In 5 Jahren: Solarstrom aus der Sahara
Europa werde in den nächsten fünf Jahren seine erste solargenerierte Energie aus Nordafrika importieren, meint EU-Energiekommissar Günther Oettinger in einem Interview. „Desertec als Ganzes ist eine Vision der nächsten 20 bis 40 Jahre mit Investitionen von Hunderten Milliarden Euro."
Europa werde in den nächsten fünf Jahren seine erste solargenerierte Energie aus Nordafrika importieren, meint EU-Energiekommissar Günther Oettinger in einem Interview. „Desertec als Ganzes ist eine Vision der nächsten 20 bis 40 Jahre mit Investitionen von Hunderten Milliarden Euro.“
Die Europäische Union unterstützt Projekte, das reichliche Sonnenlicht der Sahara in Elektrizität für das energiehungrige Europa umzuwandeln. Von dem Plan verspricht sie sich Hilfe für ihr Ziel, bis 2020 zwanzig Prozent ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen.
"Ich denke, dass Modelle, die in den nächsten fünf Jahren beginnen, einige Hundert Megawatt auf den europäischen Markt bringen werden", sagte Oettinger in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters nach einem Treffen mit den Energieministern von Algerien, Marokko und Tunesien vergangenen Sonntag.
Er sagte, die anfänglichen Volumina würden aus kleinen Pilotprojekten kommen, doch die Menge an Elektrizität könnte sich auf Tausende von Megawatt belaufen, wenn Projekte wie das 400-Milliarden-Euro-Projekt Desertec ins Netz kommt.
"Das braucht Zeit"
"Desertec als Ganzes ist eine Vision der nächsten 20 bis 40 Jahre mit Investitionen von Hunderten Milliarden Euro“, so Oettinger. „Einen größeren Anteil an erneuerbaren Energien wie Solar und Wind zu integrieren, braucht Zeit."
Die EU unterstützt die Verlegung neuer Stromkabel und Verbindungsleitungen unter dem Mittelmeer, die diese Energie von Nordafrika nach Europa bringen sollen.
Einige Umweltgruppen haben davor gewarnt, dass diese Kabel stattdessen genutzt werden könnten, um nicht erneuerbare Energie von kohle- und gasbetriebenen Kraftwerken aus Nordafrika zu importieren.
„Dies ist eine gute Frage, aber nicht eine Frage, die unser Projekt zerstören wird“, so Oettinger. "Diese Frage muss durch eine gute Antwort beantwortet werden, und deshalb brauchen wir Wege, um sicherzustellen, dass unser Energieimport aus erneuerbaren Energien stammt."
Überwachung der Energiequellen
Er sagte, es sei technologisch möglich, Energieimporte in die EU zu überwachen und herauszufinden, ob sie aus erneuerbaren Quellen oder fossilen Brennstoffen stammen. "Diese Frage muss in den nächsten Jahren gelöst werden."
In dem Desertec-Konsortium sitzen unter anderem große Firmen wie Siemens, RWE und die Deutsche Bank. Es wird erwartet, dass sie um öffentliche Gelder für ihr Projekt ansuchen werden.
Oettinger sagte, die Unterstützung der EU werde wahrscheinlich Hilfe beinhalten bei der Koordinierung von Akteuren, der Aktualisierung von Regulierungen, um importierte Elektrizität über europäische Grenzen hinweg zu transportieren, und bei der Finanzierung von Machbarkeitsstudien.
Aussicht auf EU-Gelder
Zu den Aussichten auf EU-Gelder oder der Erlaubnis durch die Kommission von staatlichen Beihilfen an die involvierten Firmen sagte er, dies werde klar werden, sobald das Konsortium seinen detaillierten Geschäftsplan vorgestellt habe.
Alle drei Energieminister hätten bei dem Treffen in der algerischen Hauptstadt signalisiert, dass sie gewillt seien, die Infrastruktur und die Binnenmarktregeln aufzubauen, die benötigt werden, um einen Handel mit erneuerbarer Energie mit Europa zu ermöglichen.
