Interview: London bereitet sich auf 'Energierevolution' vor [DE]
Die stellvertretende Bürgermeisterin von London, Nicky Gavron, plant, dass die Stadt bei der dezentralisierten Stromerzeugung eine Führungsrolle einnehmen soll, so dass jeder Haushalt in London letztendlich seine eigene Energie produzieren und CO2-Emission reduzieren kann. Außerdem sind für 2008 neue Bußgelder für umweltverschmutzende Lastkraftwagen und Busse geplant, sagte sie EURACTIV in einem Interview.
Die stellvertretende Bürgermeisterin von London, Nicky Gavron, plant, dass die Stadt bei der dezentralisierten Stromerzeugung eine Führungsrolle einnehmen soll, so dass jeder Haushalt in London letztendlich seine eigene Energie produzieren und CO2-Emission reduzieren kann. Außerdem sind für 2008 neue Bußgelder für umweltverschmutzende Lastkraftwagen und Busse geplant, sagte sie EURACTIV in einem Interview.
Der führende Kopf hinter den mittlerweile berühmten Staugebühren ist die stellvertretende Bürgermeisterin Londons, Nicky Gavron. Sie wird als Pionierin der nachhaltigen Städteplanung gesehen. Während eines Besuchs in Brüssel im Juni 2007 sprach sie mit EURACTIV.
- Die Rolle der Städte im Kampf gegen den Klimawandel
„Wenn es um konkrete Maßnahmen geht, müssen Städte eine zentrale Stellung einnehmen“, sagte Gavron. Sie ist der Meinung, dass es Städten leichter falle, ehrgeizige umweltpolitische Ziele zu erreichen. „Der Grund hierfür ist, dass sie die Möglichkeit haben, zu planen. Tatsächlich sind sie es, die den Großteil der umweltpolitischen Infrastruktur betreiben, und diese bauen. Sie sind für Verkehr verantwortlich. In den Städten gibt es diese Dichte von Besitz, Aktivität und Bevölkerung, was bedeutet, dass es auf gewisse Weise einfacher ist, in den Städten CO2-Emissionen zu reduzieren.“
Gemeinsam mit dem Londoner Bürgermeister Ken Livingstone trug Gavron dazu bei, einen Aktionsplan zum Klimawandel zu gestalten, der im Februar 2007 startete. Das Ziel des Plans sei, so Gavron, CO2-Emissionen in London bis 2025 um 60% zu reduzieren.
„Wir haben einen Klima-Aktionsplan geschaffen, um zu zeigen, wie wir diese Ziele erreichen können. Und wir sagen, dass man das Ziel von 30% bis 2025 ohne die Hilfe der Regierung erreichen kann, um allerdings 60% zu erreichen, benötigen wir mehr Hilfe.“
- Energieeffizienz und Mikroerzeugung als Schlüssel zur „Energierevolution“
Der Schlüssel, um das Ziels zur CO2-Reduzierung zu erreichen, ist der Ersatz bestehender Kraftwerke durch neue, effizientere Einrichtungen. „Die Mehrheit der weltweiten Emissionen entsteht durch ineffiziente Kraftwerke, seien es Kohle-, Gas-, Öl- oder Atomkraftwerke.“, erklärt Gavron. „Diese Kraftwerke verlieren bis zu 70% ihrer Primärenergie. Sie verschwenden ebenfall ihre gesamte Wärme, das heißt, es ergibt sich ein doppelter Verlust.“
Was London nun beabsichtigt zu tun, ist, diese Anlagen zu ersetzen. „Natürlich wird man die Kraftwerke und das Stromnetz nicht vollständig ersetzen“, sagt Gavron. „Aber man muss nicht so viel in neue Kraftwerke oder eine alternde Infrastruktur investieren, wenn man auf die neuen Infrastrukturen umsteige, welche eine Energierevolution darstellen und Energie auf lokaler Ebene erzeugen.“
Die oberste Priorität der Stadt zur Reduzierung der CO2-Emissionen ist, sich von der Abhängigkeit vom nationalen Netz zu befreien und stattdessen auf eine lokale, kohlenstoffarme Energieversorgung umzusteigen. Dies schließt Kopplungsanlagen für Kühlung, Wärme und Kraft (cooling, heat and power; CCHP), Energie aus Abfall und die Nutzung erneuerbarer Energien, wie mit Hilfe von auch für Privathäuser verwendbaren Solarzellenplatten, ein.
Gavron sagt, die dezentralisierte Energieerzeugung ziehe seit dem Stromausfall im Jahr 2006 ebenfalls die Aufmerksamkeit des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg auf sich. „Dies bedeutet, dass der gesamte Süden Londons oder ein Teil Manhattans keinem Stromausfall zum Opfer fallen würde, da es Nachbarinseln gibt, und man zwischen diesen Inseln handeln kann, und dass man daher Belastungen ausgleichen und die Netze ergänzen könnte. Es ist sehr effizient – sowohl in Hinblick auf CO2 als auch auf Geld.“
- Erneuerbare Energien aus Abfall – „Das neue Paradigma“
Eine wichtige Quelle, von der Gavron hofft, sie für die dezentralisierte Energieerzeugung nutzen zu können, ist Abfall. Dies sei, so Gavron, „das neuen Paradigma in Städten“.
