ziel, dass andere die eigene Situation verstünden und akzeptierten, so Haensel. Dies sei jedoch nur in einem gewissen Ausmaß möglich. Wenn man es umkehre und versuche, die Bedürfnisse und Ansprüche der Gesellschaft, der politischen Entscheidungsträger usw. anzugehen, habe man eine größere Aussicht auf Erfolg. Dies sei sein Ziel. 

Laut Haensel müsse man damit beginnen, sich früher an die Zielgruppe zu wenden, um die Interessen der Gesellschaft zu verstehen. Dies führte PlasticsEurope dazu, eine Reihe von Programmen einzuführen, welche die Bürger in Diskussionen über wichtige gesellschaftliche Angelegenheiten dort einbezieht, wo man glaubt, dass Kunststoff etwas bewirken könne: Klimaschutz und Energieeffizienz, Ressourceneffizienz und Verbraucherschutz.

In einigen dieser Programme werden junge Menschen dazu ermuntert, an Debatten in den nationalen Parlamenten in Hauptstädten der EU teilzunehmen. Es entstünden Situationen, in denen zwei unterschiedliche Gruppen die Vor- und Nachteile bestimmter Aktivitäten diskutierten, die alle im Kontext von begrenzten Ressourcen und Energieeffizienz stehen.

Das Programm wurde im Jahr 2007 in Berlin, Warschau und London eingeführt und soll in diesem Jahr auf andere große Hauptstädte ausgeweitet werden. Der Prozess wird seinen Höhepunkt Mitte des Jahres 2008 in einer Debatte im Europäischen Parlament in Brüssel finden, bei der sich alle „Gewinner“ der Debatten der nationalen Parlamente versammeln.

In Verbindung mit anderen Veranstaltungen, die in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Netzwerk von Schulen (European School Network) eingeführt wurden, habe PlasticsEurope bereits zwei Millionen junger Menschen erreicht, so Haensel.

In ganz Europa würden sich junge Menschen darüber bewusst werden, dass sie einen Beitrag leisten können, um die Energie und Ressourcen der Erde zu sparen. Man könne also behaupten, dies sei eine sehr soziale Initiative, da man zu erhöhtem Bewusstsein und Verhaltenswandel beitrage.

So edelmütig diese Initiativen erscheinen mögen, Haensel macht keinen Hehl daraus, dass letztendlich PlasticsEurope ein Interesse daran hat, sie zu unterstützen: die positiven Auswirkungen dieser Aktivitäten für das Unternehmen seien, dass Kunststoffe eine wichtige Rolle beim Energiesparen und im Umweltschutz spielten.

Er verteidigt sich gegen mögliche Anschuldigungen, dass PlasticsEurope junge Menschen benutzen würde, um Lobbying-Ziele zu erreichen. Man würde nicht für Kunststoff werben – dies sei lediglich ein natürliches Ergebnis der Debatten. Zu einem bestimmten Zeitpunkt würden die Teilnehmer auf natürliche Weise verstehen, dass Kunststoffe in den Bemühungen, Energie zu sparen, eine Rolle spielten.

Gehört die Interessenvertretung hinter den Kulissen damit der Vergangenheit an? Noch nicht ganz, wie es scheint.

Natürlich müsse man auf mehreren Ebenen arbeiten, so Haensel. Nur daran zu arbeiten bedeute allerdings, dass man die Chance ungenutzt lasse, bestimmte Entwicklungen zu beeinflussen, die letztendlich die politischen Entscheidungsträger dazu bringen würden, zu handeln.

Auch in der Vergangenheit habe man nur mit einem kleinen Publikum kommuniziert, das im Wesentlichen aus politischen Entscheidungsträgern bestanden habe. Dies sei der herkömmliche Weg, Arbeit in Interessensverbänden zu leisten.

Dies habe man geändert.

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