Er widersprach den Sorgen, die in der Vergangenheit von einigen Beamten in Algerien ausgedrückt worden sind, dass das Projekt die Ausbeutung der afrikanischen natürlichen Ressourcen durch die Europäer beinhalten könnte.
Keine einseitige Partnerschaft
"Erneuerbare Energien sind eine zweigleisige Partnerschaft, da die Elektrizität, die hier produziert wird, für den heimischen Markt in nordafrikanischen Ländern bestimmt ist."
"Vielleicht wird ein größerer Teil des Stroms an Europa exportiert werden, doch gleichzeitig müssen wir die Technologie exportieren, die Instrumente, die Maschinen, die Experten, und deswegen ist es eine echte Partnerschaft, nicht nur eine, in der einer verkauft und einer kauft."
Hintergrund
Die EU will ihr langfristiges Ziel, ihre Wirtschaft CO2-unabhängig zu machen, erreichen, indem sie die heimische Produktion erneuerbarer Energie durch Solarimporte aus Nordafrika ergänzt.
Eines der Flaggschiffprojekte in dieser Hinsicht ist die Desertec-Industrie-Initiative, die im Juli 2009 von zwölf Firmen begonnen wurde, die beschlossen, Finanzierungspläne einzurichten, um Solarprojekte in der Sahara zu entwickeln (EURACTIV 22.07.09).
Das 400 Milliarden Euro Projekt zielt darauf ab, letztlich 15 Prozent des Energiebedarfs Europas mit Solarenergie durch ein Hochspannungskabel zu decken.
Nach dem Ministertreffen erklärte Oettinger: "Es ist sehr wichtig, dass die drei Maghreb-Länder heute in Algier mit Nachdruck ihren gemeinsamen Willen bekräftigen, einen Maghreb-Strommarkt in der Perspektive einer Integration mit dem europäischen Markt zu schaffen. Sie geben damit ein sehr positives Signal für unsere Energiezusammenarbeit mit diesen Ländern, die sich durchaus zu einer strategischen Partnerschaft entwickeln kann".
Diese Ministererklärung bekräftigt das gemeinsame Ziel einer Integration der Strommärkte und legt einen Plan für konkrete Maßnahmen in den kommenden Jahren und sowie das Prinzip eines jährlichen Ministertreffens zur Bewertung der erzielten Fortschritte fest.
Die in den drei Ländern angestoßenen Reformen im Stromsektor werden schrittweise auch die regionale Dimension einbeziehen und den länderübergreifenden Stromhandel und -transport ermöglichen. Dieser Prozess begünstigt Investitionen im Stromsektor, insbesondere für Projekte im Bereich der regenerativen Energien.
Ministertreffen in Algier
Den Vorsitz bei dem heutigen Ministertreffen in Algier führte Youssef Yousfi, der algerische Minister für Energie und Bergbau. Weitere Teilnehmer des Treffens waren Amina Benkhadra, die marokkanische Energieministerin, und Afif Chelbi, der tunesische Minister für Industrie und Technologie. Zum Abschluss des Ministerrates wurde eine gemeinsame Erklärung der Minister in Anwesenheit von Kommissar Oettinger unterzeichnet.
Die Integration der Maghreb-Strommärkte wurde 2003 durch das Protokoll von Rom auf den Weg gebracht und durch ein von der Europäischen Union zwischen 2007 und 2010 finanziertes Projekt für technische Unterstützung flankiert. Nach dieser Vorbereitungsphase leitet nun das heutige Ministertreffen den Einstieg in die konkrete Verwirklichung eines Maghreb-Strommarktes auf der Grundlage eines Aktionsplans ein.
(EURACTIV mit Reuters)
Desertec-Gründungsvorstand Führ: Desertec ist keine Utopie (14. Juni 2010)
Links:
EU-Kommission: Europäische Kommission engagiert sich für die Integration der Maghreb-Strommärkte. Pressemitteilung (20. Juni 2010)
News:Neue Partner für weltgrößtes Solarprojekt
LinksDossier:Die Unterstützung erneuerbarer Energien: Übergangsmaßnahmen
LinksDossier:Solarkraft
Bericht der "Islamischen Zeitung" (auf deutsch): "Neokoloniale" Solarkolonien für Deutschland?"