Interview: 'Innovative' Lösungen für CO2-Speicherung nötig [DE]
Kohlenstoffsequestrierung und -speicherung sei, wenn auch "keine Wunderlösung", eine ideale Übergangstechnologie, die schnell eingesetzt werden müsse, wenn es Europa und der Rest der Welt mit dem Kampf gegen den Klimawandel ernst meinten, so Paal Frisvold, Leiter des Brüsseler Büros der Bellona Foundation, einer norwegischen Umwelt-NGO in einem Gespräch mit EURACTIV.
Kohlenstoffsequestrierung und -speicherung sei, wenn auch „keine Wunderlösung“, eine ideale Übergangstechnologie, die schnell eingesetzt werden müsse, wenn es Europa und der Rest der Welt mit dem Kampf gegen den Klimawandel ernst meinten, so Paal Frisvold, Leiter des Brüsseler Büros der Bellona Foundation, einer norwegischen Umwelt-NGO in einem Gespräch mit EURACTIV.
Im Interview mit EURACTIV macht Frisvold keine Zugeständnisse, wenn er die weltweiten Herausforderungen hinsichtlich der Senkung der Kohlenstoffemissionen, die durch die Nutzung fossiler Kraftstoffe entstehen, beschreibt. Darüber hinaus ist man bei Bellona der Ansicht, dass man aufgrund der Herkunft aus einem der Länder, die weltweit am meisten Öl produzieren – Norwegen – eine besondere Rolle spielen müsse.
„Norwegen ist eines der reichsten Länder der Welt, da wir fossile Brennstoffe exportiert haben, die anderen Menschen verfeuert haben – was zum Klimawandel geführt hat“, sagt Frisvold. „Wenn man aus einem Land kommt, das für beinahe drei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist, kann man nicht gleichgültig bleiben.“
Wenn es darum geht, die Emissionen zu senken, sagt Frisvold dennoch, es gebe keine „Wunderlösung“. „Ich hasse es, dieses Klischee zu verwenden, [aber] CCS ist kein Patentrezept und nicht die einzige Lösung.“
Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge werden fossile Brennstoffe – Öl, Kohle und Erdgas – auch in den kommenden Jahrzehnten den Energiemix dominieren. Kohlenstoffabscheidung und -speicherung sei bislang die einzige Technologie, die es ermögliche, die von diesen Brennstoffen verursachten CO2-Emissionen zu speichern.
Wenn die Welt ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 wirklich um 50 bis 80% – das Niveau, auf dem der Klimawandel laut der Internationalen Kommission für Klimaveränderungen vermieden werden kann – senken wollte, sind nach Ansicht der Bellona Foundation drei Dinge nötig: verbesserte Energieeffizienz, erhöhte Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen und ein umfassender Einsatz der CCS-Technologie.
Die Grenzen und Möglichkeiten von erneuerbaren Energien
Im Gegensatz zu anderen NGOs wie Greenpeace ist Bellona der Ansicht, dass erneuerbare Energien und Energieeffizienz allein nicht ausreichen. „Wir sind nicht gegen erneuerbare Energien“, so Frisvold, „wir glauben nur nicht daran, dass es sinnvoll ist, direkt auf erneuerbare Energien zurückzugreifen.”
Es gibt jedoch weiterhin eine Reihe von Bedenken, ob die CCS-Technologie schnell genug entwickelt werden kann, um der Herausforderung begegnen zu können, vor allem in Schwellenländern, die auf Kohle angewiesen sind.
CCS soll in Chinas Kohlekraftwerke eingesetzt werden
Aus diesem Grund ist Frisvold zufolge Grund zur Eile geboten. „Einige der Demonstrationsanlagen sollten sich in Schwellenländern wie China oder Indien befinden – um deren CO2-intensive Energieerzeugung zu minimieren, während es ihnen ermöglicht wird, ihre ergiebigste und am besten zugängliche Energiequelle auch weiterhin zu nutzen. Aus diesem Grund sind wir in Eile – wir müssen die Kosten für diese Technologie senken.“
Frisvold ist der Meinung, ein weltweites Klimaabkommen sei entscheidend, um den Einsatz der CCS-Technologie zu ermöglichen. „Wir müssen sicherstellen, dass während des COP15, des UN-Klimagipfels in Kopenhagen im kommenden Jahr, ein weltweites Abkommen ausgehandelt wird, so Frisvold. „Wir brauchen Zusicherungen seitens Chinas, dass das Land seine steigenden Emissionen reduzieren wird und wir müssen die wohlhabenden Länder dazu bringen, sich an der Einrichtung dieser Technologie in China zu beteiligen. Die Industrieländer müssen anerkennen, dass wir diese Welt verschmutzt haben und dass wir uns nicht in der Position befinden, von China zu fordern, keine fossilen Brennstoffe mehr zu nutzen.“
„Europa hat als Wiege der Industriellen Revolution und der fossilen Wirtschaft die moralische Verpflichtung, in neue Technologien zu investieren. Wir müssen es den Entwicklungsländern ermöglichen, der Armut zu entkommen, ohne das Klima zu gefährden.“
CCS in Europa: Es werden öffentliche Gelder für die Startphase benötigt
Auf europäischer Ebene, darauf haben sich die EU-Staats- und Regierungschefs während eines Gipfels im März 2007 geeinigt, sollen bis 2015 zehn bis zwölf CCS-Demonstrationsanlagen errichtet werden und betriebsfähig sein.