„Wir beabsichtigen, den organischen Abfall, der einen großen Teil der Londoner Mülltonne ausmacht, zu verwenden und ihn durch anaerobe Vergärung Kompostierung und Biogas zu erzeugen.“
„Wir wollen 15% unserer erneuerbaren Energien aus Abfall gewinnen.“
- Hindernisse der „Energierevolution“
Dennoch, so Gavron, behinderten regulatorische Hindernisse, dass diese Entwicklungen stattfänden. „Es gibt in Großbritannien Hindernisse in Hinblick auf die Höhe der Anlagen, die man für dezentralisierte Energie in Wohngebieten errichten kann. Man kann nicht mehr als 1000 Einheiten zur gleichen Zeit errichten, und dies funktioniert natürlich nicht mit bereits bestehenden Gebäuden; es ist unproblematisch, neue zu errichten, aber man kann keine komplette Nachbarschaft auf diese Art umgestalten.“
Gavron sagt, die EU könne auch helfen, indem sie Unterstützungsmechanismen für erneuerbare Energien verallgemeinere. „Zum Beispiel hat Deutschland einen Einspeisungstarif für Solarenergie, und es hat daher hundert Mal mehr von dieser Energieform als wir. Was Europa daher tun muss, ist, den höchsten Standard zur Norm zu machen.“
„Wenn man dies macht, wird der Preis für Strom aus Solarenergie und anderer Mikroerzeugung fallen. Warum sollten Privathäuser keine Mini-Kraftwerke werden? Das Verteilungsnetz zu unterstützen – das ist der Weg nach vorne. Und, wenn man einen blick auf das Gesamte wirft, schreitet dies vom Privathaus über größere Entwicklung bis zur Nachbarschaft voran.“
Sie lehnt außerdem den mit ihren Worten „verkehrten Anreiz“ ab, der auf die nationale Ebene weiterhin zutreffe. „In unserem Land bekommt man eine Belohnung – je mehr Energie man verbraucht, desto weniger muss man zahlen. Wir müssen diese Art von verkehrtem Anreiz umkehren.“
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Umweltfreundliche Gebäude
Ein weiterer Schwerpunkt des Londoner Aktionsplans zum Klimawandel ist eine Reduzierung der Emissionen von Privathaushalten, weil diese die wichtigste Quelle von CO2 – mit einem Anteil von 40% an den Gesamtemission – in London darstellen.
„Wir haben ein Programm für umweltfreundliche Haushalte und wollen den Londonern helfen, so energieeffizient wie möglich zu sein. Wir bieten ihnen kostenreduzierte Dachboden-Isolierungen, kostengünstige Hohlraumisolierung, sagte sie – ein Programm, das von einer neu eingerichteten Agentur zum Klimawandel betrieben wird.
Aber auch in diesem Bereich gibt es ein paar Hürden. „Wir in London haben kein Befugnisse für bereits existierende Gebäude, was ein ziemliches Problem für uns darstellt,“ erklärt Gavron. „Also suchen wir nach neu Gebautem, aber nur 1% des Londoner Boden wird neu bebaut.“
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Kampf gegen Luftverschmutzung mit einer neuen “Zone mit niedrigen Emissionen”
Um die Probleme der Luftverschmutzung im Londoner Zentrum anzugehen, hat Gavron für 2008 neue Ideen, um die Staugebühr, die seit 2003 in Kraft ist, zu ergänzen.
„Das nächste, was wir unternehmen werden, wird im kommenden Jahr sein. Wir werden eine Zone mit niedrigen Emissionen für den gesamten Großraum London einführen.“
Laut Gavron wird dies die „großen umweltverschmutzenden Lastkraftwagen, Taxis, Busse und Reisebusse“ betreffen und sicherstellen, dass ihre Motoren den Euro-Emissionsstandards entsprechen.
„Ich denke, wir werden mit Euro-3 anfangen, aber wir werden schnell zu Euro-4 übergehen“, sagt Gavron. „Und die Gebühren werden der Art sein, dass man nicht nach London hinein fahren wird, wenn man dabei verschmutzt“, fügt sie hinzu.
Gavron plant weiterhin, eine Feinabstimmung des bestehenden Staugebührensystems vorzunehmen. „Derzeit untersuchen wir die Möglichkeit einer variablen Staugebühr. Hier könnte man Straßengebühren einführen mit verschiedenen Gebühren für verschiedene Tageszeiten, verschieden lange Reisenwege und natürlich abhängig von der Größe des Motors und der Sauberkeit des Kraftstoff.“