Interview: eine „dritte industrielle Revolution“ ist nah [DE]
Klimawandel und die Erschöpfung der Ölreserven gehen schneller vonstatten als angenommen. Die politischen Maßnahmen, die man derzeit ergreife, würden unzureichend sein, um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, so der führende Ökonom Jeremy Rifkin in einem Interview mit EURACTIV Frankreich. Er ruft die EU auf, die Führungsrolle für eine „dritte industrielle Revolution“ zu übernehmen.
Klimawandel und die Erschöpfung der Ölreserven gehen schneller vonstatten als angenommen. Die politischen Maßnahmen, die man derzeit ergreife, würden unzureichend sein, um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, so der führende Ökonom Jeremy Rifkin in einem Interview mit EURACTIV Frankreich. Er ruft die EU auf, die Führungsrolle für eine „dritte industrielle Revolution“ zu übernehmen.
- Der „Untergang eines Energiesystems“
„Wir sind am Ende eines Energiesystems angelangt“, sagte Jeremy Rifkin EURACTIV Frankreich. Das derzeitige Energiesystem basiert auf fossilen Energieträgern. Es wird allerdings das 21. Jahrhundert nicht überdauern, da Ölpreise steigen und das Ölfördermaximum – „Peak Oil“ – seiner Meinung nach spätestens im Jahr 2030 erreicht sein werde.
„Ich weiß nicht, wer recht hat, die Optimisten oder die Pessimisten. So oder so wird es zwischen 2010 und 2030 passieren; es bleibt nur wenig Spielraum“, sagte Rifkin.
Man müsse dringend handeln, fügte er hinzu. Er verwies auf die zunehmende Zahl an Studien. Diese, unter ihnen der dritte Klimabericht der Vereinten Nationen, haben nicht nur die Geschwindigkeit des Klimawandels deutlich gemacht. Sie zeigen auch die alarmierenden Auswirkungen, die dieser mit sich bringt. „Wir müssen das ungeheure Ausmaß, von dem, was um uns herum passiert, verstehen. Hier geht es um den möglichen Untergang unserer Spezies“, warnte Rifkin.
- Eine „dritte industrielle Revolution“ gründet auf drei Säulen
Erstens. Es müssen erneuerbare Energiequellen – wie Sonnen-, Wind-, Wasser-, Biomasseenergie, sowie geothermische und ozeanische Energie – entwickelt und in jedem „Bereich, wo auch immer wir sind, in unserer Infrastruktur, in unseren Häusern, in unseren Büros, in unseren Fahrzeugen“ berücksichtigt werden. Die EU hat bereits damit begonnen, in sie zu investieren. Sie hat sich das Ziel gesetzt, bis 2020 einen 20%igen Anteil von erneuerbaren Energien am Energiemix zu erreichen (EURACTIV vom 23. Januar 2008). „Das ist gut“, sagt Rifkin, „aber es ist nicht gut genug“.
Zweitens. Die EU muss nun Möglichkeiten finden, um diese erneuerbaren Energien zu speichern. „Erneuerbare Energie sind episodisch. Die Sonne scheint nicht immer, und der Wind weht nicht immer.“
Bestehende Speichermedien, wie Batterien oder differenzierte Wasserpumpen, haben nur begrenzte Speicherkapazitäten. Rifkin ist der Meinung, Wasserstoff könnte eine Lösung darstellen – als ein „universelles Medium, dass alle erneuerbaren Energieformen ‚speichert’“.
„Wenn ein Teil des Stroms, der aus überschüssigen erneuerbaren Energiequellen gewonnen wird, genutzt werden kann, um Wasserstoff vom Wasser abzuspalten, und der dann für spätere Verwendungszwecke gespeichert werden kann, wird die Gesellschaft eine andauernde Energieversorgung genießen“, erklärte Rifkin. Während die Technologie momentan teuer zu sein scheint, müsse man sich daran erinnern, dass dies bei Autos und Computern ebenso war, fügte er hinzu.
- Eine neue Rolle für das Internet
Die dritte Säule steht mit der Verteilung im Zusammenhang. Europa muss ein „kontinentweites, vollständig integriertes intelligentes Verbindungsnetz schaffen, das sicherstellt, dass jeder EU-Mitgliedstaat sowohl seine eigene Energie herstellen, als auch seinen Überschuss mit dem Rest Europas teilen kann – ein ‚Netz’-Ansatz, mit dem die Energiesicherheit der EU sichergestellt werden kann“, sagte Rifkin. So könnte beispielsweise Italien seinen Überschuss an Sonnenenergie mit Großbritannien teilen, das wiederum im Gegenzug seine überschüssige Windenergie an Portugal abgeben könnte, und so weiter.
Aber damit dies wirklich passiere, müsse die „Kommunikationsrevolution“ mit der Energierevolution in Verbindung gebracht werden, betonte Rifkin. „Zu den großen, zentralen wirtschaftlichen Veränderungen in der Weltgeschichte ist es immer dann gekommen, wenn sich neue Energiesysteme und neue Kommunikationssysteme angenähert haben.“ Er verwies auf die Annäherung der Druckpresse Gutenbergs an die Dampfmaschine und die erste industrielle Revolution, oder die Erfindung des Telefons im 20. Jahrhundert, die mit der Verbrennungsmaschine und Öl während der zweiten industriellen Revolution zusammenfiel.
Derzeit vollziehe sich die IT-Revolution. Man müsse jedoch deren volles Potential und dessen „tiefere historische Bedeutung“ noch erkennen. „Dieses Potential liegt in der Erscheinung der erneuerbaren Energien, teilweise gespeichert in Form des Wasserstoffs, um das erste dezentrale Energiesystem zu schaffen.
- Atomenergie verlangsamt Entwicklungen
Um den weltweiten Energiebedarf mittel Atomenergie zu decken, sagt Rifkin: „Man muss innerhalb der nächsten 50 Jahre alle 30 Tage ein neues Atomkraftwerk errichten. Das macht 2 500 neue Kraftwerke. Das ist nicht realistisch.“ Investitionen in diesem Bereich, „halten uns von der dritten industriellen Revolution ab“, fügte Rifkin hinzu.
- Eine Möglichkeit für Europa
Jeder versuche, am heutigen System festzuhalten, da man verängstigt sei und keiner den ersten Schritt gehen wolle, bemerkt Rifkin. Er versteht die dritte industrielle Revolution als die „wahrscheinlich größte wirtschaftliche Chance der Geschichte“. Er betont weiterhin, die EU – als mit 500 Millionen Verbrauchern der weltgrößte Binnenmarkt – besitze die notwendigen Eigenschaften, um hier voranzugehen. „Europa sollte nicht in Panik geraten“, nur weil andere Nationen, wie die USA, sich nicht an diesen Entwicklungen beteiligten. „Europa sorgte für die erste industrielle Revolution. Wir (die USA) ermöglichten die zweite und nun kann Europa die dritte herbeiführen.“
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