Die Finanzierung der Technologie, die äußerst teuer ist und noch in den Kinderschuhen steckt, ist ein umstrittenes Thema, da einige fürchten, sie würde öffentliche Gelder in Anspruch nehmen, die für Investitionen in erneuerbare Energien oder Energiesparmaßnahmen bestimmt waren.
Die Europäische Kommission für ihren Teil richtet den größten Teil ihrer Hoffnungen auf das EU-Emissionshandelssystem für CO2, das im Jahr 2005 ins Leben gerufen wurde. Es steht jedoch noch nicht fest, wie die CCS-Kraftwerke im Rahmen des Systems behandelt werden.
„Bis 2020, darin sind sich die meisten Beobachter einig, sollte es dem ETS möglich sein, selbst der Anreiz für CCS zu sein, ohne Unterstützung der Regierungen, da es teuerer für die Industrie sein wird, CO2 auszustoßen, als die CCS-Technologie zu installieren“, sagt Frisvold.
„Doch falls das ETS bis 2020 kein ausreichender Anreiz ist, sollte eine verpflichtende Emissionsobergrenze für Kraftwerke eingeführt werden, sodass keine neuen mit fossilen Brennstoffen betriebenen Anlagen nach 2020 ohne CCS ihren Betrieb aufnehmen können.“
„Wir sind uns mit anderen NGOs darüber einig, dass nach 2020 keine öffentlichen Gelder in Energieunternehmen fließen sollten, die CCS nutzen“, sagt Frisvold. „Wir müssen jedoch Anreize für private Investitionen liefern, um Technologien zu entwickeln, die ein derartig großes Potential haben, sei es CCS, Offshore-Windkraft oder konzentrierte Solarenergie.“
„CCS sollte öffentliche Gelder nicht von Investitionen in erneuerbare Energien abhalten.“
Die Nutzung des Emissionshandelssystems in ‚innovativer Weise’
Um die Demonstrationsphase früher CCS-Anlagen zu unterstützen, könnte das EU-Emissionshandelssystem für CO2 in „innovativer Weise“ genutzt werden, glaubt Frisvold.
„Eine Möglichkeit ist die Idee, für Demonstrationsprojekte die doppelte Menge an Emissionszertifikaten [eine Genehmigung, im Rahmen des EU-ETS eine Tonne Kohlenstoff auszustoßen] zur Verfügung zu stellen“, sagt Frisvold.
Er gesteht jedoch auch ein, dass dies zu Problemen mit anderen Industriezweigen könnte, für die ein Nachteil entstehen könnte. „Die Herausforderung in dieser Hinsicht ist, wenn die Kommission diese Tür öffnet, dann kommen andere Branchen und wollen ebenfalls von diesem Mechanismus profitieren, wie beispielsweise die Industrie für erneuerbare Energien und alle anderen Formen der kohlenstoffarmen Technologien.“
In ihrem Energie- und Klimapaket vom Januar 2008 schlug die Europäische Kommission vor, dass jede Tonne CO2, die am Eintritt in die Atmosphäre gehindert wird, indem die CCS-Technologie verwendet wird, als „nicht ausgestoßen“ gewertet werden könnte. In dieser Hinsicht würde CCS genau wie jede andere Technologie behandelt werden.
Die Bellona Foundation und andere NGOs und Unternehmen, unter ihnen Vattenfall, Shell und Alstom, haben jedoch die EU-Institutionen aufgerufen, CCS zu unterstützen, indem sie der Technologie im Rahmen des Systems die doppelte Menge an Krediten zuschreiben – einmal als nicht ausgestoßen und einmal in Form eines Handelszertifikats im Rahmen des ETS.
In einem gemeinsamen Brief an die EU-Umwelt- und Energieminister, die vom 3. bis 5. Juli 2008 in Paris zu einem informellen Treffen zusammenkommen, legen sie ihre gemeinsame Forderung dar: Die EU-Institutionen müssten dringend eine Entscheidung treffen, um einen Mechanismus für transnationale Demonstrationsprojekte zu unterstützen, wobei Industrielle, die CCS-Demonstrationsprojekte durchführten, Zertifikate für den gesamte Prozess der Abscheidung, des Transports und der nachgewiesenen Speicherung von CO2 erhalten würden, die im Rahmen des EU-ETS gehandelt würden.
Soll CCS verpflichtend werden?
Der andere entscheidende Teil der Debatte behandelt die Frage, ob die Technologie obligatorisch sein sollte oder nicht. „Wenn wir CCS nutzen wollen, dann ist das beste Signal an den Markt, alle neuen Kraftwerke zu verpflichten, bis 2020 CCS zu nutzen sowie alle bereits bestehenden Anlagen zu verpflichten, die Technologie bis 2020 bzw. 2030 zu installieren“, so Frisvold.
„Der Streit im Rat und im Parlament dreht sich derzeit darum, um dies obligatorisch sein sollte oder nicht. Die überarbeitete Version des ETS der Kommission enthält bereits den Vorschlag, Kredite für gespeichertes CO2 herauszugeben. Die Frage ist, was die finanziellen Anreize für Demonstrationsprojekte sind, und es bleibt das Problem, ob die Technologie verpflichtend sein sollte.“
„Es wird interessant sein, zu sehen, ob der Mechanismus der doppelten Wertung grünes Licht erhalten wird. Dies ist der Kampf, der gerade ausgetragen wird.“
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